Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom
Nein, es gibt keinen "Geheimpakt" zwischen dem scheidenden Ministerpräsidenten Mario Monti und seinem aussichtsreichsten Nachfolger, dem Vormann des Mitte-Links-Bündnisses, Pier Luigi Bersani. Was zwei italienische Tageszeitungen meldeten, wurde umgehend von beiden Seiten dementiert.
Ein Treffen immerhin, das hat es wohl gegeben, im engsten Kreis und ohne Kameras und Mikrofone. Vertraulich reden wollten die beiden Kontrahenten, die einander nach den Wahlen womöglich dringend brauchen. Vor allem darüber reden, dass es kein Sinn macht, wüst aufeinander einzuschlagen und so den gemeinsamen Feind zu fördern, nämlich Silvio Berlusconi.
Das hatten beide Seiten in den vergangenen zwei, drei Wochen nach Kräften getan. "Die Linke", giftete zum Beispiel Monti, "behindert das Wachstum." Bersani müsse seiner Partei, dem Partito Democratico (PD), "die Flügel abschneiden" und deren Wortführer "zum Schweigen bringen". Er werde "niemanden zum Schweigen bringen", gab Bersani zurück, aber er werde "Schluss machen" mit Montis falscher Austeritätspolitik.
"Rattenfänger" Monti
Jetzt im Wahlkampf, setzte Bersanis Parteifreund Dario Franceschini nach, rede Monti plötzlich von Steuersenkungen, nachdem er sie selbst zuvor kräftig erhöht habe. Der sei eben auch nur ein "Rattenfänger". Berlusconi freute sich derweil und höhnte bei seinen medialen Events - 54 Auftritte in 21 Tagen - lustvoll über beide.
Das soll nun, nach dem Kolloquium zwischen dem Professor und dem Parteisekretär, anders werden. Aber wie? Was soll Monti tun, wie Wahlkampf führen? Er kann nur auf der rechten Seite der politischen Landschaft Stimmen holen. Er ist der Kandidat der Kirche und der Konzerne. Unternehmer und Manager finanzieren seinen Wahlkampf. Bei den kleinen Leuten, zumal bei denen, die eher linksorientiert sind, hat er wenig Chancen. Die halten vom ehemaligen Berater der US-Investmentbank Goldman Sachs nicht viel. Die wählen Bersani.
Der Anführer des Mitte-Links-Lagers wird von sieben Listen unterstützt. Neben Bersanis eigener Partei PD - zu Teilen aus der Kommunistischen Partei hervorgegangen, heute so eine Art SPD auf Italienisch - gehört zum Beispiel die SEL dazu, Sinistra, Ecologia e Libertà (übersetzt etwa: Linke, Umwelt und Freiheit), und die einst große, heute kleine Sozialistische Partei. Gemeinsam liegt der Bersani-Club derzeit stabil bei 35 bis 38 Prozent und dürfte damit die Mehrheit im römischen Abgeordnetenhaus gewinnen. Nach dem italienischen Wahlgesetz steht nämlich dem Wahlsieger, unabhängig von den erreichten Prozenten, die absolute Mehrheit der Sitze zu.
Bersani, so sieht es heute aus, ist also der aussichtsreichste Anwärter auf den Chefsessel im römischen Regierungs-Palazzo Chigi. Aber ob er auch wirklich regieren kann, ist damit nicht entschieden. Da hat womöglich der unvermeidliche Silvio Berlusconi doch wieder ein Wort mitzureden. Dann nämlich, wenn es diesem gelingen sollte, im Senat, der zweiten Kammer des Parlaments, ein Patt zu erreichen.
Italien unregierbar
Die Mitglieder des Senats werden regional gewählt, ohne einen landesweiten Zuschlag für die Partei oder Koalition mit den meisten Stimmen. Je mehr Einwohner eine Region hat, desto mehr Senatoren schickt sie nach Rom. Es gibt Gebiete, die vergleichsweise fest zur Linken tendieren, wie die Toskana oder die Emilia Romagna, und andere, die meist in rechten Händen sind, wie etwa Sizilien. Und es gibt Gegenden, die auf der Kippe stehen, wie dieses Mal zum Beispiel die große Region rund um Mailand, die Lombardei.
Nachdem es Berlusconi gelungen ist, in seine Koalition aus 14 Parteien und Gruppierungen auch die separatistische Lega Nord wieder einzubinden - die sich eigentlich fest gegen Berlusconi verschworen hatte, aber dann doch dessen Verlockungen mit Posten und Lega-Wunschgesetzen nicht widerstehen konnte - hat er durchaus Chancen, dort zu gewinnen. Dazu noch Siege in den klassischen Lega-Gebieten, etwa in Venetien, und Berlusconi hätte sein Ziel erreicht. Im Senat könnte er alle Gesetzesvorhaben stoppen, Italien wäre tendenziell unregierbar.
Mario Monti könnte hier hilfreich einspringen und den Mitte-Links- Kandidaten in Mailand unterstützen. Ein paar Prozentpünktchen aus Montis Wählerschicht würden der Bersani-Liste zum Sieg verhelfen. Aber Monti hat Angst, damit seine durchweg rechtsorientierten Wähler zu vergraulen. Die wollen nämlich in der Mehrheit den linken Kandidaten nicht. In seiner Not setzt der Professor lieber auf "Äquidistanz", wie er sagt - das soll heißen, er habe einen gleichen Abstand zu beiden politischen Blöcken.
Monti hat die Wahl zwischen Pest und Cholera
Das klingt vielleicht gut, verdeckt freilich nur notdürftig Montis tatsächliches, strategisches Problem: Er muss rechts Stimmen holen, um später in einer Koalition mit der Linken regieren oder zumindest mitregieren zu können. Doch unterstützt er Bersani mit Blick auf den Senat, verliert er selbst Stimmen. Also versagt er die Hilfe für den späteren Wunschpartner, auch wenn er dadurch Berlusconi stärkt, mit dem er auf keinen Fall regieren will. Monti hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Beides macht krank. Und er schwächelt ja auch schon. Seine Wahlkampfstrategen und Propagandisten erklären es mit "Startschwierigkeiten", doch manche fürchten, es seien die ersten Anzeichen, dass Montis Rechnung sich als politische Fehlkalkulation erweist: Statt steil in die Höhe geht die Zustimmung der Wähler mit dem voll einsetzenden Wahlkampf jetzt sogar zurück.
Zwölf Prozent der Befragten sagten in den ersten Tagen des neuen Jahres dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos, das als neutral und zuverlässig gilt, sie würden Monti wählen. Bei einer erneuten Befragung am Anfang dieser Woche schrumpfte ihr Anteil auf nur noch 10,9 Prozent. Das ist zwar mathematisch kein großer Unterschied. Aber politisch ist es ein Drama, ein Richtungswechsel. War es das womöglich schon mit dem Traum von der Rückkehr an die Macht?
Nun, andererseits könnte es sein, dass Bersani auch einen eher leichtgewichtigen Monti dringend braucht, etwa - siehe oben - um eine Mehrheit im Senat zu bekommen. Das Amt des Regierungschefs wird er Monti dafür wohl nicht offerieren. Aber vielleicht das des Finanzministers. Das hat Monti zwar klar ausgeschlossen. Nur als Chef werde er in eine Regierung eintreten, hat er mehrfach gesagt. Aber man kann seine Meinung ja ändern.
Und den Satz, dass er am liebsten zurück an die Uni ginge, hat man lange nicht gehört.
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