Extremismus in Griechenland Prügel am rechten Rand von Patras

Griechische Rechtsextreme sind vor den Wahlen am Sonntag im Aufwind. In der Hafenstadt Patras wagen sie offen den Angriff auf Ausländer. Die sind für sie nur Kriminelle und Bombenleger - und seit Ausbruch der Krise leichte Opfer.

SPIEGEL ONLINE

Aus Patras berichtet


Gerade stand der schwarz gekleidete Bodybuilder mit dem Motorradhelm noch lässig an der Eingangstür, jetzt kommt er aufgeregt die Treppe hinaufgelaufen. Auf keinen Fall dürfe er ein Interview geben, herrscht er seinen Kameraden an. Dann besteht der bärtige Glatzkopf darauf, das bereits Notierte müsse aus dem Block gerissen und konfisziert werden, bis der Chef da sei. Der kommt wenige Minuten später, ein unauffälliger Mann im Polohemd. Er bedauere sehr, aber weitere Auskünfte werde es nicht geben - man habe zu viel zu tun.

Danach sieht es nicht wirklich aus, im lokalen Hauptquartier der neofaschistischen Goldenen Morgenröte (Chrysi Avgi) in der westgriechischen Hafenstadt Patras. Entspannt stehen junge Männer und Frauen in einer Wohnung, die durch eine schwere Eisentür gesichert wird. Einer trägt ein T-Shirt, auf dem eine Silhouette mit Gewehr vor der griechischen Fahne steht. Zusammengerollte Flaggen auch im Treppenhaus, ihre kurzen Stangen geben gute Schlagstöcke ab.

Bis zur Parlamentswahl am Sonntag haben sich Griechenlands Rechtsextreme selbst Sprechverbot erteilt, schließlich machten sie zuletzt mehrfach Negativschlagzeilen: In der vergangenen Woche attackierte der Parteisprecher von Chrysi Avgi in einer Talkshow eine kommunistische Abgeordnete mit Faustschlägen und flüchtete anschließend. Ende Mai griff ein rechter Mob ein Flüchtlingslager im Hafen von Patras an - nicht weit von der Chrysi-Avgi-Zentrale entfernt.

Griechenland drohen Weimarer Verhältnisse - diese Warnung war angesichts einer zersplitterten Parteienlandschaft bereits nach der vergangenen Wahl im Mai zu hören. Doch die meiste Aufmerksamkeit konzentrierte sich danach erneut auf die Wirtschaftslage sowie die Gewinne der radikalen Linken. Der rechte Rand der griechischen Gesellschaft wurde dabei vernachlässigt.

"Früher waren es Einzelfälle, heute sind sie organisiert"

Vor der verlassenen Fabrik, wo Neofaschisten vor wenigen Wochen Migranten und sogar Polizisten attackierten, herrscht völlige Ruhe, nur Brandspuren erinnern noch an die Auseinandersetzungen. Bis zur Wahl habe die Polizei die Flüchtlinge weggeschafft, erzählt ein Wachmann, offenbar um weitere Zusammenstöße zu verhindern. "Am Montag sieht man hier wieder Hunderte."

Doch man findet auch jetzt Menschen wie den 21-jährigen Adil und den gerade einmal 16 Jahre alten Mussa. Die beiden Marrokaner ziehen ihre Habseligkeiten durch eine Seitenstraße, wie die meisten hier wollen sie weiter nach Italien. Seit acht Monaten sei er in Patras, erzählt Adil, in dieser Zeit habe er auch Bekanntschaft mit den Rechten gemacht. "Als ich allein war, hat mich eine Gruppe von Faschisten geschlagen."

Übergriffe auf Immigranten habe es in Griechenland zwar schon vor der Krise gegeben, sagt der Vorsitzende des griechischen Immigranten-Forums, Ahmed Moawia. "Aber früher waren es Einzelfälle. Jetzt sind sie organisiert."

Nach einer Übernahme durch die Rechtsextremen sieht es im Zentrum von Patras allerdings noch nicht auf. An den Häuserwänden finden sich Plakate für ein Antifa-Konzert und viele antifaschistische Graffiti. "Hände weg von den Flüchtlingen", hat jemand auf ein Gebäude am Hafen gesprüht.

Wo sich hier rechte Gesinnung zeigt, kommt sie bürgerlich daher, etwa in Gestalt von Vicky Chrysanthakopoulou und Georgos Kafritsas. Im Zentrum der Stadt haben die beiden einen Wahlstand der nationalistischen Laos-Partei aufgebaut. Sie geben sich moderat, die 60-jährige Vicky behauptet gar, sie habe ihr Haus freiwillig Immigranten überlassen.

Doch ihre Broschüren sprechen eine andere Sprache: Illustriert mit knuddeligen Comic-Figuren zeigen sie, wofür die Partei steht: "Ja" zu Griechen in traditioneller Tracht, zu glücklichen Familien und einer EU ohne die Türkei. "Nein" zu Immigranten, die als lästige fliegende Händler oder sogar als knollennasige Selbstmordattentäter dargestellt werden.

Der Puffer löst sich auf

Früher bildete Laos eine Art Puffer zwischen der konservativen ND und dem ultrarechten Rand. Seitdem die Partei aber den Sparkurs der Regierung unterstützte, hat sie viele Stimmen an Chrysi Avgi verloren. Auch die ND nahm frühere Laos-Abgeordnete auf - und rückte so selbst weiter nach rechts.

