Wahl in Großbritannien Labour fürchtet Schock-Ergebnisse

Irak-Krieg hin oder her - ein Sieg Tony Blairs bei den morgigen Unterhauswahlen schien bislang fast so sicher wie die absolute Mehrheit der CSU in Bayern. Doch jetzt könnte es Demoskopen zufolge doch noch eng für den britischen Premier werden.

Von Dominik Baur


Ein Plakat in London zeigt Blair als Bösewicht Darth Vader: "Sie hätten das nicht machen dürfen"
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Ein Plakat in London zeigt Blair als Bösewicht Darth Vader: "Sie hätten das nicht machen dürfen"

Hamburg - Es geschah am Montag vor der Wahl. Anthony Wakefield, ein Soldat aus Newcastle, wurde im Irak von einer Bombe zerrissen. Der 24-Jährige, Mitglied des 1. Bataillons, ist der 87. Brite, der im Irak sein Leben gelassen hat. Witwe Ann Toward macht nun Tony Blair persönlich für den Tod ihres Mannes verantwortlich, der zudem drei kleine Kinder hinterlässt. Über den Fernsehsender ITV News Channel sandte sie ihrem Premier ihre Botschaft: "Sie hätten die Truppen nicht runterschicken dürfen, Sie hätten das nicht machen dürfen."

Toward steht mit ihren Vorwürfen nicht allein. Blair ist wegen seiner unverbrüchlichen Treue zu US-Präsident George W. Bush im eigenen Land massiv unter Druck geraten. Das britische Militärengagement im Irak wird vom Großteil der Briten äußerst kritisch beurteilt. Insgesamt acht Familien von im Krieg gefallenen Soldaten wollen den Ministerpräsidenten jetzt verklagen - wegen Verstoßes gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.

So unangenehm die Vorwürfe sind, am Tod der Landsleute schuld zu sein, so wenig dürften sie die Labour-Regierung mit Blick auf ihre Wahlchancen beunruhigen. Konnte die Partei ihren Führungsvorsprung in den vergangenen zwei Wochen trotz verstärkten Attacken wegen der Irak-Politik doch halten, mitunter sogar ausbauen. Eine Mori-Umfrage für die "Financial Times" sah Labour jüngst bei 39, die Konservativen bei 29 und die Liberaldemokraten bei 22 Prozent der Stimmen.

Aber jetzt, so belegt eine Umfrage im Auftrag des "Guardian", wird es doch noch einmal eng für den Premier. Trotz der relativen Schwäche der Tory-Opposition zeichnet sich plötzlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab. Es ist dabei nicht der bei den Briten sehr unbeliebte Irak-Krieg, der dem Premier zu schaffen macht, sondern das britische Mehrheitswahlrecht. Die 646 Abgeordneten des britischen Unterhauses werden nämlich nach einem rigiden System bestimmt. Es gibt keine Wahllisten. Es gilt der Grundsatz: "The winner takes it all"; die Verlierer gehen leer aus. So kamen die Liberaldemokraten beispielsweise schon mal auf landesweit 25 Prozent der Stimmen, schafften es jedoch nur in drei Wahlkreisen, die Mehrheit zu erringen, und waren entsprechend mager im Parlament vertreten.

Andererseits holten die regierenden Torys unter Margaret Thatcher 1983 weniger Stimmen als vier Jahre zuvor, verdreifachten aber ihren Mandatsvorsprung im Unterhaus. 42 Prozent in der Wählergunst reichten für 61 Prozent der Abgeordnetensitze aus.

Drei Penny für Blair

Das Umfrageinstitut ICM befragte für den "Guardian" jetzt Wähler in 108 Schlüsselwahlkreisen, in denen der Labour-Vorsprung besonders knapp ist. Das Ergebnis: Der Stimmenanteil der Regierungspartei ist dort von 47 Prozent bei den letzten Wahlen auf 41 Prozent gesunken; die Konservativen konnten sich bei 36 Prozent halten.

Angesichts von 36 Prozent der Wähler, die noch unschlüssig sind - vorige Woche waren es nur 21 Prozent -, erscheint der Vorsprung von fünf Prozentpunkten bescheiden. Verdrossenheit macht sich ohnehin breit. Laut BBC wollen von den potentiellen Erstwählern nur 31 Prozent zur Wahl gehen. Überraschungen, so die Meinungsforscher, seien möglich.

Labour selbst schlachtete diese Arithmetik sogar für den Wahlkampf aus: "Wenn nur einer von zehn Labour-Wählern nicht zur Wahl geht, gewinnen die Torys", plakatierten Blair und sein ewiger Nachfolger Gordon Brown. "Die nächsten 48 Stunden werden kritisch", warnte Blair bei einer Wahlveranstaltung in Gloucester. Die Labour-Rechnung finden die ICM-Leute zwar übertrieben, halten einige "Schock-Ergebnisse" in der Wahlnacht jedoch für nicht ausgeschlossen.

In Thatchers ehemaligem Wahlkreis Finchley und Golders Green etwa prognostizieren sie ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und das, obwohl der Kreis nur auf Platz 42 der Liste der von den Torys anvisierten Parlamentssitze steht. Unerwartete Einbußen könnte es Labour vor allem bescheren, wenn einige Anhänger plötzlich zu den Liberaldemokraten wechseln. Hier könnte dann indirekt auch der Irak-Krieg wieder eine Rolle spielen. Schließlich eignen sich die liberaldemokratischen Kriegsgegner besonders für eine Protestwahl gegen den umstrittenen Militäreinsatz.

Der Partei von Charles Kennedy wird das kaum etwas nützen, denn in den Wahlkreisen, in denen sie traditionell eine Chance hat, den Parlamentssitz zu erobern, kann sie das Wählerpotential voraussichtlich nicht ausbauen. Im Gegenteil: In manchen Fällen könnten ihnen hier sogar die Torys gefährlich werden.

Wenn Tony Blair angesichts der ICM-Studie weiche Knie bekommen sollte, kann er sich derzeit beim Besuch in einem der vielen Wettbüros des Landes etwas Aufmunterung verschaffen. Hier hat niemand Zweifel am Sieg von Labour. Wer ein Pfund auf Blair verwettet, bekommt bei dessen Sieg gerade einmal ein Pfund und drei Pence zurück.



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