Wahlkampf in Frankreich: Sarkozy kapert den 1. Mai

Von , Paris

Nur wenige Tage bleiben Nicolas Sarkozy, um Frankreichs Wahlvolk zu gewinnen. Nun will der Präsident den symbolträchtigen "Tag der Arbeit" mit seinen Themen besetzen, um dem Rivalen François Hollande Stimmen abzujagen. Gewerkschaften und Linke sind empört.

Wahlkämpfer Sarkozy: "Fest der Arbeit" am Eiffelturm Zur Großansicht
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Wahlkämpfer Sarkozy: "Fest der Arbeit" am Eiffelturm

Der Maiglöckchenstrauß gehört dazu, Transparente, Tröten, rote Fahnen und gelegentlich auch ein gut gefüllter Picknick-Korb: Wenn die Franzosen am 1. Mai landesweit auf die Straße gehen, dann feiern sie den "Tag der Arbeit" mit einer guten Portion nostalgischem Stolz auf die Errungenschaften von mehr als hundert Jahren sozialer Kämpfe. Eine wichtige Rolle spielen aber auch künftige Auseinandersetzungen. Und nicht selten endet die kämpferische Demonstration gewerkschaftlicher Solidarität in der gemeinsamen Verkostung einer deftigen Vesper.

In Paris führt die herkömmliche Marschroute vom Platz Denfert-Rochereau über die Seine bis zur Place de la Bastille - symbolischer Ursprungsort der Französischen Revolution. Doch dieses Jahr bekommt die linke Tradition Konkurrenz von rechts. Gewiss, immer schon trafen sich die Anhänger des rechtsextremen Front National am 1. Mai vor dem Standbild der Jeanne d'Arc gegenüber von Louvre und den Tuillerien-Gärten. Bislang war das Ganze eher eine Feier zu Ehren der Nationalheiligen, nun will sich FN-Chefin Marine Le Pen im Wahlkampfjahr 2012 auch als Anwältin der Arbeitswelt darstellen.

Obendrein hat sich für den 1. Mai auch Staatschef Nicolas Sarkozy als Festredner angemeldet: Wenige Tage vor der zweiten Runde der Präsidentenwahl am kommenden Sonntag will er das historisch besetzte Datum zu einer eigenen Kundgebung am Eiffelturm nutzen. "Wir werden am 1. Mai das Fest der Arbeit organisieren", verkündete der angezählte Präsident und versprach "ein Fest der richtigen Arbeit, jener, die hart arbeiten, jener, die leiden und die nicht länger wollen, dass man, wenn man nicht arbeitet, mehr verdienen kann, als wenn man arbeitet".

"Wir werden die Arbeit verteidigen"

Seit Beginn seiner Kampagne stellt Sarkozy den "Wert der Arbeit" den "Staatsalmosen" gegenüber. Nun versuchte er, wenn auch verklausuliert, die stille Mehrheit der Schaffenden gegen die faulen Sozialschmarotzer auszuspielen. "François Hollande kann nicht das Fest der Arbeit privatisieren", sagte Sarkozy spöttisch: "Es wird eine sehr große Versammlung, und wir werden real die Arbeit verteidigen. Nicht den sozialen Status, sondern die Arbeit."

Die vollmundige Ankündigung störte nicht nur die Feiertagslaune der Gewerkschaften. Unter den Linksparteien wurde die Absicht prompt als "Kriegserklärung" gewertet. "Dahinter verbergen sich unglaublicher Klassen-Dünkel und Klassen-Verachtung", schimpfte ein Sprecher von Jean-Luc Mélenchons Front de Gauche.

Mit der Rückbesinnung auf das Dauerthema "Wert der Arbeit" wärmt Sarkozy einen Slogan von 2007 wieder auf. Zugleich will er sich die ideologische Herrschaft über einen Fest- und Kampftag aneignen, der 1889 begründet wurde. Damals beschloss die II. Sozialistische Internationale in Paris, den 1. Mai weltweit als Tag zur Durchsetzung kürzerer Arbeitszeit zu begehen.

Sozialisten ärgern sich über Sarkozys "Fest der Arbeit"

Nun droht am Dienstag die Konfrontation: "Die Rechten und Linken sind angetreten zur Schlacht", orakelte das Wirtschaftsblatt "Les Echos", weil am selben Tag gleich drei Kundgebungen in Frankreichs Hauptstadt aufeinandertreffen. "Es ist schon eine ziemliche Unverschämtheit, ein Fest der Arbeit zu organisieren", mokierte sich Sozialist Jean-Marc Ayrault über Sarkozys Vorstoß angesichts von 4,5 Millionen Arbeitslosen. Und Parteichefin Martin Aubry warnte: "Wenn es wegen dieser Provokation Ausschreitungen gibt, dann ist Kandidat Sarkozy dafür verantwortlich."

