Paris - Die Sozialisten in Frankreich dürfen darauf hoffen, künftig den Präsidenten zu stellen: Herausforderer François Hollande hat die erste Runde der Präsidentschaftswahlen gewonnen. Der Sozialist kam nach Auszählung von 99 Prozent der Stimmen auf 28,6 Prozent. Amtsinhaber Nicolas Sarkozy holte demnach 27,2 Prozent.
Trotz des knappen Vorsprungs werden Hollande die besten Aussichten auf einen Sieg in der Stichwahl am 6. Mai eingeräumt. Das Umfrageinstitut Ipsos veröffentlichte am Sonntagabend eine Befragung, wonach Hollande im zweiten Durchgang mit 54 Prozent der Stimmen rechnen kann, Sarkozy würde demnach auf 46 Prozent kommen.
Hollande ließ sich am Sonntagabend von seinen Anhängern feiern. "Das Ergebnis ist ein Vertrauensvotum für mein Projekt für Frankreich", sagte Hollande unter dem Jubel seiner Parteifreunde. "Ich bin der Kandidat aller Franzosen, die ein neues Kapitel aufschlagen wollen." Er sei "der Bestplatzierte, um der nächste Präsident der Republik zu werden".
Quelle: Französisches Innenministerium
Das starke Abschneiden der Rechtsextremen ist eine Wahl-Überraschung: Marine Le Pen kam auf 17,9 Prozent der Stimmen, deutlich mehr, als in Umfragen erwartet worden war - und das trotz einer hohen Beteiligung. Le Pens Wahlkampfleiter Florian Philippot kündigte umgehend an, man werde den konservativen Amtsinhaber nicht unterstützen. "Nicolas Sarkozy ist schon erledigt", sagte er. Marine Le Pen werde nun zur Chefin der Opposition.
"Ich werde das System zum Beben bringen"
Bestätigt sich der Trend, hätte sie mehr Stimmen als ihr Vater Jean-Marie vor zehn Jahren eingefahren, er hatte 2002 mit nur rund 16,9 Prozent die Stichwahl erreicht und Frankreich in eine Schockstarre versetzt.
In ihrer Rede vor Anhängern nach Schließung der Wahllokale sagte Le Pen: "Wir sitzen am Tisch der Eliten. Dieser erste Wahlgang ist erst der Anfang. Der Kampf um Frankreich beginnt erst." Ihre Partei sei die einzige Opposition gegen Linke und Liberale. "Ich werde das System zum Beben bringen", sagte Le Pen.
Sarkozy, der Verlierer des ersten Wahlgangs, trat am späten Sonntagabend vor seine Anhänger - und wirkte kämpferisch. In seiner Rede forderte er drei TV-Debatten bis zur Stichwahl: "Die Franzosen brauchen Klarheit", betonte der Präsident. "Ich verspreche Ihnen, alle meine Energie aufzuwenden, die ich habe." Im Namen der Vaterlandsliebe sollten sich die Franzosen um ihn scharen. "Es wird darum geben, wer die Verantwortung für unser Leben übernehmen wird und die Franzosen in den kommenden fünf Jahren verteidigen wird."
Drei TV-Duelle - für Sarkozy wäre das möglicherweise ein letzter Trumpf, denn der Amtsinhaber gilt als der deutlich bessere Redner als sein Herausforderer. Die drei Begegnungen mit Hollande sollten drei Themen gewidmet sein: Wirtschaft, Gesellschaft und Außenpolitik, sagte Sarkozy am Sonntagabend. Aber Hollande lehnte den Vorschlag umgehend ab. Er werde die Planung nicht ändern und nur eine Debatte mit Sarkozy führen, "egal wie lange sie dauert".
"Massive Ablehnung"
Sozialisten-Chefin Martine Aubry nannte das Wählervotum im Fernsehsender TF1 eine "schreckliche Ablehnung" Sarkozys. Hollandes Wahlkampfsprecher Manuel Valls sprach im Fernsehsender France 2 von einem "außergewöhnlichen Ergebnis", das die Hoffnung auf einen Machtwechsel stärke. Der Chef von Sarkozys konservativer Partei UMP, Jean-François Copé, forderte die Anhänger des Präsidenten auf, weiter zu kämpfen. "Wir setzen den Kampf unter anderen Bedingungen fort", sagte Copé im Fernsehsender TF1. Sarkozys Außenminister Alain Juppé wies darauf hin, dass die Entscheidung noch nicht gefallen sei.