"Jeden Tag hört man von jemanden, der umgebracht wurde", begründet Laos-Aktivistin Vicky ihre Gesinnung. Mit der steigenden Kriminalität erklären viele Griechen den Rechtsruck in ihrer Heimat, in jüngster Zeit sorgten wiederholt Morde durch Migranten für Aufsehen. Auch der Attacke in Patras war eine Gewalttat vorausgegangen - drei Afghanen sollen einen 29-Jährigen getötet haben.

Die Kriminalität sei ein Problem, heißt es selbst bei der traditionell migrationsfreundliche Kommunistischen Partei (KKE) in Patras. "Die Verbrechen nehmen wirklich zu, denn Kriminalität blüht da, wo es Armut, Arbeitslosigkeit und Elend gibt", sagt KKE-Mitglied Christos Angelopoulos. "Tausende von Immigranten und Flüchtlingen leben hier unter miserablen Bedingungen."

Die Kriminalitätsfurcht macht sich Chrysi Avgi zunutze. Alten Menschen schickt die Partei ihre Mitglieder vorbei, welche Großmütter auf dem Weg zur Bank begleiten. Solche Menschen würden dann für die Neofaschisten stimmen, glaubt John Nomikos, Chef des Athener Research Institute for European and American Studies. "Haben sie deshalb einen blassen Schimmer von der extremistischen Agenda dieser Leute? Ich glaube nicht."

Doch es sind nicht allein naive Rentner, die Chrysi Avgi zum Erfolg verholfen haben. Vielen griechischen Schülern gilt das Bündnis als cool, mit 14 Prozent war sein Stimmenanteil unter Erstwählern doppelt so hoch wie im Durchschnitt. Unter einer anderen Gruppe soll es laut griechischen Medienberichten noch mehr Chrysi-Avgi-Wähler geben: griechische Polizisten.

Vorwürfe gegen die Polizei

"Die Polizei hat mich oft verprügelt", erzählt der Marokkaner Adil - und er ist nicht der einzige. In einem vermüllten Grünstreifen am Rande des Hafens steht Yassin Mohamed, ein 24-jähriger Tunesier, der nichts als einen leeren Wassercontainer bei sich trägt. "Die Polizei hat vor einer Viertelstunde mein Gepäck verbrannt", sagt er, sichtlich um Fassung ringend. Kurz darauf stößt Yahia Mohamed dazu. Der 32-Jährige aus Algerien zeigt Narben an seinen Armen und einen Bluterguss am Oberschenkel. Das Werk von Polizisten, sagt er.

Die Vorwürfe lassen sich nicht überprüfen, sicher aber ist: Wie bei vielen Problemen in Griechenland haben Staat und Politik auch in der Migrationspolitik eine wenig rühmliche Rolle gespielt. "Alle Regierungen der vergangenen 30 Jahre, ob Pasok oder Nea Dimokratia, haben ihre Augen verschlossen", sagt der parteilose Bürgermeister von Patras, Yiannis Dimaras.

Scharfe Kritik an der Regierung übt auch Liana Kanelli. Die kommunistische Abgeordnete, die in der vergangenen Woche die Faustschläge des Chrysi-Avgi-Sprechers Kasidiaris einstecken musste, ist bekannt für ihre Streitlust. Den Bluterguss an ihrem Obermann zeigt sie in der Cafeteria des Staatsfernsehens nicht ohne Stolz vor.

Und dennoch: Die wachsenden Militanz am anderen Ende des politischen Spektrums scheint auch Kanelli Angst zu machen, kürzlich boten ihr ein Sicherheitsunternehmen ungefragt Personenschutz an. "Meine einzige Sorge war, nicht überzureagieren", sagt sie über den Angriff. "Das Letzte, was mein Land braucht, ist ein Bürgerkrieg."

Mitarbeit: Lamprini Thoma

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insgesamt 35 Beiträge
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Sabi 15.06.2012
1. Versagen
Noch viel mehr als Lokalpolitiker hat die EU-Politik in Sachen Immigration versagt, sodass die Rechten soviel Zulauf haben. EU ist Versager überall, raus aus der EU und zwar für alle !
gliese581c 15.06.2012
2. Offenbarungseid
Hier zeigt sich woran es in Griechenland wirklich mangelt: An einer demokratischen und solidarischen Grundhaltung.
miruwa 15.06.2012
3.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEGriechische Rechtsextreme sind vor den Wahlen am Sonntag im Aufwind. In der Hafenstadt Patras wagen sie offen den Angriff auf Ausländer. Die sind für sie nur Kriminelle und Bombenleger - und seit Ausbruch der Krise leichte Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,838966,00.html
Und das wird alles noch viel schlimmer wenn sie kollabieren und aus dem Euro austreten. Wenns nicht um die armen Flüchtlinge gehen würde, dann wäre jetzt Popcornzeit.
polizist 15.06.2012
4. Integration
Propaganda Artikel erster Sahne. Man ist es auch nicht anders gewohnt bei deutschen Medien. Weiter so und die Freundschaft aller Voelker ist garantiert. Das jeden (!) Tag jemand von den "armen Fluechtlingen" abgemurkst wird, wird hier wohl nie erwahnt werden. Es gibt Tote leute und die Toten waren bis jetzt Griechen.
.......... 15.06.2012
5. Es wird in Europa noch viele Probleme geben!
Zuerst werden die Laender eins nach dem anderen pleite gehen dnach werden die Migranten gejagt und danach werden faschistische Parteien an die Macht kommen! Warum: Weil Sarkozy und Merkel Wahlen gewinnen wollten! Das ist die Vision von Europa!
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