Wahl in Venezuela: Der schwerste Kampf des Caudillo

Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

Hugo Chávez regiert Venezuela wie seine private Hacienda - doch damit könnte es bald vorbei sein. Henrique Capriles Radonski schickt sich an, ihm bei der Wahl am Sonntag die Macht zu entreißen. Für den Fall einer Niederlage prophezeit Chávez einen Bürgerkrieg.

Chávez gegen Capriles: Machtkampf in Venezuela Fotos
AP

Der Mann, der Venezuelas Präsident Hugo Chávez in den Ruhestand schicken möchte, präsentiert sich gern als David im Kampf gegen Goliath. "El Flaco", den Dünnen, haben sie Henrique Capriles Radonski wegen seiner schmächtigen Statur früher genannt. Man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Capriles besitzt eine schier unerschöpfliche Energie, und er ist erst 40 Jahre alt; 18 Jahre jünger als sein Gegner.

Unermüdlich ist der Herausforderer in den vergangenen Wochen durchs Land gereist, über 250 Dörfer und Städte zwischen Amazonasdschungel und Karibikküste hat er seit Juli besucht. Jetzt setzt der Marathonläufer zum Endspurt an, am Sonntag wird ein neuer Präsident gewählt. Es ist der spannendste Urnengang in Venezuela seit Chávez' Machtantritt vor fast 14 Jahren. Noch nie standen die Chancen der Opposition so gut, der "bolivarischen Revolution" des Caudillo ein Ende zu bereiten.

"Capriles war schon hier" haben seine Anhänger neben die Wahlplakate des Präsidenten geschrieben, die überall im Land hängen. Es ist fast wie das Rennen zwischen Hase und Igel. Der Kandidat scheint omnipräsent; wo er auftaucht, wirft er Baseballmützen in den Landesfarben blau-gelb-rot unters Publikum, das ist sein Markenzeichen.

Das Volk ist gespalten

Ausgerechnet Chávez wollte seinem Widersacher die Verwendung nationaler Symbole verbieten lassen. Dabei vermischt niemand so ungeniert Amt, Partei und Nation wie er. Chávez sieht sich als legitimer Nachfolger des Befreiers Simón Bolívar, jeder Wahlkampf ist für ihn eine historische Schlacht, immer geht es ums Ganze.

Der Caudillo regiert Venezuela wie seine private Hacienda. Doch Chávez hat immer darauf geachtet, dass seine Herrschaft durch Wahlen legitimiert ist. Drei Wahlen, einen Putsch und eine Volksabstimmung hat er überstanden. Er ist kein Diktator; manche sagen: noch nicht.

Denn dass er eines Tages ganz banal abgewählt werden könnte, hatte er nie in sein Kalkül einbezogen, Chávez möchte den Zeitpunkt seines Abgangs selbst bestimmen. Einen Oppositionsführer Hugo Chávez kann man sich schwer vorstellen.

Jüngst prophezeite er einen Bürgerkrieg, wenn er aus dem Amt vertrieben würde. Die Voraussetzungen dafür hat er selbst geschaffen: Tausende Kalaschnikows ließ er an seine Anhänger verteilen, in vielen Armenvierteln herrschen bolivarische Milizen. Bei einer US-Invasion sollen sie die Amerikaner in einen Guerillakrieg verwickeln, behauptet Chávez.

In Wirklichkeit fungieren sie als paramilitärische Schlägertruppe des Präsidenten. Sie bedrohen Journalisten und Oppositionelle, der Abwahl ihres Idols würden sie kaum tatenlos zusehen. Am vergangenen Wochenende gab es die ersten Toten: Bewaffnete Chávez-Anhänger erschossen drei Männer, die Capriles im Wahlkampf unterstützten.

Der sonst so selbstsichere Caudillo ist nervös: In den meisten Umfragen liegt er zwar vor Capriles, doch den Meinungsinstituten ist nicht zu trauen. Sie sind gespalten in Chávez-Gegner und Chávez-Anhänger, so wie das ganze Volk. Am vergangenen Sonntag maßen der Präsident und sein Herausforderer ihre Kräfte. Capriles brachte Hunderttausende Anhänger auf die Beine, sie füllten die Avenida Bolívar in Caracas, traditionell ein Aufmarschgebiet der "Chavistas". Auch der Präsident hatte sich in Feindesland begeben: Zehntausende jubelten ihm in der Ölprovinz Zúlia zu, die von der Opposition regiert wird.

Wie ein angeschlagener Preisboxer stand er auf der Bühne. Er probte ein paar Schritte im Salsa-Takt, doch der Charme des Verführers ist verflogen, seine Bewegungen sind schwerfällig, seine Reden gespickt mit Beleidigungen. Als Schwein und Schwulen hat er Capriles im Wahlkampf beleidigt. So redet niemand, der sich seines Sieges sicher ist.

