Londoner Bürgermeisterwahl: Ich Bond, du Blofeld

Von , London

London wählt einen neuen Bürgermeister, der Urnengang wird zum Showdown zwischen dem konservativen Amtsinhaber Boris Johnson und dem linken Herausforderer Ken Livingstone. Beide schenken sich nichts, es ist das Duell zweier Riesenegos. Inhalte bleiben auf der Strecke.

Londoner Bürgermeisterwahlkampf: Boris gegen Ken Fotos
REUTERS

Als er seinen eigenen Wahlkampf-Spot sah, kamen ihm die Tränen. "Ken, du musst für uns die Wahl gewinnen", sagten die Bürger von der Großbildleinwand herunter. Und Ken Livingstone, Labour-Spitzenkandidat bei der anstehenden Bürgermeisterwahl in London, war gerührt, dass sein Wahlversprechen, die U-Bahn-Fahrpreise zu senken, den Leuten so viel bedeutete.

Red Ken, die letzte Hoffnung der gebeutelten Londoner? In dieser Rolle gefällt sich der 66-jährige Labour-Veteran am besten. Vergangenes Jahr erklärte er nur halb im Scherz, die Hauptstädter hätten am 3. Mai eine "simple Wahl zwischen Gut und Böse". Seit dem "großen Kampf zwischen Hitler und Churchill" sei eine Wahl nicht mehr so klar gewesen.

Der konservative Amtsinhaber Boris Johnson, 47, konterte trocken, das Duell erinnere ihn eher an Bond gegen Blofeld. Mit dem Unterschied, dass Livingstone einen Hund habe, nicht eine Katze wie der Bösewicht aus den James-Bond-Filmen.

Es geht um einen der mächtigsten Posten in der britischen Politik, doch die beiden Hauptkontrahenten führen sich mitunter auf, als gehe es um den Titel des Comedy-Königs. Persönliche Angriffe dominieren diesen Wahlkampf. Livingstone verspottet Johnson als "Teilzeit-Bürgermeister", weil dieser neben seinem politischen Amt auch noch eine Zeitungskolumne schreibt, für die er 250.000 Pfund im Jahr kassiert.

Johnson hingegen wirft Livingstone vor, seine Einnahmen in eine Firma geleitet zu haben, um Einkommensteuer zu sparen. Der Vorwurf kratzt an der Glaubwürdigkeit des Labour-Manns, und sein Konter, Johnson mache es doch genauso, wurde sofort als falsch entlarvt. Nach einer heißen Radio-Debatte knöpfte sich ein knallroter Johnson seinen Rivalen im Lift des Senders vor und nannte ihn einen "verdammten Lügner".

Schlagfertig, eitel und Frauenhelden

Wenige Wochen vor der Wahl am 3. Mai ist die Stimmung gereizt, der Wahlkampf tritt in die Endphase ein. Die anderen Bewerber sind längst genervt von dem Schauspiel, das die beiden übergroßen Persönlichkeiten aufführen. "Zu viel Testosteron im Raum", befand die grüne Spitzenkandidatin Jenny Jones nach einer der jüngsten Fernsehdebatten. Und "Times"-Kolumnistin Rachel Sylvester klagte, keiner der beiden Rivalen mache ernsthafte Vorschläge, wie London zu verbessern sei. Stattdessen gehe es immer nur um ihre Egos.

Der Zweikampf zwischen Johnson und Livingstone ist eine Wiederauflage von 2008. Damals waren die Rollen umgekehrt verteilt: Livingstone war seit acht Jahren Bürgermeister und Johnson der Herausforderer. Der Tory gewann die Labour-Hochburg, das hat Platzhirsch Livingstone nie verwunden. Nun will er sie zurück.

Kein Wunder also, dass die Emotionen hochkochen. Beide Rivalen sind schlagfertig, eitel, gelten als Frauenhelden und unberechenbare Exzentriker. Landesweit sind sie unter ihrem Vornamen bekannt: "Boris" ist der Politiker mit dem hellblonden Haarschopf, dessen clownhaftes Auftreten einen skrupellosen Machtmenschen verbirgt. Und "Ken", das ist der schmunzelnde Labour-Dinosaurier, der bereits zu Zeiten von Premierministerin Margaret Thatcher den linken Provokateur gab.

