Wahl in Italien Berlusconi und der Sonnenschein

An zwei Tagen wird in Italien gewählt. Dann wird sich zeigen, ob Silvio Berlusconi sich als Regierungschef halten kann. Die Opposition unter Romano Prodi ist zuversichtlich. Schönes Wetter könnte ihr den Wahlsieg erleichtern.


Rom - Der Ministerpräsident kämpfte bis ganz zum Schluss, und zwar um jede einzelne Stimme - selbst die seiner eigenen Mutter. Er begleitete die 95-jährige Rosa Bossi heute bis in die Stimmkabine und sagte zu ihr "Du machst ein Kreuz bei Forza Italia". Ein Wahlbeobachter ermahnte Berlusconi, das könne er nicht machen, und der Landesvater fragte erstaunt zurück "noch nicht mal bei meiner Mutter?". Einem erbosten Anhänger seines Rivalen Romano Prodi warf er dann vor, er repräsentiere ein "wirklich kleinliches Italien".

Berlusconi, Mutter Rosa Bossi: "Ein Kreuz bei Forza Italia"
AFP

Berlusconi, Mutter Rosa Bossi: "Ein Kreuz bei Forza Italia"

Ob Chuzpe und Medienmacht reichen werden, um Silvio Berlusconi seine Position zu erhalten, ist alles andere als klar. Bei den letzten veröffentlichten Umfragen lag sein Herausforderer mit 3,5 bis 5 Prozent vorn. In den letzten 15 Tagen vor der Wahl durften keine Umfrageergebnisse mehr herausgegeben werden.

Zur Wahl der 630 Abgeordneten und 315 Senatoren eines neuen Parlaments sind am Sonntag und Montag knapp 50 Millionen Italiener aufgerufen. Im Mittelpunkt des Wahlkampfs stand die schwierige wirtschaftliche Situation des Landes - wobei gegen Ende persönliche Attacken vor allem gegen Prodi immer breiteren Raum einnahmen.

Der 69-jährige Berlusconi steht seit 2001 an der Spitze der Regierung in Rom, gestützt von einem Mitte-Rechts-Bündnis. Der drei Jahre jüngere Prodi war von 1996 bis 1998 Ministerpräsident und von 1999 bis 2004 EU-Kommissionspräsident. Das von dem parteilosen Wirtschaftswissenschaftler geführte Mitte-links-Bündnis könnte Berlusconis Regierung nun ablösen - allerdings war die Zahl der Unentschlossenen auch in den letzten Umfragen noch sehr hoch, viele Wähler zeigten wenig Begeisterung für irgendeine der zur Wahl stehenden Parteien.

Stürzt das schöne Wetter den Ministerpräsidenten?

Diejenigen, die sich noch nicht zur Stimmabgabe durchgerungen haben, machen der jüngsten Erhebung zufolge fast ein Viertel der Wahlberechtigten aus. Bis zuletzt war daher zumindest der konservative Amtsinhaber überwiegend damit beschäftigt, die Aufmerksamkeit seiner mit Abstinenz drohenden Anhänger zu erregen - und sie notfalls mit wilder Polemik zu überzeugen. Die Wahllokale sind am Sonntag bis 22.00 Uhr und am Montag von 7.00 Uhr bis 15.00 Uhr geöffnet. Direkt im Anschluss dürften Wählernachfragen einen ersten Trend liefern.

Bis zum Sonntagabend um 19.00 Uhr lag die Wahlbeteiligung nach Angaben des Innenministeriums bei 53,4 Prozent. Bei der Parlamentswahl vor fünf Jahren hatte die Beteiligung zur selben Tageszeit bereits bei 60,1 Prozent gelegen. Die Abstimmung hatte damals allerdings nur einen Tag gedauert. "Wählt, wählt, wählt!", forderte die Zeitung "Il Giornale" von Berlusconis Bruder Paolo auf der Titelseite ihrer Sonntagsausgabe die Italiener auf. Berlusconi hatte im Vorfeld verkündet, er sei vom Wahlsieg der von ihm geführten Allianz überzeugt, falls die Beteiligung über 80 Prozent läge.

Im Weg sein könnte ihm da das gute Wetter in Italien: Fast überall herrscht Sonnenschein, Ausflugsziele und ein gepflegtes Mittagessen im Freien locken.

"Ich bin ein Trottel"

In Italien will man gerne eine Wiederholung des Chaos vom Mai 2001 verhindern, als viele Italiener erst nach ihrem Sonntagausflug am Abend zum Wählen gingen. Die Schlangen vor den Wahllokalen waren teilweise hundert Meter lang, manche Lokale mussten bis zum Morgengrauen geöffnet bleiben - eine derartige Organisations-Blamage will das Land sich diesmal ersparen. Deshalb wird kurzerhand an zwei Tagen gewählt.

Medienzar und -profi Berlusconi hatte im Wahlkampf keine Gelegenheit ausgelassen, seine Gegner und besonders den international profilierten Wirtschaftsexperten Prodi zu diskreditieren. Er bezeichnete seinen Herausforderer als "nützlichen Idioten" und beschimpfte dessen Wähler als Trottel. Prodi revanchierte sich und verglich den Amtsinhaber mit einem "Betrunkenen, der sich an einem Laternenmast festhält". Manche Prodi-Anhänger gingen heute mit T-Shirts mit der Aufschrift "Ich bin ein Trottel" zur Wahl. 1996 hat der Wirtschaftsexperte schon einmal ein direktes Duell gegen Berlusconi für sich entschieden.

cis/AP/rtr/AFP/ddp/dpa



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