Der Treibstoff für die Revolution wird knapp

Das Rätselraten über Chávez' Gesundheitszustand verstärkt die Endzeitstimmung unter seinen Anhängern. Zwar glaubt kaum jemand, dass er kurz vor dem Ableben steht, wie angebliche Ärzte und selbsternannte Experten noch vor wenigen Wochen verbreiteten. Doch dass er vom Krebs genesen ist, wie er behauptet, ist auch schwer zu glauben. Seine Reden sind kürzer geworden, er reist weniger, sein Gesicht ist aufgedunsen, wahrscheinlich eine Nebenwirkung von Medikamenten.

Für die Armen ist ihr Idol unsterblich, sie lieben ihn. Über zwei Millionen Venezolaner sind unter Chávez aus der absoluten Armut aufgestiegen, ihre Stimmen sind ihm sicher. Mit den Dollars aus den Ölexporten hat er milliardenteure Sozialprogramme finanziert. Doch der Treibstoff für die Revolution wird allmählich knapp: Chávez hat so viele Einnahmen des staatlichen Ölkonzern PDVSA in Sozialprogramme und seinen Wahlkampf umgeleitet, dass der einstigen Vorzeigefirma kaum noch Geld für Investitionen bleibt. Die Produktion sinkt seit Jahren, obwohl Venezuela über gigantische Reserven verfügt.

Zwei Raffinerien sind in den vergangenen Wochen in Flammen aufgegangen - vieles deutet darauf hin, dass die Unfälle auf mangelnde Wartung zurückzuführen sind. Jetzt importiert der Caudillo Benzin aus den USA, zugleich werden die Dollars knapp. Die Regierung hat in den vergangenen Wochen diskret einen Teil ihrer Goldreserven verkauft, um den Devisenbedarf zu decken.

Viele Chavistas planen insgeheim für die Zeit nach der Revolution, der Rückhalt im Volke bröckelt. In den Elendsvierteln hat die Kriminalität dramatisch zugenommen. Zwischen 19.000 und 20.000 Menschen werden nach Uno-Angaben jährlich in Venezuela ermordet, das ist trauriger Rekord in Südamerika.

Der neue Präsident muss unangenehme Entscheidungen treffen

Chávez spielt das Problem herunter, dabei leiden seine Anhänger am meisten: Die meisten Morde geschehen in den Armenvierteln. Das Grenzgebiet zu Kolumbien ist in der Hand von Drogenhändlern, Guerilleros und Paramilitärs. Dem Caudillo ist die Kontrolle über weite Landesteile entglitten.

Zugleich steht die Opposition erstmals geschlossen hinter einem Kandidaten: Capriles hat es geschafft, die zerstrittenen Chávez-Gegner zusammenzuschweißen. Als Gouverneur des wichtigen Gliedstaats Miranda hat er sich Autorität und Ansehen erworben.

Im Wahlkampf beteuert Capriles, dass er als Präsident die staatliche Armutshilfe beibehalten will, sein Vorbild sei Brasiliens Volksidol Lula. Doch viele arme Venezolaner fürchten, dass die Opposition nach einem Wahlsieg ihr altes Gesicht zeigen wird: Hinter dem jugendlichen Capriles lauern Reaktionäre, Putschisten und Millionäre auf ihr Comeback.

Die Erneuerung der einstigen Volksparteien AD und Copei, die sich bis zu Chávez' Wahlsieg an der Macht abwechselten, ist ausgeblieben. Korruption und Misswirtschaft haben ja nicht erst unter Chávez begonnen: Er wurde 1999 gewählt, weil das alte System marode und korrupt war.

Die größte Gefahr droht jetzt, wenn das Wahlergebnis knapp ausfallen sollte. Betrug ist zwar unwahrscheinlich, das Wahlsystem ist gegen Fälschungen weitgehend gefeit. Chávez und seine Gegner haben bei früheren Abstimmungen alle Ergebnisse respektiert. Manipuliert wird vor der Wahl: Chávez setzt den gesamten Staatsapparat für seine Wiederwahl ein, die Regierung hat schwarze Listen ihrer Gegner anlegen lassen, Chávez-feindliche Journalisten werden bedroht.

Doch wer die zerrissene Nation nach dem 7. Oktober führen will, braucht eine satte Mehrheit, einige Prozentpunkte Vorsprung reichen als Legitimation nicht aus. Der neue Präsident muss unangenehme Entscheidungen treffen: Eine Abwertung der Landeswährung Bolívar ist kaum zu vermeiden.

