Wahl in Libyen: "Die Leute lassen sich nichts mehr gefallen"

Von Juliane von Mittelstaedt, Tripolis

Zum ersten Mal nach mehr als 40 Jahren Gaddafi-Diktatur dürfen die Libyer wählen. 2500 Bewerber und 142 Parteien ringen um die Stimmen. Die besten Chancen haben Aktivisten mit Beziehungen. Unterwegs mit einem Kandidaten.

Da, wo früher nur Muammar al-Gaddafi war, ist jetzt Abdulmejid Fteis. Glänzende Wangen, wirres Haar, verschmitztes Lächeln, so schaut er von Autobahnbrücken und Straßenlaternen herunter, von Verkehrsinseln und Hauswänden. Er ist nicht allein, fast über Nacht sind die Wahlplakate überall aufgetaucht, Dutzende nebeneinander, übereinander, untereinander, eine Kakophonie von Gesichtern, Bärten und Kopftüchern, von Farben und Sprüchen. Zusammengebastelt mit viel Photoshop und wenig Können, in aller Eile, denn nur wenige Tage hatten sie für den Wahlkampf.

Langsam fing es an, doch kurz vor der Wahl am Samstag ist ganz Tripolis voll von diesen Plakaten. Es ist die erste freie Wahl seit fast sechs Jahrzehnten, bei der 2500 Direktkandidaten und 142 Parteien um 200 Sitze einer verfassungsgebenden Versammlung konkurrieren, die in den kommenden 18 Monaten das Land regieren soll.

Hausfrauen und Lehrer treten an, Revolutionäre und Professoren, und eben auch der Arzt Abdulmejid Fteis, 58. "Früher konnten wir nicht offen über Politik reden", sagt Fteis, und jetzt, sagt er, wolle eben jeder mitreden im neuen Libyen. "Es ist ja vollkommen neu für uns, Fragen zu stellen."

Deswegen sitzt Fteis an diesem Tag zwischen Silberleuchtern, violettem Teppich und künstlichen Blumenbouqets und redet über Demokratie. Er hat einen Hochzeitssaal gemietet und will hier alle Fragen der Wähler beantworten. Drei Frauen mit bunten Kopftüchern kommen zuerst, sie ziehen ihre Notizbücher aus den Handtaschen und feuern ihren Fragenkatalog auf Fteis ab: Was werden Sie gegen die Armut tun? Für ein besseres Bildungssystem? Gegen das Chaos überall? Werden Sie unseren Verein für die Rechte von Frauen und Kindern unterstützen? Fteis, die Hände gefaltet, antwortet eifrig, die Frauen nicken zufrieden.

Es ist ein Experiment in Demokratie, für ein ganzes Land, aber auch für die Familie Fteis. Abdulmejid Fteis' Tochter Zeinab, 19, managt die Facebook-Seite, der Sohn macht die Wahlkampfspots, und auch der Großvater, 92 Jahre alt und im Rollstuhl, hat sich für die Wahl registrieren lassen. Er war einst selbst Abgeordneter in Libyen, in den fünfziger Jahren, als Vertreter der Volksgruppe der Amazigh im Westen Libyens. Aber damals wurden Abgeordnete mehr ernannt als gewählt, diesmal, sagt er, werde es hoffentlich eine echte Wahl, fair und demokratisch. Dankbar sei er, flüstert der Großvater, das noch erleben zu können.

Die Türkei als Vorbild

Jetzt muss sich Abdulmejid Fteis nur noch gegen einen Plakatwald von 135 Gesichtern durchsetzen, allein in seinem Viertel Hai al-Andalus, einem wohlhabenden Bezirk von Tripolis. Was nicht so einfach wird, denn die Sprüche der anderen Kandidaten klingen ähnlich wie seiner: "Libyen an erster Stelle". Es gibt hier keine Sozialdemokraten, keine Grünen und Konservativen, kein links und rechts. Es gibt vor allem mehr und weniger Religiöse, die sich darin einig sind, dass sie Jobs, Bildung und Wohlstand für alle wollen - und dass die Scharia Rechtsgrundlage sein sollte. Gestritten wird eher darüber, wie strikt sie ausgelegt werden soll.

Auch Fteis will die Scharia, das macht ihn aber nicht zum Taliban. Er träumt von der Türkei als Vorbild, bezeichnet sich als gläubiger Nationalist, seine Tochter studiert Medizin, trägt die Fingernägel in Türkis und kein Kopftuch. Er glaubt, es würden sich eher die moderaten Religiösen durchsetzen, nicht die Hardcore-Islamisten.

Bei all diesen gleichen Slogans, bei 2500 Direktkandidaten und 142 Parteien, wird es am Ende nicht so sehr auf Inhalte ankommen, sondern vor allem auf Vertrauen - und das entsteht in Libyen auf drei Arten: Zugehörigkeit zu Familie und Stamm, revolutionäre Glaubwürdigkeit und Islam. Wer eine einflussreiche Familie oder die Muslimbruderschaft hinter sich hat, der hat leichtes Spiel.

Abdulmejid Fteis weiß das, er hat deswegen 30.000 Broschüren drucken lassen: "Wie wählt man die Kandidaten aus?" Seine Botschaft: Es reicht nicht, wenn der Kandidat ein Geschäftsmann ist, ein Verwandter, ein gläubiger Muslim, er sollte auch gebildet, erfahren und ehrlich sein, Entscheidungen fällen und gut im Team arbeiten können. Das ist nicht selbstverständlich.

"Was soll man erwarten nach so vielen Jahren Gaddafi?"