Sollte Hollande sich bei der Stichwahl am 6. Mai durchsetzen, wäre er der zweite sozialistische Präsident Frankreichs nach François Mitterrand. Dieser schied vor 17 Jahren aus dem Amt. Sarkozys Parteifreund Jacques Chirac gewann damals die Wahl.
Der lange als blasser Regionalpolitiker verschriene Hollande, der in der Corrèze im südwestlichen Landesinneren verwurzelt ist, setzte sich 2011 bei den Vorwahlen der Sozialisten klar als Kandidat durch. Seine politischen Gegner werfen ihm vor, ihm fehle Regierungserfahrung und internationales Profil.
Tatsächlich war der langjährige Parteichef der Sozialisten nie Minister. Doch sein harmloses Auftreten täuscht darüber hinweg, was in ihm steckt: Der aus dem nordfranzösischen Rouen stammende Arztsohn absolvierte gleich drei Elite-Unis. Schon als 20-Jähriger arbeitete er im Wahlkampf für François Mitterrand, der ihn nach seinem Sieg 1981 in den Elysée-Palast holte.
Bei den Sozialisten stand er lange im Schatten seiner Lebensgefährtin Ségolène Royal, mit der er vier Kinder hat. Die beiden trennten sich, nachdem Royal 2007 bei der Präsidentschaftswahl gegen Sarkozy verloren hatte. Hollande hatte allerdings schon vorher die "Frau seines Lebens" gefunden: die 47-jährige Politikjournalistin Valérie Trierweiler. Sie soll einen erheblichen Anteil daran haben, dass Hollande seit 2010 mehr als zehn Kilo abspeckte - wegen seiner Figur wurde er lange als "Pudding" verspottet.
Linkskandidaten machen sich für Hollande stark
Trotz seines guten Abschneidens im ersten Wahlgang ist der Sieg Hollandes beim zweiten Wahlgang aber noch keineswegs sicher. Entscheidend ist, wie die Wähler jener acht Kandidaten, die es nicht in den zweiten Wahlgang schaffen, dann abstimmen.
Mehrere Linkskandidaten machten am Sonntagabend ihre Unterstützung für Hollande deutlich. Der Linkskandidat Jean-Luc Mélenchon rief dazu auf, Sarkozy in der Stichwahl am 6. Mai "zu schlagen". "Unser Volk scheint fest entschlossen zu sein, die Sarkozy-Jahre abzuschließen." Es gehe darum, "die Tendenz umzudrehen, die in Europa alle Völker unter dem Joch der Achse Sarkozy-Merkel unterdrückt", sagte der den Kommunisten nahestehende Politiker, der nach Hochrechnungen auf 11,1 Prozent der Stimmen kam. Die grüne Kandidatin Eva Joly rief ihre Anhänger ebenfalls auf, in der Stichwahl für Hollande zu stimmen.
Anders als der konservative Amtsinhaber will Hollande erst 2017 statt 2016 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Zudem dringt er auf einen Steuersatz von 75 Prozent für Spitzenverdiener und eine Steuer auf Finanztransaktionen. Auch will er zusätzlich 60.000 Lehrer einstellen. Le Pen hatte gegen den Euro gewettert und sich für protektionistische Programme zugunsten der jungen und desillusionierten Arbeiter ausgesprochen. Nach den Anschlägen von Toulouse im vergangenen Monat legte sie zuletzt jedoch den Schwerpunkt auf Innere Sicherheit und die Einwanderungspolitik. Aufgerufen zur Wahl waren 44,5 Millionen Männer und Frauen.
Für das deutsch-französische Verhältnis erwarten Experten auch bei einem Machtwechsel keine tiefgreifenden Veränderungen.
Das französische Staatsoberhaupt wird für fünf Jahre gewählt und darf nur zwei Amtsperioden in Folge regieren. Die laufende Amtszeit endet offiziell am 15. Mai. Im Fall einer Niederlage von Sarkozy wäre er der erste Präsident seit mehr als 30 Jahren, der seinen Kampf um die Wiederwahl verliert.
hen/dpa/Reuters/AFP
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