Wahlen in Fukushima An die Urnen, Geisterstadt!

Die Gemeinde? Radioaktiv verstrahlt. Die Wähler? Über ganz Japan verteilt. In Fukushima sollen die Menschen am Sonntag abstimmen, unter anderem über einen neuen Gemeinderat für Futaba. In dem Ort lebt niemand mehr, er liegt komplett in der Sperrzone. Trotzdem gibt es mehr Kandidaten als Sitze.  

Von Heike Sonnberger

AP

Hamburg/Kazo - Früher brauchte Hiromi Takeuchi mit dem Auto eine knappe Viertelstunde von seinem Büro zu den Toren des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi. Heute wäre er gut vier Stunden unterwegs. Der 58-Jährige arbeitet nach wie vor in der Verwaltung des japanischen Örtchens Futaba in der Präfektur Fukushima. Doch in der Gemeinde, die er verwalten soll, lebt niemand mehr. Das AKW nebenan hat die Einwohner vertrieben - samt ihren Behörden.

Herr Takeuchi zog mit dem Gemeindeamt in die Stadt Kazo, Präfektur Saitama, rund 70 Kilometer nördlich von Tokio. Dort hat die Gemeinde Futaba eine "Zweigstelle" eingerichtet. Nun sitzt Takeuchi mit rund 80 Kollegen in einer ehemaligen Oberschule und regelt von dort die Geschäfte seines Heimatortes, den das Erdbeben und die Flutwelle zerstört, das Kernkraftwerk verstrahlt und die Sperrzone verschlungen haben.

Es ist nicht leicht, Takeuchi in diesen Tagen zu erreichen, die Leitung ist ständig besetzt. Denn er leitet die Abteilung für allgemeine Angelegenheiten und dort dreht sich gerade alles um die anstehenden Wahlen. Am 20. November stimmen die Einwohner darüber ab, wer künftig im Gemeinderat sitzen soll. Wegen des Erdbebens vom 11. März mussten die Wahlen verschoben werden, am Sonntag werden sie für insgesamt acht Gemeinden und für die gesamte Präfektur Fukushima nachgeholt.

Heimat ist da, wo niemand mehr lebt

Doch wie organisiert man eine Wahl für eine Gemeinde, deren Einwohner über ganz Japan verstreut sind? "Sogar nach Okinawa ist jemand gezogen, zu seinen Verwandten", sagt Takeuchi. Weiter geht's kaum: Die Inselgruppe Okinawa ist mehr als 2000 Kilometer von Futaba entfernt. Trotzdem darf der Umzieher wählen, denn wahlberechtigt ist, wer noch im Melderegister von Futaba steht. Auch wenn die Adresse, unter der er gemeldet ist, auf Jahre unbewohnbar bleiben wird.

5494 Menschen sind zur Wahl am Sonntag zugelassen. "Wir kennen ihre neuen Adressen, weil sie sich mit uns in Kontakt gesetzt haben", sagt Takeuchi. Die Unterlagen wurden ihnen schon zugeschickt. Etwa die Hälfte stimmt wohl per Briefwahl ab, für die anderen sind Wahllokale eingerichtet worden - und zwar dort, wo besonders viele Flüchtlinge untergekommen sind. Am Wahltag können Bürger in den Städten Fukushima und Kazo ihre Stimme abgeben. Doch in den Tagen davor sind schon Anlaufstellen nahe bei Notunterkünften geöffnet - etwa in den Orten Iwaki, Inawashiro, Koriyama und Shirakawa, verteilt über die Gegenden der Präfektur Fukushima, die nicht in der Sperrzone liegen.

Auch für die Kandidaten ist die Wahl ein Kraftakt

Die Bürger Futabas können zwischen 13 Kandidaten wählen, die um acht Sitze im Gemeinderat konkurrieren. Auch für die Kandidaten ist diese Wahl ein Kraftakt. "Ist es möglich, eine Wahl abzuhalten, ohne zu wissen, wo unsere Wähler sind?", klagte ein Politiker in der Tageszeitung "Yomiuri Shimbun". Die Wahlkommission gebe die Adressen aus Datenschutzgründen nicht heraus.

