Wahlkampf in Frankreichs Norden: Duell der Populisten

Aus Hénin-Beaumont berichtet

Showdown bei den "Sch'tis": Hoch im Norden Frankreichs tritt Jean-Luc Mélenchon, Chef des stramm linken Front de gauche, gegen Marine Le Pen an, die Chefin des Front national. Es ist ein Zweikampf, der im ganzen Land Aufsehen erregt. Kann der Linke den Vormarsch der Rechten stoppen?

Parlamentswahl in Frankreich: Wähler werben auf dem Wochenmarkt Fotos
AFP

"Widerstand", "Menschlichkeit zuerst", "Stopp dem Faschismus" steht auf den Plakaten und Banderolen der Demonstranten, die sich in der Rue de la Libération eingefunden haben. Dazu rote Ballons, Nelken, Tröten und Revolutionsmusik über der Menge von 6000 Demonstranten: Grauhaarige Genossen und jugendliche Aktivisten, die sich zwischen den hingeduckten Reihen der schmalen Arbeiterhäuser drängen, typisch für das Stadtbild im ehemaligen Bergbaurevier von Frankreichs Norden.

"Der Anlass ist historisch und aktuell", sagt Jean Fatoux, 79, Mitglied der kommunistischen Gewerkschaft CGT, der hier, im Viertel der Zeche Dahomey, zu Hause ist. "Zum einen gedenken wir Émilienne Mopty, die unter der deutschen Besatzung 1941 die Kundgebungen der Frauen zur Unterstützung der streikenden Kumpel organisierte und dafür von den Nazis bestialisch gefoltert und hingerichtet wurde." Und mit erhobener Faust setzt er hinzu: "Zugleich geht es hier um die alles entscheidenden Parlamentswahlen von Hénin-Beaumont."

Willkommen beim den "Sch'tis": Der Kampf um den elften Bezirk im Departement Pas-de-Calais - einer von 577 Wahlkreisen bei den Parlamentswahlen - ist zum landesweit beachteten Showdown avanciert. Denn bei den Parlamentswahlen gehen alle Kandidaten, die am 10. Juni mehr als 12,5 Prozent Stimmen erhalten, in die zweite Runde. In Hénin-Beaumont dürften sich dabei Jean-Luc Mélenchon, Marine Le Pen und der Kandidat der Sozialisten qualifizieren; wenn der PS-Mann - nach Absprache des Front de gauche - beim Stechen am 17. Juni auf eine Kandidatur verzichtet, kommt es zum Zweikampf zwischen den Promis von Links und Rechts: Mélenchon gegen Le Pen.

Ein Duell der Egos: Hier der wortgewaltige Volkstribun, 61, Gründer der Parti de gauche und Präsidentschaftskandidat des Front de gauche. Der Europaabgeordnete Mélenchon ist berüchtigt für seine cholerischen Ausfälle gegen politische Gegner und seinen rüden Umgang mit unbotmäßigen Journalisten.

Dort Madame Le Pen, 43, streitbare Führerin des rechtsextremen Front national (FN) und Tochter von Jean-Marie Le Pen. Sie hat die antisemitischen Parolen des legendären FN-Chefs gegen einen antiislamistischen Diskurs eingetauscht und schürt damit geschickt Ängste vor Immigration und Überfremdung.

Für beide "Frontisten" von Links und Rechts ist der Kampf um den Wahlkreis Hénin-Beaumont eine ganz persönliche Revanche: Le Pen, Mitglied im Stadtrat, bemüht sich seit Jahren um das Abgeordnetenmandat und wurde 2007 nur knapp von dem Kandidaten der Sozialisten geschlagen.

Mélenchon, bei den Präsidentenwahlen deutlich von Le Pen abgehängt, versucht seinerseits, den Zweikampf zum nationalen Anliegen zu erheben. "Wir werden sie vertreiben", sagt er über die Rechten in Hénin-Beaumont: "Wir werden sie politisch erledigen."

