Wahl in Großbritannien Exit Poll sieht Tories vorn - keine absolute Mehrheit

Für die britische Premierministerin Theresa May wird es eng: Die Konservativen sind laut der Nachwahlbefragung stärkste Partei, doch die Mehrheit wackelt. Ihr Rivale Jeremy Corbyn fordert schon Mays Rücktritt.


Die Tories von Premierministerin Theresa May sind bei der britischen Unterhauswahl einer ersten Prognose zufolge stärkste Partei geworden. Laut der Nachwahlbefragung kommt die Regierungspartei auf 314 der 650 Sitze. Damit würden die Tories ihre absolute Mehrheit verlieren. Für eine Alleinregierung wären mindestens 326 Sitze nötig. Die zweitstärkste Partei, Labour, kommt der aktuellen Prognose zufolge auf 261 Sitze und gewinnt damit deutlich hinzu.

In aktuellen Hochrechnungen sah die BBC die Tories bei 322 Sitzen und Labour bei 261 Sitzen (Stand 3.20 Uhr MESZ). Rechnungen im Auftrag der Nachrichtenagentur PA sahen die Konservativen dagegen nach der Auszählung der ersten 100 von 650 Wahlkreisen bei 330 Sitzen und Labour bei 252 Sitzen. Damit könnte Mays Partei ohne Partner an der Macht bleiben.

Kommentatoren wiesen darauf hin, dass die Zahlen noch ungenau sein könnten und eine absolute Mehrheit noch möglich sei. Ein belastbarer Trend sollte im Laufe der Nacht feststehen - nach Auszählung der meisten der 650 Wahlbezirke. Das amtliche Endergebnis wird am Freitagnachmittag veröffentlicht.

Parlamentswahl in Großbritannien
Endergebnis, 650 Wahlkreisen ausgezählt; Mehrheit: 326 Sitze
NI = Nordirland; Quelle: BBC

Umfragen vor der Wahl hatten die Konservativen durchgehend vorn gesehen, allerdings hatte Labour mit ihrem linken Spitzenkandidaten Jeremy Corbyn in den vergangenen Wochen rasant aufgeholt. Nach den Terroranschlägen in London und Manchester war May unter Druck geraten, weil in ihrer Amtszeit als Innenministerin 20.000 Polizeistellen gestrichen worden waren. Auch ihre Vorschläge zur Sozialpolitik waren bei den Briten nicht gut angekommen. "Was immer das endgültige Ergebnis sein wird, unser positiver Wahlkampf hat die Politik zum Besseren verändert", schrieb Corbyn bei Twitter. Später sagte er, May habe ihr Mandat verloren. "Das sollte ausreichen, um abzutreten."

May äußerte sich in der Nacht zurückhaltend, man könne das gesamte Bild noch nicht sehen. Das Land brauche nun eine Phase der Stabilität, sagte sie mit zitternder Stimme nach der Verkündung des Wahlergebnisses in ihrem Wahlkreis Maidenhead. Die konservative Partei werde voraussichtlich als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgehen. "Es obliegt uns, für diese Stabilität zu sorgen."

Sollte May ihre Mehrheit verlieren, müsste sie einen Koalitionspartner suchen oder eine Minderheitsregierung bilden. Die DUP, die nordirischen Protestanten, erklärten sich am Wahlabend zu Koalitionsverhandlungen bereit. Bei der letzten Wahl hatten sie acht Sitze gewonnen.

Ein Sprecher der Liberaldemokraten hingegen teilte mit, er könne sich grundsätzlich nur schwer vorstellen, wie seine Partei in ein Bündnis mit den Tories eintreten könnte. Die Liberaldemokraten hatten als einzige Partei Wahlkampf mit dem Ziel gemacht, den Brexit doch noch aufzuhalten. Sie kommen der Prognose zufolge auf 14 Sitze und gewinnen damit sechs Sitze hinzu. Schottlands Nationalpartei SNP verliert laut der Erhebung deutlich.

2015 lag die Nachwahlbefragung falsch

Die vorgezogene Neuwahl hatte die Premierministerin im April überraschend angekündigt mit dem Ziel, sich mehr Rückendeckung für die anstehenden Brexit-Verhandlungen zu holen. Zu diesem Zeitpunkt lagen ihre Konservativen in Umfragen zweistellig vor Labour. Am 20. Mai schrieb die 60-Jährige in sozialen Netzwerken: "Wenn ich nur sechs Sitze verliere, dann verliere ich diese Wahl und Jeremy Corbyn wird mit Europa am Verhandlungstisch sitzen."

Nun sieht es so aus, als habe May ihr Ziel deutlich verfehlt und sogar Sitze verloren. Ex-Finanzminister George Osborne, inzwischen Chefredakteur des "Evening Standard" bezeichnet die Prognose als "komplett katastrophal" für May: "Wenn sie ein schlechteres Ergebnis als vor zwei Jahren hat und fast keine Regierung bilden kann, dann bezweifle ich, dass sie auf lange Sicht Parteichefin der Konservativen bleiben wird."

Allerdings hatte auch 2015 die Nachwahlbefragung den Tories lediglich 316 Sitze prognostiziert. Am Ende kam die Partei noch auf 330 Abgeordnete. Das finale Auszählungsergebnis wird erst für Freitagmorgen erwartet.

Eine Koalitionsregierung gab es in der britischen Nachkriegsgeschichte bislang erst einmal: Von 2010 bis 2015 regierten die Tories unter Mays Amtsvorgänger David Cameron zusammen mit den Liberaldemokraten.

In Großbritannien üblicher ist eine Minderheitsregierung. Angesichts der bevorstehenden Verhandlungen über den EU-Austritt Großbritanniens wäre es allerdings riskant, wenn die Regierung sich wechselnde Mehrheiten suchen müsste.

Das britische Pfund verlor nach Bekanntgabe der Exit Poll 1,5 Prozent zum Euro und 1,3 Prozent zum Dollar.

Wahl-Livestream aus Großbritannien:

Livestream

Quelle: Reuters

kev/max/AFP/dpa/Reuters



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