Das Duell hat auch deshalb eine besondere Würze, weil Johnson und Livingstone gegensätzliche Pole der englischen Gesellschaft repräsentieren. Der Tory ist Sohn eines britischen Diplomaten, aufgewachsen in Brüssel und in vornehmen Internaten, zur Uni gegangen mit Premierminister David Cameron und Schatzkanzler George Osborne. Ein waschechter "Toff" also, wie die Sprösslinge der englischen Oberschicht genannt werden. Er ist gelernter Journalist, schrieb als Brüssel-Korrespondent des "Daily Telegraph" stramme Anti-EU-Tiraden, wurde dann Chefredakteur des konservativen Wochenmagazins "Spectator", bevor er in die Politik wechselte.

Labour hofft, dass Wähler Tories für Sparkurs abstrafen

Sozialdemokrat Livingstone hingegen wuchs in einer Sozialwohnung in Südlondon auf, sein Vater war Seemann, er selbst brach die Schule ab, landete früh in der Londoner Lokalpolitik. Seit 1973 sitzt er im Stadtrat, in den achtziger Jahren war er als Vorsitzender der Stadtverwaltung einer der Hauptkritiker der Thatcher-Regierung. Schon damals machte er landesweit Schlagzeilen, als er auf dem Dach des Rathauses weithin sichtbar die nationalen Arbeitslosenzahlen anbringen ließ, um Thatcher zu ärgern.

Im Wahlkampf schlachtet Livingstone die unterschiedliche Herkunft nach Kräften aus. Er porträtiert Johnson als "Freund der Banker", der die Interessen einer Minderheit vertrete. Er selbst hingegen werde dafür sorgen, dass die knapsende Mehrheit wieder mehr Geld in ihr Portemonnaie bekomme. Der Labour-Kandidat verspricht, die Fahrpreise des öffentlichen Nahverkehrs sofort um sieben Prozent zu senken, einen Bildungszuschuss für junge Leute wieder einzuführen und die Wärmedämmung für Häuser zu subventionieren.

Livingstone und die Labour-Parteiführung wollen die Wahl zu einem Referendum über den Sparkurs der liberalkonservativen Regierung von David Cameron machen. Zwei Jahre nach dem Amtsantritt, so ihr Kalkül, ist der Unmut der Wähler groß genug, um den Tories einen Denkzettel zu verpassen. Seine Wahlgeschenke stellt Livingstone als notwendige Gegenmaßnahmen zu Camerons Kürzungen dar. Allein die Fahrpreissenkung soll seiner Rechnung zufolge den durchschnittlichen Londoner um 250 Pfund pro Jahr entlasten. Auf seiner Web-Seite können Nutzer mit einem Online-Rechner ihre persönliche Ersparnis kalkulieren.

Johnson liegt in Umfragen vorn

Amtsinhaber Johnson hingegen beharrt darauf, dass für Livingstones Wohltaten kein Geld da sei. Der Sozialist sei ein Träumer, er selbst hingegen ein wirtschaftsfreundlicher Realist mit gutem Draht zur Regierung. Als Parteifreund von Cameron und Osborne, so sein Argument, könne er mehr Geld für London herausholen als Livingstone mit seinem Konfrontationskurs.

In den Umfragen liegen die beiden Kontrahenten nahe beieinander. Der Sozialdemokrat führt in den Innenstadtbezirken, der Konservative in den Vororten. Insgesamt hat Johnson sich in den jüngsten Umfragen aber auf bis zu sechs Prozentpunkte absetzen können. Die Steuervorwürfe haben Livingstone offensichtlich Sympathien gekostet. Noch fataler ist der Eindruck, dass er ein Politiker der Vergangenheit ist, dessen Zeit längst abgelaufen ist. Selbst viele Labour-Anhänger können ihn nicht mehr sehen. Sein Sieg wäre eine Überraschung.

