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Ukraine-Wahl: Solo für den Schokoladenkönig

Aus Kiew berichtet

Topkandidat Poroschenko: Gutes Ergebnis am Sonntag erwartet Zur Großansicht
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Topkandidat Poroschenko: Gutes Ergebnis am Sonntag erwartet

Die zerrüttete Ukraine wählt am Sonntag einen neuen Präsidenten. Milliardär Poroschenko hat beste Chancen. Doch was ist mit Gasprinzessin Tymoschenko? Und wie verhält sich Russland? Antworten auf die wichtigsten Fragen vor der Wahl.

Die gute Nachricht zuerst: Wenn die Umfragen nur halbwegs stimmen, scheren sich die Ukrainer trotz ihrer schwierigen Lage kaum um radikale Parolen. In den Prognosen führt der Milliardär Petro Poroschenko mit großem Abstand, er ist ein typischer Kompromiss-Kandidat. Nicht ausgeschlossen, dass er schon nach dem ersten Wahlgang am Sonntag Präsident wird.

Radikale wie der Chef der Nationalisten-Partei Oleh Tjagnibok und Dmitro Jarosch, Kommandeur des "Rechten Sektors", dürften jeweils kaum mehr als zwei Prozent der Stimmen erringen. Auch Oleh Ljaschko von der "Radikalen Partei", der selbst auf den Maidan-Barrikaden gekämpft hat, liegt gerade einmal bei fünf Prozent.

Im Osten steht die Ukraine am Rande eines Bürgerkriegs, die Wirtschaft rutscht in eine schwere Krise, der Währungsverfall frisst die Einkommen der Mittelklasse auf. In Kiew entlassen Banken und Immobilienfirmen Mitarbeiter. Aber die Mehrheit der Bürger bleibt ruhig.

Wie tickt der Favorit?

Präsidentschaftskandidat Poroschenko: Schlauer Taktiker Zur Großansicht
AFP/ Poroshenko Press Service

Präsidentschaftskandidat Poroschenko: Schlauer Taktiker

Petro Poroschenko, 48, kann laut Umfragen auf mindestens 40 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang hoffen. Das ist bemerkenswert. Diese Marke hatte weder Wiktor Juschtschenko 2004 geknackt, noch der inzwischen entmachtete Wiktor Janukowytsch 2010. Poroschenkos Vermögen wird auf 1,3 Milliarden Dollar geschätzt, reich wurde er mit Schokolade. Er war mal einer der Gründerväter von Janukowytschs Partei der Regionen, später unterstützte er die Orange Revolution. Jetzt will der Unternehmer die Ukraine näher an die EU führen.

Poroschenko gilt als ausgewiesener Fachmann in Wirtschaftsfragen und als ein schlauer Taktiker, mit guten Kontakten zu allen politischen Lagern. So diente er noch 2012 Janukowytsch als Wirtschaftsminister.

Viele Ukrainer sind enttäuscht von ihrer politischen Elite. Weder das Lager der Orangen Revolution noch Janukowytschs Mannschaft hat das Land modernisiert. Viele Politiker sind in der Ukraine so verhasst, dass Soziologen in Umfragen sogar ein sogenanntes "Anti-Rating" erheben: Welchen Politiker würden sie auf gar keinen Fall wählen? Auf den vorderen Plätzen landen dort derzeit Vertreter von Janukowytschs Partei der Regionen - und Julija Tymoschenko.

Dass Poroschenkos Wahlkampagne schlecht organisiert war, fällt kaum ins Gewicht. So hat er es bislang nicht geschafft, eine schlagkräftige Mannschaft zu präsentieren, geschweige denn eine starke Partei. In Kiew wird allerdings spekuliert, dass Teile der Übergangsregierung sich nach der Wahl an seine Seite stellen. Es fällt vor allem der Name von Premierminister Jazenjuk, gelegentlich auch der von Übergangspräsident Olexander Turtschynow.

Wie stehen die Chancen der Gasprinzessin?

Tymoschenko: Harter Kurs gegen Oligarchen Zur Großansicht
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Tymoschenko: Harter Kurs gegen Oligarchen

Julija Tymoschenko wird diese Wahl verlieren. In manchen Umfragen muss sie sogar um den zweiten Platz bangen, der ehemalige Verteidigungsminister Anatolij Hryzenko könnte am Sonntag noch an ihr vorbeiziehen. Tymoschenko hat als einzige Kandidatin eine Volksabstimmung über einen EU-Beitritt und eine Nato-Mitgliedschaft gefordert. Das bringt den Osten des Landes gegen sie auf.

Für den Fall einer Niederlage hat Tymoschenko bereits einen "dritten Maidan-Aufstand" angekündigt. Im Wahlkampf fordert sie einen harten Kurs gegen Oligarchen wie Poroschenko. Viele Ukrainer nehmen ihr das nicht ab, da sie selbst lange an der Macht war und mit Gasgeschäften ein Vermögen machte. Mit Übergangspremier Jazenjuk und Teilen der eigenen Partei scheint sie sich überworfen zu haben.

Was macht Vitali Klitschko?

Vitali Klitschko: Bürgermeisterwahlkandidat in Kiew Zur Großansicht
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Vitali Klitschko: Bürgermeisterwahlkandidat in Kiew

Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko hat seine Präsidentschaftskandidatur im März zurückgezogen. Er unterstützt Poroschenko. Klitschko kandidiert bei den Bürgermeisterwahlen in Kiew. In Umfragen führt er mit großem Abstand und könnte am Sonntag 40 Prozent der Stimmen erringen. Sein nächster Konkurrent liegt bei sechs bis sieben Prozent.

