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Libyens mutmaßlicher Wahlsieger: Comeback eines Strategen

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Der Siegeszug der Muslimbrüder im Nahen Osten scheint gestoppt. In Libyen mehren sich die Anzeichen, dass Mahmud Dschibril mit seiner liberalen Allianz der große Gewinner der Parlamentswahlen wird. Es wäre ein weiterer Überraschungserfolg für den geschickten Verhandler.

Politiker Dschibril: Nach vorläufigen Hochrechnungen Sieger der Wahlen in Libyen Zur Großansicht
REUTERS

Politiker Dschibril: Nach vorläufigen Hochrechnungen Sieger der Wahlen in Libyen

Tripolis - Mit einem Coup meldet sich Mahmud Dschibril zurück. Seine "Allianz der Nationalen Kräfte", eine Koalition verschiedener liberaler Parteien und Organisationen, scheint bei den Wahlen am Samstag in Libyen der Überraschungssieger zu werden. Dies legen verschiedene vorläufige Hochrechnungen libyscher Parteien und Wahlbeobachter nahe. Ein amtliches Ergebnis wird erst in den kommenden Tagen erwartet.

Damit hat Dschibril offenbar den Siegeszug der Islamisten gestoppt, die bei Wahlen in Tunesien und Ägypten die meisten Stimmen auf sich vereinen konnten. Die Muslimbruderschaft erklärte noch am Sonntag ihre Niederlage gegenüber Dschibrils Allianz in den wichtigsten Städten Tripolis und Bengasi.

Für den 60-Jährigen wäre es ein weiterer Überraschungserfolg. Noch vor einem halben Jahr sah es aus, als würde der Stern des Ex-Politikprofessors sinken.

Im September 2011 hatte Dschibril, damals Chef der libyschen Übergangsregierung, seinen Rückzug aus dem Gremium angekündigt. Vorangegangen waren Querelen mit Mustafa Abdul Dschalil, der zusammen mit Dschibril die Doppelspitze des Übergangsrats bildete. Auch war Dschibril zunehmend bei den aufständischen Kämpfer in die Kritik geraten.

Rückblickend scheint Dschibrils Rückzug ein kluger Schritt gewesen zu sein. Denn die Popularität der Übergangsregierung hat seither stark gelitten, weil sich nur langsam Veränderungen in Libyen einstellen. Dschibril ist gerade noch rechtzeitig ausgestiegen. Wieder einmal scheint es, als habe Mahmud Dschibril alles riskiert - und gewonnen.

Dschibril gelang ein diplomatischer Coup für die Rebellen

Zu Beginn der Aufstände war Dschibril ein Technokrat Gaddafis. Er sollte eine Wirtschaftsstrategie für Libyen entwerfen, um den Arbeitsmarkt in Schwung zu bringen. Dschibril war 2007 der Einladung aus Tripolis gefolgt und hatte den USA den Rücken gekehrt, wo er jahrzehntelang an der Universität von Pittsburgh Politik lehrte.

Im März 2011, zwei Wochen nach Beginn der Aufstände, wechselte er die Fronten. Dschibril setzte alles auf eine Karte und schloss sich den Rebellen an. Doch so schnell wie die Machthaber in Tunesien und Ägypten war Muammar al-Gaddafi nicht zu stürzen.

In Paris gelang Dschibril ein Coup für die Rebellen. Überraschend konnte er die französische Regierung dazu überreden, den Übergangsrat als einzige legitime Vertretung Libyens anzuerkennen. Einen derartigen diplomatischen Erfolg hat Syriens gespaltene Opposition auch 16 Monate nach Beginn der Aufstände noch nicht erreicht.

Das liberale Lager geeint

In Libyen wirkte Dschibril anfangs weniger sicher als auf dem internationalen Parkett. Doch im Wahlkampf stellte er nun auch sein innenpolitisches Geschick unter Beweis.

Anders als die Tunesier und Ägypter vor ihm hat es Dschibril in Libyen offenbar geschafft, die liberalen Kräfte zu einen. So hatte das liberale Lager bei den ägyptischen Präsidentschaftswahlen und der tunesischen Wahl einer Nationalversammlung zwar viele Stimmen erhalten - jedoch verteilten sich diese auf eine Vielzahl an Parteien.

Auch gelang es Dschibril, die Angriffe der Islamisten an sich abprallen zu lassen. Sie beschimpften ihn als zu westlich, zu liberal, zu säkular - kurz: als keinen guten Muslim. Er wetterte nicht zurück. Stattdessen gab er zu verstehen, niemand habe ein Monopol auf den Islam - und flirtete seinerseits mit der religiösen Wählerschaft.

Nicht überzeugen konnte der Ex-Gaddafi-Mann aber offenbar einen Teil der Rebellenkämpfer. In der lange umkämpften Stadt Misurata soll den ersten Hochrechnungen zufolge seine Allianz nicht gewonnen haben.

Selbst wird Dschibril nicht in den Nationalkongress einziehen. Das Wahlgesetz verbietet es ehemaligen Übergangsrat-Mitgliedern, Abgeordnete zu werden. Von den 200 Abgeordneten des libyschen Nationalkongresses werden außerdem lediglich 80 von Parteien entsandt. 120 Abgeordnete sind direkt gewählte Einzelpersonen. Doch als Chef des größten Parteienblocks dürfte Dschibril eine wesentliche Rolle zukommen.

Noch am Sonntag rief Dschibril Libyens Politiker dazu auf, eine Regierung der Nationalen Einheit zu bilden. Um aus dem Potpourri von Abgeordneten eine stabile Regierung zusammenzustellen, dürfte Dschibrils Verhandlungsgeschick wieder gefragt sein.

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Fotostrecke
Libyen-Wahl: Tinte am Finger

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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