Hollande vor der Präsidentschaft: Erschöpft auf der Bastille

Von Mathieu von Rohr, Paris

Am Abend seines Sieges wirkt Frankreichs neuer Präsident müde und voller Ehrfurcht vor seiner gewaltigen neuen Aufgabe. Aber François Hollande muss den Wandel vom Kandidaten zum Präsidenten unter Hochdruck schaffen. Außen- und innenpolitisch drängen wichtige Termine.

REUTERS

Der Schock steht ihm ins Gesicht geschrieben. François Hollande lächelt nicht, als er sich am Sonntagabend nach 21 Uhr seinen Weg durch die Menschenmenge bahnt, auf den Platz vor der Kathedrale von Tulle, seinem Wahlkreis in Südwestfrankreich, wo er seine Siegesrede halten will.

Dann steht er auf einer Bühne vor mehr als tausend Menschen, der Platz leuchtet malerisch in der Abenddämmerung wie eine Postkarte des ländlichen Frankreichs, in dem scheinbar alles noch in Ordnung ist. Aber Hollande wirkt blass, genau wie seine Rede, in der er ein paar Wahlversprechen wiederholt: für Gerechtigkeit wolle er stehen und für die Jugend. Er sagt: "Ich ermesse die Ehre, die mir zuteil wird, und die Herausforderung, die mich erwartet." In den Wochen vor dem Sieg glühte etwas in ihm, auch in der Fernsehdebatte gegen Nicolas Sarkozy war es zu spüren, er war erfüllt von der Aussicht auf den Sieg. Doch am Abend seines Triumphs scheint die präsidiale Aura verflogen.

Hollande wirkt in diesem Moment klein vor der gewaltigen Aufgabe, die ihn erwartet. Er sieht zwar glücklich aus, aber auch sehr ernst. Wie ein Mensch, dem die Schwere seines neuen Auftrags langsam bewusst wird. Der Präsident Frankreichs ist schließlich ein gewählter König. Er thront über der Nation. Sein Amt ist mit einer ungeheuren symbolischen Bedeutung aufgeladen, und es ist zuerst einmal größer als jeder, der es ausfüllen soll. Der Mann, über den Jacques Chirac vor sehr langer Zeit einmal sagte: "Mehr Leute haben von Mitterrands Labrador gehört, als von François Hollande", steht nun selber in einer Reihe mit Louis XIV., Napoleon und General de Gaulle.

Sarkozy lässt Präsidenten-Schutztrupp zu Hollande schicken

Die ersten Insignien des neuen Amts erreichten Hollande in der Provinz gegen 19 Uhr an diesem Abend. Im Himmel hoch über Tulle schwebten mit einem Mal Hubschrauber. Scharfschützen sicherten nun den Platz, auf dem er später sprechen würde. Als er schließlich kam, um seinen Sieg zu feiern, war sein Begleitkonvoi auf ein gutes Dutzend Wagen angeschwollen, er reiste nun wie der Präsident. Nicolas Sarkozy hatte um 18 Uhr selbst den Befehl unterzeichnet, den Schutztrupp des Präsidenten nach Tulle zu entsenden, so berichten es französische Journalisten. Das war eine symbolisch bedeutsame Handlung, schließlich enthielt sie bereits das Eingeständnis seiner Niederlage.

Im Konvoi rast Hollande nach seiner Siegesrede zum 55 Kilometer entfernten Flughafen von Brive. Wieder begrüßt eine Menschenmenge den "président élu", den gewählten Präsidenten, an der er zunächst vorbeirast, direkt aufs Rollfeld. Bevor er abhebt, kehrt er dann doch noch zurück ans Gitter, schüttelt Hände, hinter ihm seine Partnerin Valérie Trierweiler. Sie ist die erste unverheiratete Première Dame des Landes, und sie scheint sich mit ihrer neuen Rolle noch nicht angefreundet zu haben. Als sie später am Abend von einem Journalisten gefragt wird: "Ist das der schönste Tag Ihres Lebens?" Da lautet ihre Antwort: "Nein."

Es ist schon nachts um halb eins, als Hollande vor die 300.000 Feiernden auf der Place de la Bastille tritt, seine Stimme ist heiser und dünn. "Ich habe euren Willen zum Wandel verstanden", sagt er. "Danke, danke, Volk von Frankreich, dass ihr hier versammelt seid." Er wolle reparieren, gerade biegen, vereinen. Er wirkt einfach nur noch müde. Als er von der Bühne geht, sagt er den Journalisten: "Gut, ich geh jetzt schlafen." Seine Fans, seine Wähler, die versammelte Linke, feiert die Nacht durch weiter, sie feiert ihren Präsidenten, dessen Arbeit nun beginnt. Und als Erstes wird François Hollande in seine Rolle finden müssen.

Wie wird Hollande mit Merkel zusammenarbeiten?

