Aggressives TV-Duell in Frankreich "Sie haben immer das Wort Lüge im Mund"

Vor der Stichwahl haben sich die französischen Präsidentschaftskandidaten einen harten Schlagabtausch geliefert. Dabei griffen sich Amtsinhaber Sarkozy und Herausforderer Hollande auch persönlich an. Als leuchtendes Beispiel diente beiden der erfolgreiche Nachbar Deutschland.

Amtsinhaber Sarkozy: Deutschland als Vorbild für Frankreich
REUTERS

Amtsinhaber Sarkozy: Deutschland als Vorbild für Frankreich


Paris - Der Wahlkampf in Frankreich wird hitziger. Am Mittwochabend lieferten sich der amtierende Präsident Nicolas Sarkozy und der Sozialist François Hollande ein hartes Fernsehduell. Dabei wurden die Angriffe teilweise auch persönlich. "Sie haben immer das Wort Lüge im Mund - ist das ihr persönliches Problem?", fragte Hollande den konservativen Staatschef. Sarkozy wiederum warf Hollande vor, das Land "in Gefahr zu bringen, weil kein Land der Welt Ihre Politik teilt".

Die Debatte zeigte deutlich die programmatischen Unterschiede zwischen den beiden Kandidaten: Hollande tritt für einen vorsorgenden, regulierenden Staat ein. Sarkozy hingegen will mit einem wirtschaftsliberalen Programm und niedrigeren Arbeitskosten das Wachstum wieder ankurbeln.

In weiten Teilen der ersten Debattenstunde spielte der Vergleich zu Deutschland eine große Rolle. Sarkozy warf Hollande vor, ein Programm vorzulegen, das dem "erfolgreichen Nachbarland" zuwider laufe. Deutschland gebe den Arbeitgebern viel mehr Freiheiten und das sei ein gutes Modell.

Hollande sprach hingegen die starke Rolle der deutschen Gewerkschaften an und hob die Erfolge der Arbeitsmarktpolitik hervor. "Unsere Arbeitslosigkeit ist gestiegen, unsere Wettbewerbsfähigkeit ist gesunken und Deutschland hat es besser gemacht als wir". Sarkozy erinnerte seinen Rivalen daraufhin daran, dass dieser Maßnahmen nach deutschem Vorbild wie die Schuldenbremse ablehne.

"Es herrscht eine sehr angespannte Atmosphäre"

Auch um die europäische Krisenpolitik wurde heftig gestritten. "Ich finde es richtig, dass die Länder sich in einem Fiskalpakt auf Regeln geeinigt haben. Auch unser Land wird seit zehn Jahren schlecht regiert und hat Regeln nötig", sagte Hollande. Aber darüber sei das so fundamentale Wachstum vergessen worden.

Er forderte unter anderem, die Europäische Zentralbank solle direkt Geld an die Länder verleihen anstatt günstig Geld an Banken zu vergeben, die dann zu "horrenden Zinssätzen" an die Länder leihen würden. "Seit meinem Erfolg bewegt sich Europa wieder", sagte Hollande. Es sei seine Aufgabe, den Kurs Europas zu ändern.

Sarkozy betonte indes, es gebe nur einen großen Unterschied in der Europapolitik zwischen den beiden Kontrahenten: Die Euro-Bonds, die Hollande einfordert, seien gefährlich für Frankreich. "Wir wollen nicht für die Schulden anderer zahlen."

"Es herrscht eine sehr angespannte Atmosphäre", sagte der Meinungsforscher Frédéric Dabi vom Ifop-Institut. Sarkozy spreche Hollande auf "etwas lehrerhafte Art" die Fähigkeit ab, das Land zu regieren.

Das 1974 eingeführte Fernsehduell ist der Höhepunkt des Wahlkampfes in Frankreich. Am 6. Mai findet die Stichwahl für das Präsidentenamt statt. Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage liegt der Sozialist Hollande mit 54 Prozent deutlich vor Sarkozy, der auf 46 Prozent kommt.

Für einen Sieg am Sonntag bräuchte Sarkozy rund drei Viertel der Stimmen der rechtsextremen Front National (FN). Die FN-Vorsitzende Marine Le Pen hatte aber am Dienstag angekündigt, sie werde einen leeren Stimmzettel abgeben und wandte sich gegen beide Kandidaten.

stk/dapd/AFP



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insgesamt 23 Beiträge
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vielosof 03.05.2012
1. Modell Deutschland
Verrückte Welt: während der Deutsche sich darin gefällt sein Land tiefschwarz zu sehen und ebenso in die Zukunft zu blicken, sehen in Frankreich ein konservativer und ein sozialistischer Präsidentschaftskandidat das Modell Deutschland offenbar als Vorbild.
Methusalixchen 03.05.2012
2. Kriegt man das eigentlich jemals ...
... in die Köpfe der Deutschländer, daß es nicht "die", sondern "der" Front National" heißt?
alibaba2010 03.05.2012
3.
Monsieur Hollande ist ein Hitzkopf, und das ist mehr als bedenklich. Mehr als einmal debattierte er heute Abend im französichen TFR1 Programm mit puterrotem Kopf, wenn es für ihn eng wurde. Nicht auszudenken, wenn dieser Hitzkopf die Schlüssel des Atomkoffers im Ernstfall in den Händen hält und seine Contenance verliert. Sarkozi blieb auch bei verbalen Angriffen ruhig und besonnen und ist in jedem Fall die sichere Option - für Europa...
tim-quasineutral 03.05.2012
4.
Hollande scheint nicht viel Ahnung von der dt. Arbeitsmarktpolitik zu haben, lief diese doch eher in die Richtung, welche auch Sarkozy einschlägt und Hollande selber geht genau den entgegengesetzten Weg. Aber da die Franzosen es wohl auch nicht besser wissen, wird wohl kaum jemand dieser Fehler auffallen. Bei dem Duell ist mir vor allem eines aufgefalen: Hollande konnte sich oft nicht benehmen und fiel Sarkozy stuandig ins Wort. Gegen Ende konnte sarkozy keine drei Worte zusammenhängend sagen. Selbst das Schlussplädoyer von Sarkozy unterprach Hollande. Sollte Hollande gewinnen, nimmt Europa an einem spannenden Experiment teil: Auf der einen Seite Deutschland mit seinen Wirtschaftsorientierten Reformen und auf der anderen Seite Frankreich mit einem stärker auf den Staat und die Versorgung gerichteten Politik. In 5 bis 10 Jahren wissen wir dann, was besser ist.
mischamark 03.05.2012
5. Sarko schwach
Hollande, den ich nicht ausstehen kann, kam besser vorbereitet herüber als Sarko, der aggressiv und fahrig wirkte. Hollande spielte den grossen Staatsmann, der er wohl kaum sein wird, auch wenn man ihn am Sonntag wählt. Sarko hat ganz klar das Coaching von Hollande unterschätzt. Und Sarko mit seinem Mega-Hyper-EGO würde sich natürlich nicht coachen lassen.
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