Wahldebakel: Beschämte Italiener watschen Berlusconi ab

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Zu alt, zu obsessiv, zu peinlich: Italiens Wähler haben genug von Silvio Berlusconi. Bei den Kommunal- und Regionalwahlen erlitt der Premier eine schwere Schlappe, selbst seine Hochburg Mailand muss er abschreiben. Seine einstigen Weggefährten planen schon für die Zeit nach ihm.

Rom - Die Zeit von Silvio Berlusconi, 74, läuft ab. Er ist, trotz Dauerliftings und Haarimplantation, zu alt, zu obsessiv, zu peinlich. Wenn er sich etwa, wie vorige Woche beim G-8-Treffen in Deauville, überfallartig über US-Präsident Barack Obama beugt und dem unvermittelt ins Ohr raunt, Italien sei "eine Diktatur der Justiz", dann macht das den Amerikaner nur rat- und sprachlos. Berlusconis Landsleute aber schämen sich zunehmend, auch seine Wähler. Sie schämen sich wegen seiner Sex-Partys, wegen seiner schalen Altherren-Witze, die er auf internationalen Konferenzen vorträgt, und weil die halbe Welt über ihren Ministerpräsidenten nur noch lacht.

So sind die Italiener bei den Stichentscheiden in 88 Städten und sechs Provinzen den Wahlurnen in Scharen ferngeblieben oder zu Oppositionskandidaten übergelaufen und haben ihrem einstigen Idol eine dramatische Niederlage beschert. Diese Nachwahlen fanden überall dort statt, wo beim ersten Urnengang vor 14 Tagen kein Bewerber auf mindestens 50 Prozent der Stimmen kam. Etwa sechs Millionen Italiener durften nun ein weiteres Mal ihre Stimme abgeben. Das Ergebnis ist - nach dem aktuellen Stand der Auszählungen und als stabil geltenden Hochrechnungen - für die in Rom regierende Koalition verheerend.

Wichtige Städte wie Cagliari auf Sardinien werden demnach künftig nicht mehr von rechts, sondern von Mitte-links regiert. Triest und Novara im Norden und sogar die Müll- und Mafia-Stadt Neapel haben sich gegen die Berlusconi-Kandidaten entschieden. Selbst die Hochburg Mailand votierte mehrheitlich für den "linken" Rechtsanwalt Giuliano Pisapia. Halb so wild, ließ Berlusconi gleich streuen, um zu retten, was zu retten ist. Es handele sich schließlich nur um unbedeutende Provinzwahlen, mit offenkundig zu schwachen Kandidaten in den eigenen Reihen. Um ihn gehe es gar nicht. Aber er selbst hatte den Urnengang vorab zum Referendum über die Politik seiner Regierungskoalition erklärt.

"Wer links wählt, hat kein Hirn"

Alles hatte der regierende Milliardär deshalb nach dem ersten Wahlgang versucht, um den Negativtrend noch zu wenden, vor allem in der Symbolstadt Mailand. Mit Interview-Auftritten und Videobotschaften hatte er seine privaten TV-Anstalten ebenso überschwemmt wie die staatlichen Fernsehprogramme. Er werde Mailand nicht "gewalttätigen Linksextremen überlassen", hieß es da zum Beispiel, "die die Stadt - rote Fahnen schwenkend - Zigeunern und Muslimen übergeben wollen". Oder er polemisierte: "Wer links wählt, hat kein Hirn."

Letizia Moratti, zur Berlusconi-Partei gehörende amtierende Bürgermeisterin der italienischen Wirtschaftsmetropole, hatte mit immer neuen Versprechungen gelockt. Billige Wohnungen für Studenten würden gebaut, Tausende von Arbeitsplätzen geschaffen, die Roma-Lager am Stadtrand geräumt und der Bau einer Moschee verboten. 15 Millionen Euro steckte die Milliardärsgattin in ihren Wahlkampf, zehnmal so viel wie ihr Widersacher. Vergebens. Rund 55 Prozent der Wähler in Mailand wollen den Wechsel.

