Wahl in Pakistan Mit Allah, gegen Amerika

Pakistan wählt ein neues Parlament - nachdem erstmals eine Regierung volle fünf Jahre durchgehalten hat. Doch der demokratische Erfolg täuscht, die Menschen sind ernüchtert über Terror und Korruption. Als Hoffnungsträger gilt der Ex-Cricket-Star Imran Khan. Seine Mittel: Religion und Anti-Amerikanismus.

Von , Islamabad

AFP

Nowshera/Jhelum/Islamabad - Die Männer sitzen im Schneidersitz auf dem Boden, blättern durch Wahlkampfbroschüren, die die Druckerei gerade geliefert hat. Jeder hat neben sich eine Pistole liegen, Kaliber neun Millimeter. Draußen stehen Wachleute mit Maschinenpistolen, Besucher werden abgetastet. Trotzdem schrecken die Männer in dem engen Raum jedes Mal auf, wenn jemand an der offenen Tür erscheint.

Es ist die Wahlkampfzentrale der ANP in Nowshera, einer paschtunischen Partei. Weil sie als säkular gilt, haben die Taliban sie zum Feind erklärt. "Ich vermute, wir können diese Broschüren direkt in den Müll werfen", sagt Kher Mohammed. "Was sollen wir machen, wir können nicht auf die Straße gehen und sie verteilen, weil wir ständig damit rechnen müssen, von den Taliban angegriffen und umgebracht zu werden." Gerade war er in Peschawar, der Provinzhauptstadt, und entkam einem Selbstmordattentäter, der mehrere ANP-Mitglieder in den Tod riss.

Am Samstag wählt Pakistan ein neues Parlament. Es ist ein historisches Ereignis, erstmals seit der Staatsgründung 1947 hat eine demokratisch gewählte Regierung eine Legislaturperiode überstanden. Jetzt sind rund 86 Millionen Menschen aufgerufen, von neuem über insgesamt 342 Sitze zu entscheiden. Vier Provinzen wählen zeitgleich ihre Landesparlamente. Mehr als 16.000 Menschen aus insgesamt 250 Parteien stehen zur Wahl (siehe Kasten links "Fakten über Pakistan und die Wahl").

Das ist ein Erfolg für den Demokratisierungsprozess in Pakistan. Und doch ist das Ziel einer stabilen Demokratie noch fern. Eine Umfrage des British Council unter jungen Pakistanern ergab, dass eine große Mehrheit das Land auf dem falschen Weg wähnt. Nur 29 Prozent glauben, Demokratie sei gut für Pakistan. 32 Prozent halten eine Militärherrschaft für besser; 38 Prozent wünschen sich gar einen islamischen Staat, regiert nach den Regeln der Scharia.

Taliban drohen mit "blutigem Wahltag"

Der Wahlkampf war überschattet von Gewalt. Am Donnerstag wurde der Sohn des früheren Premierministers Yousuf Raza Gilani während einer Kundgebung entführt, sein Wahlkampfmanager erschossen. Mehr als 120 Politiker und Wahlkämpfer starben seit Anfang April bei Schießereien und Anschlägen. In manchen Wahlkreisen soll aus Respekt vor den Opfern später gewählt werden. Zum Beispiel in Karatschi, wo die Taliban den ANP-Kandidaten und dessen vierjährigen Sohn erschossen.

"Was ist das für ein Wahlkampf, bei der drei große Parteien kaum öffentlich auftreten, weil ihre Kandidaten und Mitarbeiter mit dem Tod bedroht werden?", schimpft ANP-Mann Kher Mohammed. Die Taliban haben neben der ANP die bisher größte Regierungspartei PPP sowie die Partei der indischen Einwanderer, die MQM, zu Zielen ihrer Angriffe erklärt. "Wir akzeptieren dieses System der Ungläubigen nicht, das sich Demokratie nennt", sagt Hakimullah Mehsud, der Chef der pakistanischen Taliban (TTP). Sie drohen einen "blutigen Wahltag" an, Mehsud habe die Anschläge persönlich befohlen, im ganzen Land seien Selbstmordattentäter unterwegs, heißt es. Rund 600.000 Sicherheitskräfte sollen am Samstag deshalb im Einsatz sein.

Aussichtsreichster Kandidat für das Amt des Regierungschefs ist Umfragen zufolge Nawaz Sharif von der Muslimliga PML-N. Sharif war in den neunziger Jahren bereits zweimal Premierminister, stets wurde ihm Korruption vorgeworfen. Als ihn 1999 der damalige Armeechef General Pervez Musharraf stürzte, waren die Menschen erleichtert, Sharif los zu sein. Das ist vergessen, angesichts der schlechten Leistung der PPP-geführten Regierung gilt Sharif wieder als Hoffnungsträger.

Bhutto-Partei fehlt die Führungsfigur

Der PPP ihrerseits fehlt die Führungsfigur. Im Parteibüro in Jhelum im Punjab, der reichsten, bevölkerungsstärksten Provinz, hängen an den Wänden Bilder von Benazir Bhutto, der 2007 ermordeten zweimaligen Premierministerin. Es sind Bilder eines vergangenen Glanzes. Nach Bhuttos Tod war die PPP auf einer Welle des Mitleids stärkste Partei geworden. "Wenn wir diesmal 75 Sitze bekommen, können wir zufrieden sein", sagt PPP-Politiker Javed Qureshi in Jhelum.

