Wahlen im Kongo Schießerei kurz vor Schluss

Die erste freie Wahl in der Geschichte des Kongos nimmt kein friedliches Ende: Kurz vor Bekanntgabe der Ergebnisse kam es in Kinshasa zu Feuergefechten. Mindestens ein Mensch wurde getötet. Präsident Kabila und sein Herausforderer Bemba müssen sich unterdessen auf eine Stichwahl einstellen.


Kinshasa - Bis zur Bekanntgabe der vorläufigen amtlichen Wahlergebnisse sollte es nur noch wenige Stunden dauern, aber dann knallten Schüsse durch Kinshasa: In Kongos Hauptstadt lieferten sich am Abend Sicherheitskräfte von Präsident Joseph Kabila und Anhänger seines Hauptrivalen Jean-Pierre Bemba eine Schießerei. Ein Soldat kam ums Leben.

Kongos Präsident Joseph Kabila: Er soll sein Amt in einer Stichwahl verteidigen
AP

Kongos Präsident Joseph Kabila: Er soll sein Amt in einer Stichwahl verteidigen

Den Angaben zufolge handelt es sich um einen Mann, der zur Sicherheit des früheren Rebellenführers Bemba abgestellt worden war. Bemba-Anhänger beschuldigten die republikanische Garde von Kabila, das Feuer eröffnet zu haben. "Sie haben ohne Grund auf uns geschossen. Sie haben einen unserer Männer getötet", sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur Reuters. Ein Sprecher von Kabilas Lager dagegen wies die Vorwürfe zurück.

Die Hintergründe zu der Schießerei waren zunächst unklar, die Angaben widersprüchlich. Einem Bemba-Sprecher zufolge fielen am Abend Schüsse nahe dem Sitz der Partei Bembas. Die Leibwache des Vizepräsidenten Bemba sei an den Ort geeilt und habe das Feuer erwidert. Nach Angaben aus Polizei- und Diplomatenkreisen lieferte sich die Leibwache Bembas die Schusswechsel mit Polizisten. Nach Angaben des südafrikanischen Rundfunks verstärkten sich die Gefechte am späten Abend. Beide Seiten setzten nun auch schwere Waffen ein, berichtete der Mitarbeiter des Senders. Nach Angaben der im Kongo stationierten EU-Truppe (EUFOR) hielten die Feuergefechte auch gegen 22.00 Uhr noch an. Zu den Ursachen der Schießerei gab es zunächst widersprüchliche Angaben.

Die Schießerei ereignete sich zu einem Zeitpunkt, der im Wahlprozess als besonders heikel galt und vorab mit Sorge erwartet worden war. Die Wahl Ende Juli war die erste freie Wahl in dem zentralafrikanischen Land seit 40 Jahren. Die Abstimmung selbst war weitgehend friedlich verlaufen, danach allerdings stiegen die Spannungen zwischen der Polizei und Anhängern der Opposition. Gelegentlich kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Im Vorfeld der Bekanntgabe der Ergebnisse waren die Sicherheitsvorkehrungen vor allem in Kinshasa deutlich verschärft worden. Die Zeit nach der Veröffentlichung der Wahlergebnisse wurde allerdings als die kritischste Phase angesehen. Beobachter fürchten einen Gewaltausbruch im Land.

Schwer bewaffnete Konvois der kongolesischen Polizei patrouillierten durch die Straßen. Ein hochrangiger Polizist sagte, die Patrouillen zeigten die Stärke der Sicherheitskräfte. "Unsere Botschaft lautet, dass wir bereit sind, der Bevölkerung zu helfen und sie zu schützen." Zur Absicherung des Wahlprozesses sind auch mehrere hundert deutsche Soldaten als Teil einer internationalen Truppe in dem afrikanischen Land im Einsatz, das so groß ist wie Westeuropa.

Stichwahl zwischen Kabila und Bemba

Unklar blieb zunächst, ob die Ergebnisse der Präsidenten- und Parlamentswahlen vom 30. Juli wie geplant offiziell noch in der Nacht bekannt gegeben würden. Bei der Abstimmung zeichnet inoffiziellen Angaben zufolge eine Stichwahl zwischen Kabila und seinem stärksten Rivalen Bemba ab. "Es wird eine zweite Runde geben, da gibt es gar keine Zweifel", sagte ein westlicher Diplomat am Sonntag in Kinshasa. Nach Auszählung von 168 der 169 Wahlkreise lag Kabila nach Berechnungen von Wahlexperten mit 44,5 Prozent in Führung. Der frühere Rebellenführer kann den Experten zufolge mit mehr als 20 Prozent rechnen. An dritter Stelle liegt der über 80 Jahre alte Oppositionsveteran Antoine Gizenga, der 13 Prozent erhielt.

Weil damit keiner der insgesamt 32 Kandidaten die absolute Mehrheit auf sich vereinen kann, zeichnet sich ein Zweikampf von Kabila und seinem stärksten Konkurrenten Bemba ab. Beide werden voraussichtlich am 29. Oktober in einer Stichwahl aufeinander treffen, sollte sich nicht wider Erwarten noch etwas an den Ergebnissen ändern.

Amtsinhaber Kabila konnte bei der Wahl in dem vom Krieg zerrütteten Osten des Landes auf große Unterstützung zählen. In der Hauptstadt Kinshasa war jedoch sein Stellvertreter Bemba besonders populär bei den Wählern. Nach Angaben der Vereinten Nationen lag die Wahlbeteiligung bei der Abstimmung am 30. Juli bei 80 Prozent. Als wahlberechtigt waren fast 26 Millionen der rund 60 Millionen Kongolesen registriert.

dpa/AP/Reuters/AFP/



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.