Auch Johnson ist in seiner Partei umstritten, weil er kein Teamplayer ist, aber er hat hohe persönliche Beliebtheitswerte. In seinen vier Jahren als Bürgermeister hat er sich mit öffentlichkeitswirksamen Vorstößen immer wieder ins Gespräch gebracht. Mit den städtischen Leihfahrrädern, "Boris Bikes" genannt, hat er sich ein bleibendes Denkmal gesetzt. Zudem konnte er sich als oberster Bauherr des Olympiaparks inszenieren. Der Tory hat allerdings damit zu kämpfen, dass der Sparkurs der Cameron-Regierung zunehmend Protest hervorruft. Wenn Labour es schafft, die Wahl zu einem Referendum über die Kürzungen zu machen, könnte es für Johnson eng werden.

Für den Bürgermeister wäre eine Niederlage persönlich bitter. Denn bei den beiden Großereignissen, die er seit Jahren vorbereitet, wäre er dann nur als Zuschauer dabei: Im Juni wird das diamantene Thronjubiläum der Queen gefeiert. Und im Juli darf das neue Stadtoberhaupt die Olympischen Sommerspiele in London eröffnen.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Sackaboner 18.04.2012
Hat Livingstone nicht in einer der radikalsten Moscheen der Stadt versprochen, er werde London in einen Leuchtturm des Islams verwandeln, falls er gewählt werde?
2.
johannesmapro 18.04.2012
Geht es denn irgendwo um die Bürger und um die Stadt, um die Lebensfragen der einzelnen? oder geht es nur um die Riesenegos zweier Kanditaten die Irgendwie ediketiert sind. Nur mal zur Erinnerung, die Ziele des Sozialdemokratischen Projekts waren einmal Demokratie, Emanzipation für alle Menschen, insbesonder Frauen, insbesondere Minderheiten, gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft, gleicher Zugang zur Bildung, humanisierung der Arbeitswelt und Lebenswelt, befreiung von Menschen aus unnötiger Unmündigkeit. Ich kann davon nichts bei Livingstone erkennen tut mir leid, aber vielleicht meint ja auch Links immer nur Personenkult und totale Herrschaft aller Lenin und das Projekt der Aufklärung, als Idealgebäude, das man als spätbürgerliche Utopie entarnen muß.
3.
Matze-in-London 18.04.2012
Ach ist es mal wieder soweit? Seit langem bekriegen die Beiden sich schon, und glaenzen dabei mit Inhaltslosigkeit. Die Tube Preise um 7% zu senken ist ja gut und schön, nur wäre es angebrachter in das Schienensystem zu investieren, damit man morgens mal bequem und bezahlbar zur Arbeit kommt. Eine Reduzierung der Council Tax waere auch nicht schlecht und eine tiefgehende Analyse der Krawalle im letzten Jahr und und und und... achso, das sind ja Inhalte, und das können nun beide nicht... wann kommen endlich mal die Priaten nach UK?
4. Blond und Böse
f.orenstöpsel 18.04.2012
Zitat von sysopLondon wählt einen neuen Bürgermeister, der Urnengang wird zum Showdown zwischen dem konservativen Amtsinhaber Boris Johnson und dem linken Herausforderer Ken Livingstone. Beide schenken sich nichts, es ist das Duell zweier Riesenegos. Inhalte bleiben auf der Strecke. Londoner Bürgermeisterwahl: Ich Bond, Du Blofeld - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827055,00.html)
Ist schon putzig!Jedesmal wenn ich Johnson sehe denke ich an einen Bösewicht aus irgend einen James Bond Filmen.Eine Art Zögling von Gerd Fröbe und ähnlichem.Schlichtweg nicht kompatibel mit der EU. Livingston ist in der Tat der der Totengräber von London. Das müßten die Briten eigentlich besser können.
5. Wahl zwischen Pest und Cholera
Malshandir 03.05.2012
Tja, ich habe das Vergbügen nachher noch wählen zu gehen. Und im ehrlich zu sein, sagt mir niemand zu. london hat gigantisches Sparpotential durch Umweltmassnahmen allein die öffentlichen Gebäude verschwenden Unsummen. Fahrradfreundlich ist die Stadt nicht, im Strassenverkehr ist es Selbstmord ein Bike zu nutzen. Naja Red Ken ist eher Kommunist und zu überholt und Boris ein Clown und zu sehr Helfer der Banken. Ich finde es sehr schade, dass sich keiner um die Probleme Londons kümmert, wie explodierende Mieten, eine desolate Tube, Olympia mit Privilegien für VIPs zum totalen Ärgernis der Bevölkerung.
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