"Besonders das Misstrauen gegenüber Parteien ist groß, das stammt noch aus Gaddafis Zeit", sagt seine Tochter Zeinab. Die meisten Wahlplakate haben die Watan-Partei des einstigen Militärkommandanten von Tripolis, Abdelhakim Belhadsch, und die "Nationale Allianz" des Ex-Übergangspremiers Mahmud Dschibril. Und natürlich die Muslimbrüder. Doch trotzdem wollen viele Libyer nur Direktkandidaten wählen; mehr als zwei Drittel wissen noch nicht, für welche Partei sie stimmen wollen, das hat ein Fernsehsender gerade ermittelt. Dabei werden es die Parteien sein, die später mit den Direktkandidaten Koalitionen bilden - und damit sehr viel Einfluss gewinnen.

Überstürzt sei die Wahl, stimmt auch Abdulmejid Fteis zu, sie sei nicht perfekt. Es gibt Gerüchte über Stimmenkauf, und mehr als ein Kandidat gibt wohl mehr als die erlaubten 100.000 Dinar für seinen Wahlkampf aus. In Bengasi haben sie gerade ein Wahlbüro gestürmt und versucht, Wahlzettel zu verbrennen. Viele der Einzelkandidaten sind wohlhabende Geschäftsleute, andere sind Strohmänner der Parteien, viele sollen den Muslimbrüdern angehören. Und in einer Umfrage der Universität Oxford sagten die meisten der befragten Libyer, sie würden am liebsten von einem starken Mann regiert werden.

"Aber was soll man erwarten nach so vielen Jahren Gaddafi?", fragt Fteis. Libyen sei nicht bereit für Wahlen und brauche sie doch umso nötiger, denn der Übergangsrat sei schwach, nicht demokratisch legitimiert und unfähig, das Land auf den rechten Kurs zu bringen. Er glaubt, mit einer starken Regierung werde alles gut, und er teilt diesen Glauben mit vielen Libyern.

"Das Gute ist doch, dass die Leute sich nichts mehr gefallen lassen", sagt Zeinab Fteis, die Tochter. "Wenn alles schief geht, gehen wir eben wieder demonstrieren."

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1. Demokratie?
akrisios 06.07.2012
Wie sollen wir da mitreden? Gibts die denn hier? Außer für regionale Gadget-Entscheidungen à la Stuttgart 21 hat der Bürger hier nix zu sagen. Entschieden wird wie es gefällt. Rücksprache nicht notwendig. Wenn das dieEU-Demokratie sein soll wander ich nach Libyen aus. Vielleicht lernt man da was über das Thema.
2. libyen
lebenslang 06.07.2012
Zitat von sysopScott Nelson/ DER SPIEGELZum ersten Mal nach mehr als 40 Jahren Gaddafi-Diktatur dürfen die Libyer wählen. 2500 Bewerber und 142 Parteien ringen um die Stimmen. Die besten Chancen haben Aktivisten mit Beziehungen. Unterwegs mit einem Kandidaten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,842870,00.html
oh gott der spiegel berichtet etwas positives über libyen, das wird vielen hier nicht gefallen, die die zustände in libyen eher in der nähe zum vorhof zur hölle sehen, wahlweise (da schwankt man noch) beherrscht von bütteln der geostrategisch-imperialistischen öl-lobby oder von finsteren taliban und al-kaida.
3.
horsteldorf 06.07.2012
Zitat von akrisiosWie sollen wir da mitreden? Gibts die denn hier? Außer für regionale Gadget-Entscheidungen à la Stuttgart 21 hat der Bürger hier nix zu sagen. Entschieden wird wie es gefällt. Rücksprache nicht notwendig. Wenn das dieEU-Demokratie sein soll wander ich nach Libyen aus. Vielleicht lernt man da was über das Thema.
Wird die um Demokratie und Menschenrechte besorgte Wertegemeinschaft eigentlich die Wahl auf die Einhaltung ihrer sehr strengen Anforderungen hin überwachen? Wie viel Personal ist dafür vorgesehen?
4. viel Spass
_Mensch_, 06.07.2012
Zitat von akrisiosWie sollen wir da mitreden? Gibts die denn hier? Außer für regionale Gadget-Entscheidungen à la Stuttgart 21 hat der Bürger hier nix zu sagen. Entschieden wird wie es gefällt. Rücksprache nicht notwendig. Wenn das dieEU-Demokratie sein soll wander ich nach Libyen aus. Vielleicht lernt man da was über das Thema.
Das wäre eine kluge Entscheidung. In Libyen werden Sie mit Sicherheit viiiiel über Demokratie lernen. Dabei dürfte sich auch Ihr Adrenalinspiegel auf einem etwas höheren Niveau einpendeln... abhägig wo Sie sich gerade in Libyen befinden. Viel Spass.
5. Interessanter Beitrag eines libyschen Politikers ueber Religion und Demokratie
Beat Adler 06.07.2012
Zitat von sysopScott Nelson/ DER SPIEGELZum ersten Mal nach mehr als 40 Jahren Gaddafi-Diktatur dürfen die Libyer wählen. 2500 Bewerber und 142 Parteien ringen um die Stimmen. Die besten Chancen haben Aktivisten mit Beziehungen. Unterwegs mit einem Kandidaten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,842870,00.html
lesenswert: Ein Plädoyer gegen die Machtansprüche islamistischer Parteien - NZZ.ch, 06.07.2012 (http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/ein-plaedoyer-gegen-die-machtansprueche-islamistischer-parteien-1.17323043) Was in Libyen gerade geschieht ist wirklich interessant. Hoffentlich halten sich die Heissbluetigen mit den Kalashnikows im Zaum. mfG Beat
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Fotostrecke
Exil-Libyer: Libyer wählen in Berlin

Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014; amtierend); umstritten

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