Er ist erst der zweite sozialistische Präsident in der fünften Republik. Der andere war François Mitterrand gewesen. Ihn hat sich Hollande in dieser Kampagne zum Vorbild genommen, er hat ihn in seinen Auftritten verkörpert, wenn nicht gar nachgeahmt. Er werde ein "normaler Präsident" sein, das war das zentrale Versprechen seiner Kandidatur. Gemeint war damit: das Gegenteil von Sarkozy. Das Tagesgeschäft versprach er der Regierung zu überlassen, so wie das vor Sarkozy Tradition war. Und er wollte auch sonst in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Vorgängers sein.

Er versprach, dem Land soziale Gerechtigkeit zu bringen und sich um die Jugendlichen in den Banlieues zu kümmern. Und sein Wahlkampf folgte in den vergangenen Wochen zunehmend einem zentralen Leitmotiv: dem Widerstand gegen die Austeritätspolitik in Europa. Hollandes Reden hatten in diesem Punkt manchmal etwas geradezu Messianisches - er versprach den Völkern Europas, sie vom Sparjoch zu befreien und damit von Angela Merkel, der Allierten seines Gegners Sarkozy. Auch am Sonntagabend sagte Hollande in Tulle: "Die Austerität ist nicht länger ein Schicksal." Das werde er "Deutschland sagen, im Namen der Freundschaft, die uns verbindet, und im Namen der Verantwortlichkeit, die uns gemein ist." Und die Menschen jubelten.

Doch am Sonntag war Hollande noch im Wahlkampfmodus, er war noch nicht im Amt angekommen. Seine Reden in Tulle und auf der Bastille schlugen kein neues Kapitel auf. Sie erlauben keine wirklichen Schlüsse darauf, was für ein Präsident Hollande sein wird. Er ist gerade erst dabei, sich vom Kandidaten in einen Präsidenten zu verwandeln. Seine neuen Mitspieler wollen nun mit ihm reden, am Sonntag gingen schon Anrufe von Staatschefs ein. Barack Obama meldete sich, und auch Angela Merkel gratulierte, die es ihm so leicht gemacht hatte, sie zu einem Feindbild aufzubauen, weil sie ihn schnitt.

Straffer Terminplan im In- und Ausland

Doch nun ist eine neue Zeit angebrochen. Und François Hollande ist bald der neue wichtigste Partner von Angela Merkel in Europa. Erst einmal werden die beiden sich baldmöglichst treffen, vielleicht sogar schon am 15. Mai, nach Hollandes Amtseinführung. Da wird sich zeigen, wie weit entfernt die beiden in ihren Vorstellungen wirklich voneinander entfernt sind, und wie weit jeder von ihnen gehen will, um sich durchzusetzen. Nur wenige Tage danach folgt der G8-Gipfel in Camp David, dann der Nato-Gipfel in Chicago, wo Hollande ursprünglich ankündigen wollte, dass die französischen Kampftruppen Afghanistan bereits Ende dieses Jahres verlassen werden. Und mit Sicherheit werden die Finanzmärkte den neuen Präsidenten testen.

Auch in der Innenpolitik gibt es für Hollande keine Ruhepause. Praktisch sofort beginnt die Kampagne für die Parlamentswahlen im Juni. Dort müssen die Sozialisten wieder eine Mehrheit gewinnen, wenn sie auch die Regierungsmehrheit haben wollen - und in diesem Fall wird Hollande seinen Premierminister ernennen müssen. Auch von dieser Wahl hängt viel ab. Wenn er die Parteichefin Martine Aubry wählt, seine Gegnerin bei den parteiinternen Vorwahlen, entscheidet er sich für einen linken Kurs. Wählt er den Fraktionschef Jean-Marc Ayrault ist das ein Zeichen für eine eher technokratische Regierung - und es wäre eine Geste Deutschland gegenüber. Denn Ayrault spricht Deutsch und hat gute Verbindungen zur SPD.

Angesichts dieses dichtgedrängten Programms der ersten 40 Tage seiner Amtszeit erklärt sich vielleicht, warum François Hollande am Abend seines Sieges so ernst war. Für ihn beginnt die Zeit der großen Prüfungen und der Entscheidungen. Erst in ihr wird sich zeigen, was für ein Präsident er wirklich sein wird, wie weit er sich von seinen Wahlkampfversprechen entfernen kann, um ein großer Präsident zu werden. Und ob er das Amt ausfüllen kann, das François Mitterrand 31 Jahre vor ihm errang, und in dem er nicht nur einer Legende der Linken wurde, sondern auch zu einem großen französischen Staatsmann.