Das dürfte nicht ganz einfach werden - obwohl Präsident François Hollande hier beim zweiten Wahlgang mit 61 Prozent der Stimmen gewählt wurde. Grund genug für beide Kandidaten, sich vor Ort mächtig ins Zeug zu legen - zumal die landesweite Aufmerksamkeit beiden nützt.

"Verrückt", "dumm", "politischer Yeti"

Deshalb wird die Fehde ohne Samthandschuhe geführt, auch wenn Mélenchon einen "Wettbewerb Programm gegen Programm" versprochen hat. Die Kontrahenten beharken einander mit Verbalinjurien, die eher auf den Markt von Hénin-Beaumont passen als zu einer demokratischen Auseinandersetzung. Als "Halb-Verrückte" oder "politischen Yeti" hatte Mélenchon die FN-Führerin während des Präsidentschaftswahlkampfs beschimpft.

Sie bezichtigte den Linken bei einer Fernsehdiskussion vergangene Woche als "verrückten Befürworter der Immigration", der "den Wahlkreis für Roma und illegale Einwanderer öffnen will". "Und für Marsmenschen", gibt Mélenchon zurück. "Sie und ihre Equipe sind dumm."

Endgültig vergiftet ist die Stimmung zwischen den Kontrahenten, die mit hohem persönlichen Einsatz um die Wähler buhlen, seit FN-Aktivisten einen gefälschten Werbezettel in die Briefkästen des Wahlkreises steckten. "Ohne Araber und Berber aus dem Maghreb hat Frankreich keine Zukunft," stand auf dem Flyern mit dem Konterfei Mélenchons, darunter, in nachempfundenen Arabisch, "Stimmt für Mélenchon".

Erbitterter Kampf um die Arbeiterklasse

Jenseits des Duells, von Mélenchon beschrieben als "Schlacht von homerischer Größe", ist der Streit um das Mandat von Hénin-Beaumont ein Kampf um die Rückeroberung von Sympathien und Stimmen der Arbeiterklasse. Traditionell ein Terrain der Linken, hat der Ruf von Kommunisten und Sozialisten durch Vorwürfe von Filz, Korruption, Vetternwirtschaft gelitten. Seither sind die rechten FN-Vertreter auf in Gemeinde- und Kreisvertretungen kräftig auf dem Vormarsch.

Beide Populisten wettern daher gegen Globalisierung, den Einfluss der Eurokraten und setzen sich ein für einen national gefärbten Protektionismus angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise. "Nur dass Le Pen den Immigranten dafür die Schuld zuschiebt", so Mélenchon, "während ich die Banker dafür verantwortlich mache."

Vor Ort beschwört er die Kämpfe der Vergangenheit, die "Solidarität eines Frankreich aller Volksgruppen" und verspricht, als Abgeordneter kompromisslos für die Interessen der Arbeiterklasse einzutreten: "Als Kind von Einwanderern werde ich erneut die Stimmen der Bergbauregion wieder hörbar machen."

Für den CGT-Mann Fatoux hat Mélenchon mit seiner Rede die richtigen Worte gefunden. Hat Marine Le Pen überhaupt eine Chance? "Die Frage kann ich nicht beantworten", sagt der Gewerkschafter, während die Menge erst die Internationale und dann die Marseillaise anstimmt: "Ich habe sie nie gewählt."