Der Politiker, dessen Namen die Zeitung nicht nennt, kandidiert für den Landkreis Futaba bei den ebenfalls nachzuholenden Präfekturwahlen. Er habe in sechs Orten ein Büro eingerichtet, um fast die ganze Präfektur Fukushima abdecken zu können. Und er sei die meiste Zeit damit beschäftigt, von Behelfsunterkunft zu Behelfsunterkunft zu fahren.

Die Bewerber für den Gemeinderat von Futaba machen auf die gleiche Weise Wahlkampf. "Sie laufen die Unterkünfte ab und werben für ihre Politik mit Megafonen und Lautsprechern", sagt Takeuchi. Alle Fahrten gingen dabei auf ihre eigenen Kosten. "Das ist hart." Zumal sie die Gemeinderatsarbeit neben ihrem normalen Job stemmen müssten. Regulär angesetzt seien vier Sitzungen im Jahr, plus Sondersitzungen.

Acht Monate nach dem Beben noch kein Geld

Die neuen Ratsmitglieder werden wohl häufig in der Oberschule in Kazo tagen, rund 270 Kilometer von Futaba entfernt. Denn überall stellen ihnen die Menschen dieselben dringenden Fragen: Wann dürfen wir zurück? Und wann bekommen wir eine Entschädigung vom Kraftwerksbetreiber Tepco? "Wir wissen nicht, wann wir wie viel bekommen", sagt Takeuchi. Sie hätten auch rund acht Monate nach dem Beben immer noch kein Geld gesehen. "Das dauert sehr lange und ist sehr belastend."

Seit der Katastrophe durften Bewohner von Futaba zweimal kurz in ihre Häuser in der Sperrzone zurück. Ob sie jemals wieder dort leben werden, steht in den Sternen. Manche haben die Hoffnung schon aufgegeben: Auf eine Umfrage der Universität Fukushima antwortete gut jeder vierte Bewohner des Landkreises, dass er nicht die Absicht habe, in sein früheres Zuhause zurückzukehren. Die Umfrage zeigt auch, wie tief das Misstrauen gegenüber der Regierung sitzt: Nur knapp fünf Prozent der Teilnehmer gaben ab, dass sie zurück wollten, sobald die Behörden die Region wieder für sicher erklären.