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Forum - Frankreich nach der Wahl - was ändert sich?
insgesamt 476 Beiträge
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1. schlau genig
ray4912 06.05.2012
Zitat von sysopFrankreich hat einen neuen Präsidenten: François Hollande besiegte den Umfragen zufolge im zweiten Wahlgang den bisherigen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
Sparen war mal, aber ob das wirklich so schlecht ist?? Die Kanzlerin wird auch für die neue Situation eine Formel finden, bei der auf sie selbst ein gutes Licht fällt. Die deutsche "Hegemonie" als Imagefaktor bleibt. 2013 naht ja schliesslich mit Riesenschritten. Schleswig zeigt in diesen Minuten, wie das etwa aussehen könnte (einfach die Linke anstelle der "Dänen" einsetzen). Weil die SPD auch nicht effizient performt, stehen ihre Chancen nicht mal schlecht.
2.
eigentlicher_Schwan 06.05.2012
Zitat von sysopFrankreich hat einen neuen Präsidenten: François Hollande besiegte den Umfragen zufolge im zweiten Wahlgang den bisherigen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
Hollande hatte ja versprochen, Fessenheim stillzulegen. Damit entfiele ein potentieller Grund für ein Zerwürfnis, das wäre gut.
3.
peat53 06.05.2012
und für die Franzosen auch. Sarkozy der sich von Ghadaffis Milliarden sicher eine dicke Scheibe abgeschnitten hat, hat jetzt mehr Zeit für seine Carla und Baby und kann sich nicht mehr als Mini-Napoleon aufführen und den Ölbaron spielen. Der gehörte nach Den Haag und all seine Konten überprüft. Wenn man Merkel und ihn zusammen sah, schnürte es mir immer den Magen zusammen.
4. Nein zum teutonischen Spardiktat
68bella68 06.05.2012
Wie es aussieht entscheiden sich die Franzosen und die Griechen heute gegen das deutsche Spardiktat, das Griechenland zum Drittweltland verarmte und die Länder Europas in die Rezession treibt. Besonders erfreulich ist, dass nach der Abwahl von Sarkozy dieser bald vor Gericht gestellt werden wird: Jetzt wird bald herauskommen, das Sarkozy sich seinen letzten Wahlkampf von Gaddafi finanzieren lies und bei einer Geheimdienstoperation 5 Franzosen ums Leben kamen. Sehr peinlich für Frau Merkel dass sie einen Ganoven zum Freund hatte, wahrscheinlich nicht den einzigen...
5. Was ändert sich? Nicht viel...
OlMan 06.05.2012
Zitat von sysopFrankreich hat einen neuen Präsidenten: François Hollande besiegte den Umfragen zufolge im zweiten Wahlgang den bisherigen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
..denn die französischen Sozialisten kann man nicht mit deutschem Maß messen. Ich erinnere mich noch an die Wahlkämpfe zu den französischen Präsidentschaftswahlen von 1974, wo bei einem Sieg des Sozialisten Mitterand die Horrorvision entstand, dass im Falle eines Wahlsieges von Mitterrand Paris zu einem neuen Gulag mit sowjetischen Panzern auf den Champs-Elysees werden würde. Er verlor. Am 10. Mai 1981 konnte er sich schließlich durchsetzen und wurde vierter Präsident der Fünften französischen Republik, übrigens das erste und bislang einzige sozialistische Staatsoberhaupt Frankreichs. Die anfangs befürchteten linken Weltverbesserungen traten nicht ein, denn der Sozialist Mitterand wurde sehr schnell von der Wirklichkeit eingeholt und musste erkennen, dass er so gut wie keine seiner sozialistischen Vorstellungen verwirklichen konnte. Auf dem Feld der Innenpolitik wurde er rechtsradikaler als die damals aufkommende Partei Front National, so schuf er 1982 eine Anti-Terror-Zelle, die außerhalb der gesetzlich zuständigen nationalen Polizei agierte, außenpolitisch beteiligte sich Frankreich an der Seite der USA am Einmarsch in den Libanon und lehnte Einbeziehung der französischen Atomwaffen in die Genfer Abrüstungsverhandlungen ab. Die Versenkung des Greenpeaceschiffs Rainbow Warrior I durch einen Bombenanschlag mit der Tötung eines Journalisten ging auf die Operation "Satanique" des französischen Geheimdienstes mit der Billigung von Mitterand zurück. Wirtschaftlich setzte er zusammen Jacques Delors (meine Erinnerung) eine strenge Führung des öffentlichen Haushaltes bei gleichzeitiger Politik der Einschränkung laufender Ausgaben im öffentlichen und privaten Bereich durch. Das er dabei auch noch Europa entdeckte und sich hier finanzielle Unterstützung versprach, sei nur noch am Rande erwähnt. So wie ich die Franzosen kennen und lieben gelernt habe, wird auch ein Hollande den gleichen Weg gehen.
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François Hollande
PS (Sozialisten)
51,7
Nicolas Sarkozy
UMP (Konservative)
48,3

Stand: 7.5.2012, 1:10 Uhr, Quelle: Französisches Innenministerium


Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 63,461 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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