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1. Falsche Fragestellung
neu_ab 05.06.2012
Zitat von sysopAFPShowdown bei den Sch'tis: Hoch im Norden Frankreichs tritt Jean-Luc Mélenchon, Chef der hartlinken "Front de Gauche", gegen Marine Le Pen an, die Chefin des "Front National". Es ist ein Zweikampf, der im ganzen Land Aufsehen erregt. Kann der Linke den Vormarsch der Rechten stoppen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836760,00.html
Wieso soll der Linke etwas stoppen? Die allgemeine Unzufriedenheit hat doch gerade in Frankreich, wo es massivste Probleme mit Immigranten gibt, seine Ursachen. Da aber alle anderen Parteien diese Probleme ignorieren, rennen jetzt viele zu Le Pen. Stoppen kann diese Entwicklung eigentlich nur eine etwas realistischere, ehrlichere Haltung, auch wenn die politische Korrektheit dann mal für einen Moment vor die Tür muss.
2. rechtsextrem?
ein netter Mann 05.06.2012
Zitat von sysopAFPShowdown bei den Sch'tis: Hoch im Norden Frankreichs tritt Jean-Luc Mélenchon, Chef der hartlinken "Front de Gauche", gegen Marine Le Pen an, die Chefin des "Front National". Es ist ein Zweikampf, der im ganzen Land Aufsehen erregt. Kann der Linke den Vormarsch der Rechten stoppen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836760,00.html
die front national wird im artikel rechtsextrem genannt. auf welchen einschätzungen beruht dies? die fn übt islamkritik. ich habe im wahlprogramm keine rassistischen sprüche gefunden. immerhin haben 17,9 % Franzosen die fn gewählt! Falls sie wirklich rechtsextrem sein sollte - wo bleibt da der aufschrei unserer politiker bzw. warum regt sich keiner darüber auf.
3. Rechtsextrem!
mibigan@web.de 05.06.2012
Dann schau mal die Geschichte des Front National an, insbesondere die Sprüche ihres Vaters (Jean-Marie LePen), dann solltest auch Du zu dem Schluss kommen => rechtsextrem! Und über sowohl Vater als auch Tochter LePen haben sich schon genug Politiker aufgeregt, sowohl französische wie deutsche.
4. Unwissenheit
pkahu 05.06.2012
Leider zeugen die Kommentare hier (wie leider allzu oft im Netz) von Nichtwissen und Ahnungslosigkeit. Die FN ist seit Jahrzehnenten im politischen Leben in Frankreich präsent und war auch schon erfolgreicher als heute. Sie wird seit jeher wissenschaftlich als rechtsextrem bzw. rechtsradikal - sowohl in Frankreich, als auch international - definiert. Ein Zeitungsartikel muss nicht beweisen, dass eine Partei dieser oder jener Strömung zuneigt. Und rechtsradikalismus ist nicht gleichzusetzen mit Rassismus, es geht eher - kurzgesagt und vereinfacht - um eine radikale Aufwertung und Abgrenzung des "Nationalen". Die FN auf Islamkritik zu begrenzen ist zu vereinfacht und wird dem, wie schon erwähnt, jahrzehntelangen Erfolg der FN nicht gerecht. Heutzutage nutzen die wenigsten rechtsradikalen Parteien offen rassistische Positionen in offiziellen Verlautbarungen. Die "massivsten Probleme mit Immigranten" sind in erster Linie soziale Probleme, bei der es um Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Und "viele sind schon zu Le Pen gerannt" als die Probleme in den Banlieues nicht so akut waren wie in den letzten Jahren. Was hat das Ganze mit politischer Korrektheit und "unseren" Politikern zu tun? Danke für diesen gelungen und sachlichen Artikel, der hoffentlich noch sinnvollere Reaktionen hervorruft!
5. Titel!
joey55 05.06.2012
Zitat von sysopAFPShowdown bei den Sch'tis: Hoch im Norden Frankreichs tritt Jean-Luc Mélenchon, Chef der hartlinken "Front de Gauche", gegen Marine Le Pen an, die Chefin des "Front National". Es ist ein Zweikampf, der im ganzen Land Aufsehen erregt. Kann der Linke den Vormarsch der Rechten stoppen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836760,00.html
Die eigentliche Frage ist doch, warum der sozialdemokratische Kandidat nach einer Absprache zwei extremistischen Kandidaten das Feld überlässt.
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