Wie ist Lage im umkämpften Osten?

Die bewaffneten Separatisten haben ihre Angriffe vor der Wahl verstärkt. Am Donnerstag starben viele ukrainische Soldaten bei einem Feuerüberfall von Kämpfern der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk", mindestens 16 Militärs wurden nach neuesten Angaben getötet. Videos zeigen, dass die Rebellen über schwere Waffen wie Maschinengewehre und Granatwerfer verfügen.

In den Städten Donezk und Luhansk haben sie mehrere Wahlkommissionen überfallen. Wahlhelfer werden mit dem Tode bedroht. Die Regierung in Kiew will 50.000 Polizisten und 20.000 Freiwillige mobilisieren, um die Wahllokale zu schützen. Doch schon jetzt ist klar, dass viele Bürger im Osten des Landes nicht abstimmen können

Wie agiert Russland?

Die Attacken der Separatisten spielen Moskau in die Hände. Je chaotischer der Sonntag im Osten verläuft, desto wahrscheinlicher wird Russland der Wahl die Anerkennung verweigern. Der Kreml hat zwar vor Wochen die Wahlen in der Ukraine halbherzig begrüßt als "Schritt in die richtige Richtung". Und am Freitag sagte Präsident Putin auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg, er werde die Ergebnisse der Wahl "respektieren" und wolle mit einer neuen Führung zusammenarbeiten. Das Wort "anerkennen" vermied er jedoch. Premierminister Dmitrij Medwedew verurteilte den Urnengang vor einigen Tagen erneut als "Folge eines antikonstitutionellen Machtwechsels".

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Intelligente
hevopi 25.05.2014
Politiker, nicht korrupt, nicht Geldgeil und nicht Lobbyismus-hörig in der Ukraine gesucht. Gibt es da wirklich keine Persönlichkeiten, die sich für die Menschen einsetzen?
2. gutbeten vorab
etopia 25.05.2014
Der Westen führt eine Wahl in einem Kriegsgebiet durch und redet das schon vorab schön. Hier wird mit aller Gewalt versucht den Anschein einer legitiemen Regierung zu erzeugen. Wahl im Kriegsgebiet kann doch nicht demokratisch sein, das ist ein Witz! Hierzulande haben inzwischen PR Agenturen die Meinungsbildung an sich gerissen. Keine Negativ Botschaften aus der Ukraine und schon erst recht keine Bilder vom Krieg. Gleichzeitig werden die Separatisten diffamiert wo es geht: greifen legitime Truppen mit schweren Waffen, einschüchtern der Bevölkerung durch Separatisten , Amerikas Aktivitäten verschweigen, und zu guter letzt scheinbar unabhängige Gutachten ( UNO, HRW ) die bescheinigen wie Böse die sind. So hat man uns schon oft hinters Licht geführt.
3. Ist ja auch gut, wenn diese Oligarchen....
topodoro 25.05.2014
Ist ja auch gut, wenn sich diese milliardenschwere Oligarchen, oder wie der Autor sie nennt, diese ausgewiesenen Fachleute in Wirtschaftsfragen und schlaue Taktiker, sich als Präsident/in wählen lassen. Dann brauchen wir ja keinen Euro mehr in diese Richtung zu schicken. Keinen Euro in dieses korrupte Fass ohne Boden !
4. optional
fazil57guenes 25.05.2014
Poroschenko kann man nicht für 5 Kopeken über den Weg trauen. Keinem dieser Oligarchen kann man es. Bei der Gasprinzessin Timoschenko haben sie zwar erwähnt, dass sie Ihre Milliarden mit Gasgeschäften verdient hatte. Leider haben sie es (leichtfertig oder vorsätzlich) unterlassen zu erwähnen, dass diese Gasgeschäfte irregulär waren und sie deshalb völlig zurecht verurteilt worden war. Sie ist diejenige, der man es zu verdanken hatte, dass die damals so Hoffnungsvolle und Vorbildliche und Gewaltfreie "Orangene Revolution" durch ihr durch und durch korruptes und skrupelloses Wesen gescheitert war......... Der Ort und der Begriff des Majdan ist inzwischen zu einem völlig inflationären Begriff geworden. Der rechte Sektor und die Swoboda, haben zwar in den Umfragen nur wenige Prozent; dennoch muss der neue Präsident mit dieser Regierung zusammen das Land regieren. Das gegenseitige Vertrauen in diesem Land ist dahin. Der Osten wird sich von Kiew nichts mehr oktroyieren lassen. Schon gar nicht von jemanden der sie als Banditen beschimpft oder von jemanden der sie mit Atomwaffen beschiessen will. Warum erkennen wir das Selbstbestimmungsrecht des Ostens nicht an, im Kosovo haben wir es ja sogar mit einem Angriffskrieg eingefordert.
5. 2% für die Rechtsradikalen;
goldring 25.05.2014
dann sind sie da, wo sie hingehören. Das propagandistische Konstrukt einer "faschistischen Junta" lässt sich damit nicht mehr aufrechterhalten. Aber der Schwarm der Separatistenversteher ist ja zwischenzeitlich dahingehend umorientiert worden, dass man jetzt vom "Schokoladenbonzen" spricht. Ich würde mir von den gemeinten Foristen wirklich etwas mehr Solidarität mit der jungen ukrainischen Demokratiebewegung wünschen; was die Menschen in der Westukraine wünschen, wurde hier bisher von den Putin-Getreuen vollkommen ausgeblendet.
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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