Die Gewerkschaften folgten mit eigener Kritik wider die "politische Instrumentalisierung". "Es ist beklemmend zu hören, dass sich politische Vertreter selbst zu Vertretern der Arbeiter erheben wollen, indem sie den Sinn des 1. Mai verdrehen", kommentierte etwa die christliche Gewerkschaft CFTC. Jean-Claude Mailly, Vertreter der Force Ouvrière, wertete Sarkozys Pläne als durchsichtiges Wahlkampfmanöver: "Wir befinden uns hier mitten im politischen Marketing." PS-Kandidat François Hollande reagierte mit Ironie auf Sarkozys Festidee: "Nicolas Sarkozy ist nicht der Präsident der Arbeit", so der Sozialist, "sondern der Präsident der Arbeitslosigkeit."

Kaum hatte Sarkozy festgestellt, dass der Slogan von der "richtigen Arbeit" das Wahlvolk eher verprellen könnte, drehte er bei. Der Staatschef, der François Hollande als notorischen Lügner beschimpft hatte, dementierte sich selbst: "Nein, nein, ich habe nicht 'richtige Arbeit' gesagt, sondern ich will den 1. Mai zum Fest der Arbeit machen", beteuerte er beim Interview mit dem Privatsender TF1 - eine abenteuerliche Wende, mit der Sarkozy bei YouTube und Dailymotion umgehend der Unwahrheit überführt wurde. Darauf trat Sarkozy erst einmal den Rückzug an: "Kein glücklicher Begriff", räumte er zerknirscht ein.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
akh 30.04.2012
Die Wahrscheinlichkeit, dass Sarkozy's Arbeitsdefinitionen in einer Woche noch irgend jemanden interessieren, ist relativ gering. Deshalb sei ihm sein PR-Gerede gegönnt.
2. Er
Claudio Soriano 30.04.2012
Zitat von akhDie Wahrscheinlichkeit, dass Sarkozy's Arbeitsdefinitionen in einer Woche noch irgend jemanden interessieren, ist relativ gering. Deshalb sei ihm sein PR-Gerede gegönnt.
rennt wie ein Hahn ohne Kopf durch die Republik! Das wird Ihm weitere Wähler kosten! Er hätte es vorher einmal besser mit Statistikverfälschung wie hier in D. versuchen sollen! Er lebt zu seinem Glück im 20 Jahrhundert, den früher wäre er unter das Fallbeil gelandet! Die Zeit Sokozy ist glücklicherweise für die Franzosen bald abgelaufen, gut für Frankreich und gut für Europa!
3. Guter Wunsch
derandersdenkende 30.04.2012
Zitat von sysopNur wenige Tage bleiben Nicolas Sarkozy, um Frankreichs Wahlvolk zu gewinnen. Nun will der Präsident den symbolträchtigen "Tag der Arbeit" mit seinen Themen besetzen, um dem Rivalen François Hollande Stimmen abzujagen. Gewerkschaften und Linke sind empört. Wahlkampf in Frankreich: Sarkozy kapert den 1. Mai - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830528,00.html)
Natürlich wünsche ich, daß Herr Sarkozy auf seiner Maifeier mit seiner Frau Carla alleine bleibt. Es wär gut für Frankreich und eine friedlichere Welt. Aber ich bin nicht sicher, daß dies die Franzosen tatsächlich wollen. Da hätten sie sich schon deutlicher zu Wort melden müssen. Und die Stimme von Frau Merkel hat er ja auch schon sicher.
4.
Whitejack 30.04.2012
Eines kann man Sarkozy nicht vorwerfen: dass er nicht alles versuchen würde.
5. in den meisten anderen Ländern
j.e.r. 30.04.2012
Zitat von akhDie Wahrscheinlichkeit, dass Sarkozy's Arbeitsdefinitionen in einer Woche noch irgend jemanden interessieren, ist relativ gering. Deshalb sei ihm sein PR-Gerede gegönnt.
In den meisten anderen Ländern wären seine Chancen auf Wiederwahl so ziemlich null Aber in Frankreich sind Präsidentschaftswahlen immer für Ueberraschungen gut, der Vorsprung seines Rivalen sehr gering. Falls dieser publikums- und machtsüchtige Demagoge und Lügner doch wieder gewählt wird, dann wird es interessant in Frankreich und Europa. Aber sicher nicht besser. Und schon gar nicht mehr lustig, auch wenn die satirischen Zeitschriften viel zu tun kriegen werden.
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Vorläufiges amtliches Endergebnis: Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs in Prozent

Nicolas Sarkozy UMP (Konservative)
27,2
François Hollande PS (Sozialisten)
28,6
Marine Le Pen FN (Nationalisten)
17,9
François Bayrou MoDem (Liberale)
9,1
Jean-Luc Mélenchon FG (Linksfront)
11,1
Eva Joly EELV (Grüne)
2,3

Quelle: Französisches Innenministerium


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