Doch noch sind die Strahlenwerte im Küstenstädtchen Futaba ohnehin zu hoch, egal wen man fragt. Knapp fünf Kilometer nordwestlich des havarierten Kraftwerks, fast genau dort, wo das verlassene Gemeindeamt steht, wurden in der Luft mehr als 24 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Zum Vergleich: In Deutschland darf die radioaktive Belastung, der die Bevölkerung durch kerntechnische Anlagen ausgesetzt ist, ein Millisievert pro Jahr nicht überschreiten. Würde Herr Takeuchi um seinen alten Arbeitsplatz spazieren, hätte er diesen Wert in nicht ganz zwei Tagen erreicht.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ostap 19.11.2011
1. die hätten vorher mit den Schwaben reden sollen
Zitat von sysopDie Gemeinde? Radioaktiv verstrahlt. Die Wähler? Über*ganz Japan verteilt. In Fukushima sollen die Menschen am Sonntag abstimmen, unter anderem über einen neuen Gemeinderat für Futaba.*In dem*Ort lebt niemand mehr, er liegt komplett in der Sperrzone. Trotzdem gibt es mehr Kandidaten als Sitze. * http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797583,00.html
Die können froh sein, dass die Gegend so dünn besiedelt ist. Wie würden wir wohl die Wahlen in Augsburg und Ulm organisieren, wenn Gundremmingen hochgeht? Zum Glück haben die Wähler in BW schon vorausschauend reagiert. Dank an unsere Schwaben!
italianofan 19.11.2011
2. wie kam es zu dem was ist
Zitat von sysopDie Gemeinde? Radioaktiv verstrahlt. Die Wähler? Über*ganz Japan verteilt. In Fukushima sollen die Menschen am Sonntag abstimmen, unter anderem über einen neuen Gemeinderat für Futaba.*In dem*Ort lebt niemand mehr, er liegt komplett in der Sperrzone. Trotzdem gibt es mehr Kandidaten als Sitze. * http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797583,00.html
--- WENN DIE WEISHEIT DER WISSENSCHAFT in Selbstherrlichkeit übergeht und selbstherrlich Bedenken beiseite wischt, wird die hinlänglichkeit der Vernunft, tatsächlich. W.S In diesem Falle war es so, daß das Wollen jegliche Vernunft beiseite wischte und aber auch nach diesem Schlimmsten was da geschah heute noch immer 1 000sende Kommentare FÜR ATOM STROM die Szene beleben - auch in diesen Tagen. Man wird da schon Brutal angefegt wenn man schreibt: der Atomstrom wird ja Sauber hergestellt, nur der ATOM-Müll, für den man heute noch keine Endlagerstätte hat-Weltweit, der belastet uns Finziell noch bis zum Ende aller Tage und wenn die Erde macht, was sie immer schon machte, ständig einem Wandel unliegt, wenn die Erde sich da aufmacht, wo der Müll ist, was dann?
Giraffenzebra 19.11.2011
3. Ich freu mich schon ...
Ich freu mich schon auf Bauer_Lindemann, Chico76, Hannovergenuss und ihre neuen Accounts, die alsbald hier auftauchen werden, um uns zu versichern, dass das doch alles überhaupt kein Problem sein. Es ist bestimmt die "German Angst", die 95% der betroffenen Japaner veranlasst, sie würden von ihrer eigenen Regierung belogen werden, wenn diese das Gebiet irgendwann in der Zukunft, wenn überhaupt, wieder für sicher erklären will. Aber Forist *tangarra* hat schon recht. Man wird die ehemaligen Bewohner des verseuchten Gebietes einfach Jahre lang glauben lassen, sie würden bald zurückkehren. Auf diese Art und Weise kann man nämlich die endgültigen, vollumfänglichen Entschädigungszahlungen an die betroffenen Bewohner und Unternehmen einsparen oder zumindest um Jahre oder Jahrzehnte verzögern. MfG
Giraffenzebra 19.11.2011
4. Ich freu mich schon auf ...
Ich freu mich schon auf Bauer_Lindemann, Chico76, Hannovergenuss und ihre neuen Accounts, die alsbald hier auftauchen werden, um uns zu versichern, dass das doch alles überhaupt kein Problem sei. Es ist bestimmt die "German Angst", die 95% der betroffenen Japaner veranlasst zu glauben, sie würden von ihrer eigenen Regierung belogen werden, wenn diese das Gebiet irgendwann in der Zukunft, wenn überhaupt, wieder für sicher erklären will. Aber Forist *tangarra* hat schon recht. Man wird die ehemaligen Bewohner des verseuchten Gebietes einfach Jahre lang glauben lassen, sie würden bald zurückkehren. Auf diese Art und Weise kann man nämlich die endgültigen, vollumfänglichen Entschädigungszahlungen an die betroffenen Bewohner und Unternehmen einsparen oder zumindest um Jahre oder Jahrzehnte verzögern. MfG
nobi007 19.11.2011
5. Ja,
Zitat von GiraffenzebraIch freu mich schon auf Bauer_Lindemann, Chico76, Hannovergenuss und ihre neuen Accounts, die alsbald hier auftauchen werden, um uns zu versichern, dass das doch alles überhaupt kein Problem sein. Es ist bestimmt die "German Angst", die 95% der betroffenen Japaner veranlasst, sie würden von ihrer eigenen Regierung belogen werden, wenn diese das Gebiet irgendwann in der Zukunft, wenn überhaupt, wieder für sicher erklären will. Aber Forist *tangarra* hat schon recht. Man wird die ehemaligen Bewohner des verseuchten Gebietes einfach Jahre lang glauben lassen, sie würden bald zurückkehren. Auf diese Art und Weise kann man nämlich die endgültigen, vollumfänglichen Entschädigungszahlungen an die betroffenen Bewohner und Unternehmen einsparen oder zumindest um Jahre oder Jahrzehnte verzögern. MfG
Ja, diese Atomfanatiker finden immer was, und wenns die Säuglingssterblichkeit in Deutschland ist. Perfieder gehts nicht mehr. Warum ziehen die nicht nach Frankreich oder besser noch nach Japan. Da können sie den Atom-Götzen anbeten und sich einer strahlender Zukunft erfreuen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.