"Wenn Mailand aufwacht, dann wacht ganz Italien auf", schrieb die Tageszeitung "La Repubblica" vorab. Nun ist das römische Blatt nicht gerade politisch neutral. Es schießt seit langem wie kein anderes gegen Berlusconi. Aber an der These ist gleichwohl viel dran. Denn Mailand war stets das Machtzentrum des regierenden Medientycoons. Berlusconi, nicht die Bürgermeister-Kandidatin Moratti, steht als Nummer eins auf der Wahlliste der Partei "Volk der Freiheit" (PdL). Es ist seine Geburtsstadt, dort stieg er zum reichsten Mann des Landes auf, seine Unternehmen zogen ganze Stadtteile hoch. Dort startete er vor 17 Jahren seine Polit-Karriere, eng alliiert mit dem Bürgertum der Stadt. Und in dieser Stadt, die zu den führenden Wirtschaftszentren Europas zählt, sagt nun plötzlich einer der großen alten Manager, der 87-jährige Cesare Romiti, Ex-Präsident von Fiat, über den von Berlusconi als linksradikal verteufelten Gegenkandidaten, Giuliano Pisapia: Dieser sei ein "Ehrenmann, gebildet, freundlich, kultiviert - ein guter Bürger in der Mailänder Tradition".

Finanzminister Tremonti wird schon als Nachfolger gehandelt

Berlusconi hat mit der Hölle gedroht und den Himmel versprochen - aber die Wähler sind ihm nicht mehr auf den Leim gegangen. Er hat den Mythos des unbesiegbaren Wahlkämpfers verloren. Schon bricht in seiner Partei allerorten ratloses Gezänk aus, wie es weitergehen soll.

Und, noch gefährlicher, der Koalitionspartner - die ausländerfeindliche "Lega" - sorgt sich, dass sie mit in den Strudel gerissen wird. Denn auch sie hat in ihren norditalienischen Revieren Federn lassen müssen. "Das war eine Wahl gegen Berlusconi", gab ein Lega-Funktionär sogleich die Richtung kommender Debatten vor.

Schon werden unter den Koalitionären Alternativen durchgespielt. Kandidaten für eine Regierung ohne den großen Zampano habe sie längst im Kopf, an der Spitze steht Wirtschafts- und Finanzminister Giulio Tremonti. Der traut sich zwar noch nicht aus der Deckung, aber sein Name fällt immer häufiger. Er werde weiter regieren, erklärt Italiens Regierungschef stoisch, er habe eine stabile Mehrheit. Er ist dazu verdammt, bis zum Letzten um die Macht zu kämpfen, solange ihm in laufenden Gerichtsverfahren hohe Haftstrafen drohen.