Bhuttos Witwer, Präsident Asif Ali Zardari, durfte im Wahlkampf nicht auftreten, das verbietet seine Position als Staatschef. Doch er ist ohnehin unbeliebt, kämpft mit Korruptionsvorwürfen. Sein Sohn Bilawal Bhutto Zardari, 24, ist aus Angst vor Anschlägen nach Dubai geflüchtet. Von dort schickt er regelmäßig Videobotschaften an die PPP-Anhänger, die seine Furcht zwar nachvollziehen können, aber unzufrieden sind, dass er nicht vor Ort für die PPP kämpft.

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Pakistan: Wahlkampf mit der Angst
Auch wenn sich das Wahlverhalten der Pakistaner schwer voraussagen lässt, ist es sehr wahrscheinlich, dass die PPP abgestraft wird. In den vergangenen fünf Jahren ging es wirtschaftlich bergab, die Korruption nahm zu, die Preise für Lebensmittel und Energie sind dramatisch gestiegen, täglich fällt der Strom bis zu 20 Stunden aus, das Land wird von Terror erschüttert. In die Regierungszeit fiel zudem die peinliche Entdeckung, dass Osama Bin Laden jahrelang im Land lebte.

Ein neuer Superstar verspricht Abhilfe: der frühere Cricket-Profi Imran Khan, der Pakistan 1992 zum Weltmeistertitel führte. Geschickt hat Khan sich mit seiner PTI als Alternative zu den alteingesessenen Parteien positioniert. Er verspricht, Korruption zu bekämpfen, den Terror zu beenden, den US-Drohnenkrieg zu stoppen und einen "islamischen Wohlfahrtsstaat" aufzubauen. Wie, das lässt er offen. Vor allem bei den jungen Pakistanern in den Städten kommt er trotzdem gut an.

Wie Sharif macht sich Khan die antiamerikanische Stimmung zunutze und spielt die religiöse Karte. Beide Politiker wurden von den Taliban bislang verschont, PML-N und PTI konnten deshalb viel häufiger große Wahlkampfauftritte organisieren als die anderen Parteien. Einer Anti-Terror-Front gemeinsam mit den bedrohten Parteien schlossen sie sich nicht an.

Khan sagt, er lehne einen säkularen Staat ab. Kritiker werfen ihm Nähe zu den Taliban vor, aber auch Heuchelei, immerhin war er als Sportler der Lebemann, der in London Partys feierte und Liebschaften pflegte. Wurde er anfangs noch belächelt, liegt seine Partei in Umfragen plötzlich auf Platz zwei. Mancher sieht in Khan sogar den neuen Regierungschef. Am Dienstag fiel er von einem Bühnenaufzug und verletzte sich schwer. Vom Krankenbett aus wandte er sich am Donnerstagabend an rund 30.000 Anhänger bei der Abschlusskundgebung in Islamabad. Er forderte sie auf, den Schritt zu einem "neuen Pakistan" zu wagen. Die Menschen jubelten, ohne sagen zu können, was genau er eigentlich meinte.

Sie wissen: Egal, was das Neue sein wird, es wird besser sein als das Alte.

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insgesamt 4 Beiträge
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degraa 10.05.2013
1.
Der Westen wird's nie lernen. Öl gegen Geld und das sollte es gewesen sein. Vielleicht werden die Pakistani und diverse andere Völkerschaften dann mal lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Oder Saudi-Arabien und die Emirate investieren zur Abwechseln nicht ins religiöse Mittelalter, sondern in Bildung und Infrastruktur. Das blieb ja bisher den doofen Dhimmis vorbehalten.
herrkoehler 10.05.2013
2. Und wieso täuscht denn ein demokratischer Wahlsieg, nur weil er anti-us-amerikanisch ist?
Das würde ja im Unkehrschluss bedeuten, dass anit-us-amerikanisch gleich undemokratisch bedeuten würde. Da erschließt sich mir leider nicht der Zusammenhang!
clubzwei 11.05.2013
3. Es war ein Fehler,
Truppen zuschicken, um gegen die Taliban zu kämpfen. Denn nie gab es unter den Alliierten ein gemeinsam formuliertes Ziel, die Taliban restlos auszurotten. Das, was da jetzt passiert, war vorhersehbar. Jetzt tanzen die moslemischen Terror-Zombies sogar dem eigenen Volk (in Pakistan) auf der Nase rum.
spaxi007 12.05.2013
4. Was Papa Ami Sagt und Macht
Fast 180 Millionen Pakistaner Wiesen wohl besser was für ihre Land gut ist wenn da nicht die bezahlte Sklaven wie die SPON Reporter wären die nur negative Berichte erstatten weil ihnen so diktiert werden, das die Leute trotz Terror Warnung zu wählen Wagen sieht kein Schwein, Daumen hoch
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