Chávez' südamerikanische Amtskollegen blicken deshalb sorgenvoll nach Caracas. Die meisten setzen auf seine Wiederwahl - sie trauen dem Caudillo noch am ehesten zu, das Land vor dem Chaos zu bewahren.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Recht guter Artikel
Bill G. der 2.0te 07.10.2012
Muss ein verhaltenes Lob aussprechen, der Artikel ist recht ausgewogen ausgefallen. Kleine Korrektur: Radonski statt Redonski.
2. guter Artikel
bicho 07.10.2012
Zitat von Bill G. der 2.0teMuss ein verhaltenes Lob aussprechen, der Artikel ist recht ausgewogen ausgefallen. Kleine Korrektur: Radonski statt Redonski.
Nach einigen Fehlinformationen im Spiegel endlich mal eine annähernd korrekte Betrachtung der Situation in Venezuela. Man vergass allerdings bei dem Beitrag dass der Führer das Land in unheimlich hohe In-und Auslandsschulden getrieben hat und wenn man den öffentlichen Kontoauszügen nur in den USA von den sogenannten Sozialisten sieht weiss man wo das Geld geblieben ist.
3. Kein Diktator?
shin 07.10.2012
Der Putschversuch 1992 und die Manipulationen bei späteren Wahlen und dem Referendum zu unbegrenzten Wiederwahl sprechen eine andere Sprache. An Chavez Händen klebt Blut, die hohe Kriminalität im Land ist seinen Vorbild geschuldet. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.
4. Als Venezolaner
johannes.kepler 07.10.2012
kann ich dies sagen: Chávez hat mehr als einmal gesagt, dass wenn er verlieren würde, ein Bürgerkrieg kommt. Er bezieht sich auf die Oppositionellen als "Majunches", was in Slang in Venezuela die Unterlegenen oder Nichtsnutze bedeutet, die "vernichtet werden müssen". Sein Bruder, Adán Chávez, sagte, dass wenn die Wahlen nicht helfen, man Gewalt benutzen muss. Chávez bleibt bei vielen noch populär, weil die Erdölpreise 10 höher sind als zu seinem Amtsantritt...und Erdölpreise werden durch den Weltmarkt bestimmt. Erdölpreise waren das Alpha und Omega in Venezuela. Wir haben seitdem immer höhere Erdölpreise als je zuvor. Trotztdem ist die ohnehin schon grosse Korruption so schrecklich geworden, dass Chávez immer höhere Erdölpreise nötig hat, um dieselben chinesische Geräte und ausländische Lebensmittel billig zu verteilen. Und das ist nötig: das Land produziert immer weniger. Einige Präsidenten in der Region haben vielleicht ein Interesse daran, dass der Militärführer in Venezuela am Amt bleibt nur, weil mit ihm alle Länder der Region satte Handelsüberschüsse haben. Vor Chávez hatte Venezuela selbst einen leichten Überschuss mit Brasilien, nun importiert Venezuela 5 mal mehr aus Brasilien als es dahin exportiert. In den Neunziger war Erdöl für 80% der Exporte verantwortlich, nun über 97%. Putin wäre auch unglücklich, wenn Chávez verlieren würde: In den letzten 8 Jahren hat Venezuela über 9 Milliarden Dollar in Waffen von Russland gekauft, meistens Flugzeuge und Panzer. Gehen Sie zum Site des von der Regierung dominierten Wahlrates Venezuelas (CNE Venezuela suchen) und geben Sie in CI die Identitätsnummer 19777306. Dann 19777305. Es handelt sich um Personen mit demselben Namen - angeblich, aber auch am selben Tag geboren, wie die Daten bei Analyse der Opposition herausgaben. Auf Spanisch haben wir zwei Vor und zwei Nachnamen...Wiederholungen wie diese gibt es 40000. Die sind aber nur die Spitze des Eisbergs bei den Einträgen der Wähler. Wie auch immer... Die Mordrate in Venezuela 1998 war 19. Nun ist sie über 65, während die in Kolumbien und Brasilien früher höher waren als in Venezuela und nun niedriger. Capriles, der bis jetzt Gouverneur in Miranda war, hat seinen Bundesstaat an der PISA-Studie teilnehmen lassen, die einzige Region Venezuelas, die das tut. Chávez weigert sich, das für Venezuela zuzulassen, denn er zieht es vor, Märchen über Bildung in Venezuela zu erzählen. Analphabetismus haben wir immer noch, wie die Zahlen der INE beweisen und kaum weniger als vor 14 Jahren, als wir 7% Analphabeten hatten und 50% von ihnen über 60 Jahre alt waren. Ich schreibe etwas darüber, manchmal auch auf Deutsch, unter http://venezuela-europa.blogspot.com
5.
zroone 07.10.2012
Zitat von Bill G. der 2.0teMuss ein verhaltenes Lob aussprechen, der Artikel ist recht ausgewogen ausgefallen. Kleine Korrektur: Radonski statt Redonski.
naja, geht so. es ist ja kein geheimnis, dass die herrschenden des westens lieber den oppositionskandidaten an der macht sehen würden. sie waren es auch, die 2002 den putsch gegen chavez ins rollen brachten. warum, weil chavez begonnen hatte venezolanisches öl dem volk zurückzugeben und zu verstaatlichen. damit hat er natürlich den wunden punkt der amis etc. getroffen. es kann ja auch nicht sein, dass das schöne öl dem venezolanischen volk zugute kommt und der profit nicht in die taschen der westlichen konzerne wandert. mit der wahl von chavez wurde ein jahrhunderte lange zeit der gewalt und unterdrückung beendet. was chavez in dieser zeit geschafft hat und für die mehrheit des volkes und insbesondere der indigenen bevölkerung geleistet hat, wäre mit einer regierung die aus statthaltern des westens besteht nie und nimmer passiert, im gegenteil. das noch einiges im kampf gegen armut etc. zu tun ist ist nicht zu bezweifeln. mit dem kandidaten der opposition wird das jedoch nicht getan werden.
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