Und schon in dieser Woche stehen dazu wieder zwei Verhandlungen an. In einer geht es um die Frage, ob er bezahlten Sex mit der minderjährigen Ruby hatte, in der anderen um falsche Abrechnungen in Millionenhöhe beim Kauf von Filmrechten.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Glückwunsch an die Mailänder...
Koltschak 30.05.2011
...mal sehen, was sie in zwei Jahren sagen. Ich sehe schwarz für Oberitalien. Und das ohne Berlusconi!
2. Danke fuer den Glueckwunsch
ogheri 30.05.2011
Danke fuer den Glueckwunsch: es ist toll zu sehen, wie fuer die Nachbarn aus Norden, scheint unmoeglich, dass Italiener auch mal die Schnauze voll von dem Berlusconi haben... hoffensichtlich, fuer unsere nordliche Nachbarn sind wir alle unbedingt doof und ohne Gehirn, und wenn wir Berlusconi , Mafia und Skandale waehlen, machen wir freiwillig, wenn wir aber dagegen kaempfen, muss unbedingt etwas falsches sein, auf jedem Fall nicht von Dauer... guter Guttenberg an allen!
3. Müll- und Mafia-Stadt???
noemi.c 30.05.2011
Bei aller Freude über Berlusconis Niederlage, Müll- und Mafia-Stadt ist soweit ich weiss noch keine offizielle Bezeichnung für die wunderschöne Stadt Napoli. Napoli zählt seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe, ist die Hauptstadt der Region Kampanien und ist eine der Wiege unserer europäischen kultur. Schämt euch - das hätte ich von Euch nicht erwartet. Noemi
4. Italien und Berlusconi, Ende einer Liebe...
glücklicher südtiroler 30.05.2011
Zitat von sysopZu alt, zu obsessiv, zu peinlich: Italiens Wähler haben genug von Silvio Berlusconi. Bei den Kommunal- und Regionalwahlen erlitt der Premier eine*schwere Schlappe, selbst seine Hochburg Mailand muss er abschreiben. Seine einstigen Weggefährten*planen schon*für die Zeit nach ihm. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765798,00.html
Ein guter Artikel von SpOn... Die Zeit für meinen Presidente scheint langsam abzulaufen. Das was bisher die Opposition ob ihrer Zerstritten- und Visionslosigkeit nicht schaffte, schafft nun langsam eine Ratingagentur von Außen(Standards and Poor's) und die Italiener, die dem Lebenswandel des Presidente langsam aber sicher überdrüssig sind. Die Oppositionskandidaten haben nicht gewonnen weil die Wähler weisgott wie überzeugt von deren Fähigkeiten sind, sondern weil sie endlich ein Zeichen setzen und dem Presidente die Rute ins Fenster stellen wollten. Italien hat eine Politkaste(nicht nur an der Regierung, sondern auch in der Opposition), die sich in erster Linie nicht mit den Problemen des Landes sondern nur mit sich selbst beschäftigt. Derweil bleiben die Probleme Italiens, mangelnde Reformfähigkeit der Verwaltung und Justiz, Korruption, Vetternwirtschaft, Nepotismus, Organisiertes Verbrechen, Ineffizienz der Verwaltung, des Steuerwesens und Steuerhinterziehung, Staatsschulden links liegen. Der Wachrüttler einer US-Ratingagentur war wichtig; Italien hat keine Zeit mehr zu verlieren. Speziell Mailand ist eine Sysmbolstadt, sie sah sowohl den Aufstieg der Lega Nord wie auch von Forza Italia; Letztere wandelte sich dann im Verbund mit Alleanza Nazionale zum PDL. Heute markiert die Stadt die Wende, und das mit einem quasikommunistischen Kandidaten, von dem man nie geglaubt hätte er könne im konservativen salotto bene der Industrie und Finanz des Nordens gewinnen. Aber die Gefahr wird für Berlusconi nicht von der zerstrittenen Opposition sondern von seinen eigenen Leuten kommen. Die Lega Nord wurde in ihrem ureigensten Gebiet besiegt und bekommt kalte Füße, während die Jung-PDL'ler längst wissen, daß Berlusconi fertig hat, er nur mehr peinlich ist und die Partei längst jüngere Gesichter braucht. Mit ihm und mit diesem Resultat in Mailand ist die Niederlage bei den nächsten Parlamentswahlen garantiert. Ich habe mich vor ein paar Monaten weit aus dem Fenster gelehnt, als ich meinte, daß Berlusconi innerhalb von 2011 durch ein "governo tecnico" ersetzt werden könnte. Nun stehen die Chancen gut. Die besten Karten hat FM Tremonti...; ihn halte ich aber allein wegen des Alters und seiner ihm innenwohnenden "Trockenheit" eher für eine Übergangslösung. Aber in den Startlöchern sitzen AM Franco Frattini und noch besser Luca Cordero di Montezemolo... Mal sehen... Sicher ist, daß nach dieser Niederlage nichts so sein wird wie es war. Die Lega Nord wird einen neuen MP erzwingen, will sie im Norden weiterhin(wie bisher) Erfolg haben. Die Opposition hat mehrere grandiose Siege eingefahren; weis aber, daß sie für die Wahlen eine seriöse Koalition mit einem klaren Programm und einem seriösen und starken Leader aufstellen muß. Sonst bleibt Mailand eine Eintagsfliege und die Wähler kehren wieder zu der Regierung zurück... Derweil muß Italien reformieren und auch etwas sparen. Das wird für gleich welche Regierung schwierig genug... http://www.corriere.it/politica/speciali/2011/elezioni-amministrative-ballottaggi/notizie/30_maggio_pastone_voto_f5caf3e0-8aa8-11e0-93d0-5db6d859c804.shtml Viele Grüße aus Südtirol...
5. ...
IsArenas, 30.05.2011
Zitat von noemi.cBei aller Freude über Berlusconis Niederlage, Müll- und Mafia-Stadt ist soweit ich weiss noch keine offizielle Bezeichnung für die wunderschöne Stadt Napoli. Napoli zählt seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe, ist die Hauptstadt der Region Kampanien und ist eine der Wiege unserer europäischen kultur. Schämt euch - das hätte ich von Euch nicht erwartet. Noemi
Die Bezeichnung ist ueberfluessig, weil bei Napoli eh jeder weiss, was gemeint ist.
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Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,783 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

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