Aus Kairo berichtet Ulrike Putz
Als Husni Mubarak sich 1981 zum Präsident Ägyptens machte, war Mahmud Ali ein durchschnittlicher ägyptischer Teenager, vielleicht ein bisschen frommer als andere. In den kommenden 30 Jahren herrschte Mubarak mit eiserner Hand über Ägypten und Ali war einer der vielen, die das am eigenen Leib zu spüren bekamen. Sein starker Glaube war dem Regime suspekt. Immer wieder holten sie ihn deshalb im Morgengrauen ab, behielten ihn eine Woche im Knast, wo sie ihn an den Füßen aufhängten und ihm Elektroschocks verpassten. Doch Ali klammerte sich an seinen Glauben, ging regelmäßig beten, wurde Imam. Nebenbei erledigte er kleine Aufgaben für die verbotene Muslimbruderschaft.
Als im Januar diesen Jahres eine Revolution am Nil ausbrach, warf Ali sich in den Kampf: Endlich bestand Hoffnung, dass das verhasste Regime zerschlagen werden könnte. "In den Moscheen, in denen ich vorbete, habe ich die Leute mobilisiert, auf den Tahrir-Platz zu gehen", sagt der heute 42-Jährige. Der Tag, an dem Mubarak gehen musste, war einer der glücklichsten, den er je erlebt hatte. Nun sieht Ali voller Vorfreude dem schönsten Tag seines Lebens entgegen: "Dem Tag, an dem wir in Ägypten die Scharia einführen werden."
Mahmud Ali ist einer der 15 Millionen Ägypter, die vorsichtigen Schätzungen zufolge in den kommenden Wochen ihre Stimme für "Freiheit und Gerechtigkeit" abgeben werden. Gemäß diesen Prognosen - verlässliche Meinungsumfragen gibt es vor den ersten freien Wahlen in Ägypten nicht - könnte die frisch gegründete Partei der Muslimbrüderschaft mit etwa 30 Prozent zur stärksten Gruppe im neuen Kairoer Parlament werden. Andere Beobachter gehen gar davon aus, dass die Islamisten mehr als die Hälfte der etwa 50 Millionen Wahlberechtigten des bevölkerungsreichsten arabischen Landes für sich gewinnen können. Fest steht, dass die langwierige und komplizierte Wahl die Brüder in eine Machtposition bringen wird.
Scharia als Grundlage
Die Bruderschaft wurde 1928 als Wohltätigkeitsorganisation gegründet. Unter Mubarak war sie die meiste Zeit verboten, ihre Mitglieder und Sympathisanten wurden verfolgt. Heute ist sie die wichtigste Organisation des politischen Islam - auch wenn nicht recht klar ist, für welche politischen Ziele sie eintritt. Es ist eine der Eigentümlichkeiten dieser Wahl, dass sie vermutlich von einer Partei gewonnen wird, die selbst nicht recht zu wissen scheint, für was sie steht.
"Nein, wir wollen nicht das türkische Modell", sagt Muslimbrüder-Sprecher Mahmud Ghoslan zu SPIEGEL ONLINE. Die Türkei mit ihrer islamisch angehauchten Marktwirtschaft wird von moderaten islamischen Parteien von Marokko bis Libyen gern als Vorbild genannt. Nicht so am Nil: "In der Türkei dürfen Frauen keine Kopftücher zur Uni tragen. Es gibt Ehebruch und Homosexualität. Das wird es in Ägypten mit uns nicht geben. Ägypten ist ein islamisches Land. Die Scharia, die islamische Rechtsordnung, muss die Grundlage für alles sein", sagt Ghoslan.
Nun ist die Scharia kein Parteiprogramm, und mit Fragen, wie sie die prekäre Lage in Ägypten in den Griff bekommen wollen, tun sich die Brüder schwer. Statt zu erklären, wie sie die marode Wirtschaft aufs Gleis zu setzten gedenken, beschwert Ghoslan sich über westliche Vorurteile: "Alle sagen, wir seien Hardliner. Doch wir sind weise, ruhig, moderat. Von den neun Mitgliedern in unserem Zentralrat haben fünf ihren Doktor in den USA gemacht. Wir sind aufgeschlossen", sagt Ghoslan. Nachfragen nach konkreten Vorhaben weicht er aus. Ägypten sei nicht Iran, und die Hamas nur ein Ableger der Bruderschaft, kein Vorbild. "Wir werden unser eigenes Modell entwickeln."
Barmherzige Brüder
Die Brüder haben sich verpflichtet, nicht mehr als 50 Prozent der Sitze im Parlament für sich zu beanspruchen, selbst wenn sie mehr Stimmen bekommen sollten. Ihre politische Arbeit soll dem Motto "Mitmachen, nicht dominieren" folgen. Mit der Selbstbeschneidung sollen Sorgen im westlichen Ausland vor der Radikalisierung der ägyptischen Politik zerstreut werden. Auch könnte der derzeit herrschende Militärrat zögern, seine Macht an eine vermeintlich zu islamistische Regierung zu übergeben. Geplant ist, dass der Rat im Juni 2013 die Zügel in die Hände der zivilen Regierung übergibt.
Vor allem aber geht es um Schadensbegrenzung: Ägypten steht vor massiven Problemen. Die erste demokratisch gewählte Regierung wird schmerzhafte Reformen durchsetzen müssen, ohne dass sofort Besserung eintritt. Wer immer diese Regierung stellt, wird dafür bei der nächsten Wahl bestraft werden. Indem sich die Brüder maximal 50 Prozent der Regierungsverantwortung aufladen, sichern sie sich eine langfristige politische Zukunft.
Der abzusehende Erfolg der Brüder beruht einerseits auf langjährigen Unterstützern wie Mahmud Ali, der "natürlich" die Frommen wählen will. Andererseits fußt er auf ihrer Wohltätigkeitsarbeit. Vielen armen Ägyptern stellen die Brüder das einzige soziale Sicherungsnetz. Ihre Dankbarkeit werden diese vielen Menschen - in Ägypten lebt etwa jeder vierte unter der Armutsgrenze - an der Wahlurne ausdrücken.
Außerdem begünstigen das Parteienwirrwarr und das absurd komplizierte Wahlverfahren, das sich in mehreren Wahlgängen bis Januar hinziehen wird, die Brüder: Unzählige Ägypter kennen nur den Namen dieser einen Gruppe. "Name Recognition" nennen die Briten das. Die Marke "Muslimbrüder" ist enorm stark in Ägypten. Viele werden froh sein, auf ihrem Stimmzettel mit all den verwirrenden Listen, mit den über 50 Parteien und Namen von unabhängigen Kandidaten das Symbol der Waage zu sehen - und dann dort ihr Kreuz machen.
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