Machtwechsel nach fast zehn Jahren Liberale Opposition gewinnt Parlamentswahlen in Kanada

Knapp zehn Jahre lang war Stephen Harper in Kanada an der Macht. Nun wurden seine Konservativen bei den Parlamentswahlen abgewählt, Harper tritt als Parteichef zurück. Neuer Regierungschef wird der Liberale Justin Trudeau.


Bei den Parlamentswahlen in Kanada sind die Konservativen um Premierminister Stephen Harper abgewählt worden. Die oppositionellen Liberalen von Justin Trudeau lagen ersten Prognosen zufolge in Führung: Demnach kommen sie auf 39,7 Prozent der Stimmen, die Konservativen auf 32,1 Prozent (Stand: 06.35 Uhr).

"Das Ergebnis ist sicher nicht das, was wir uns erhofft hatten", sagte Harper vor Anhängern. "Aber das Volk hat immer Recht. Wir haben alles auf den Tisch gelegt, wir haben alles gegeben, und wir bereuen nichts." Harper räumte die Niederlage ein und kündigte seinen Rücktritt als Parteichef an. Parteipräsident John Walsh sagte, Harper habe ihn darum gebeten, die Wahl eines neuen Parteichefs vorzubereiten und einen Interimschef zu benennen. Seinen Parlamentssitz will Harper nach Angaben seiner Partei aber behalten.

"Ich werde der Premierminister aller Kanadier sein"

Der 43-jährige Trudeau, Sohn des früheren Premierministers Pierre Trudeau, wird Harper wohl an der Macht ablösen. Er hatte angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs die Steuern für Reiche anzuheben und viel Geld auszugeben, um die Wirtschaft anzukurbeln. "Es ist Zeit für Veränderungen in diesem Land, echte Veränderungen", sagte Trudeau in der Nacht zum Dienstag. "Ich werde der Premierminister aller Kanadier sein."

Er dankte Harper für dessen Arbeit. "Konservative sind nicht unsere Feinde, sondern unsere Nachbarn." Die Liberalen hätten die Wahl gewonnen, weil sie zugehört hätten, sagte Trudeau. "Wir haben Angst mit Hoffnung geschlagen, Zynismus mit harter Arbeit und Negativität mit einer positiven Vision, die alle Kanadier zusammenbringt."

Harper hatte die Wahl Anfang August ausgerufen. In Umfragen lagen die drei wichtigsten der insgesamt 23 Parteien - die Konservativen, die Liberalen und die Neuen Demokraten - bis vor wenigen Wochen noch nah beieinander, dann ging Trudeau in Führung. In Kanada waren rund 25 Millionen Menschen in sechs Zeitzonen zwischen Halifax und Vancouver aufgefordert, ihre Stimmen abzugeben.

Stephen Harper mit seiner Ehefrau bei der Stimmabgabe
AFP

Stephen Harper mit seiner Ehefrau bei der Stimmabgabe

Trudeaus Liberale haben wie die Neuen Demokraten eine Abkehr von Harpers Sparpolitik angekündigt. Beide Parteien wollen zudem die Angriffe der kanadischen Luftwaffe auf die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien einstellen. Unklar ist bisher, ob die zwei linksgerichteten Parteien eine Koalition eingehen würden.

Harper wurde im Februar 2006 als Premierminister vereidigt und seitdem zweimal wiedergewählt. Das sei eine "unglaubliche Ehre" und eine "großartige Erfahrung" gewesen, sagte er nun. Zuletzt stand der 56-Jährige vor allem wegen der schwächelnden Wirtschaft und seiner harten Haltung in der Flüchtlingskrise in der Kritik.

Trudeau wurde 1971 in der Hauptstadt Ottawa geboren. Damals war sein Vater Premierminister, er hatte das Amt zwischen 1968 und 1979 und noch einmal zwischen 1980 und 1984 inne. Justin Trudeau absolvierte nach der Schule verschiedene Studiengänge und arbeitete sogar als Schauspieler, bis er sich doch für die Politik entschied. Trudeau ist verheiratet und hat drei Kinder.

Justin Trudeau mit seiner Familie nach der Stimmabgabe
AP/Adrian Wyld/The Canadian Press

Justin Trudeau mit seiner Familie nach der Stimmabgabe

aar/AFP/dpa

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
jazzland-arcadia 20.10.2015
1. Congratulation Canada
Das Wahlergebnis ist in dieser Eindeutigkeit eine echte Ueberraschung. Die Wahl wurde zunehmend eine Abstimmung ueber Premier Harper und viele haben sich offensichtlich strategisch gegen die NDP und fuer die Liberalen entschieden um die Konservativen abzuwaehlen. Jetzt bekommt Kanada mit Justin Trudeau einen jugendlich charismatischen Premier. Die Liberals sind uebrigens nicht wie im Artikel beschrieben linksstehend, sondern meiner Meinung nach aus deutscher Sicht, in der Mitte, oder sogar leicht rechts davon einzuordnen. Viele Gruesse aus Toronto!
jordaninge 20.10.2015
2. Wahlen in Kanada
Na endlich und unglaublich prompt einmal etwas Ernstes und Wichtiges über Kanada, und dafür vielen herzlichen Dank! Inzwischen (2 Uhr morgens Ortszeit in Toronto, während an der Westküste noch ausgezählt wird) hat sich herausgestellt, dass die Liberalen unter Trudeau mit mindestens 184 Sitzen eine klare Mehrheit im Unterhaus erlangt haben und keine Hilfe von anderen Parteien zur Regierungsbildung benötigen. Zu ihren Versprechungen gehört jedoch, das antiquierte und zu Polarisierung führende Mehrheitswahlrecht durch Vehältniswahlrecht zu ersetzen, wodurch Koalitionen wahrscheinlicher werden. Überhaupt dürfte sich unter Trudeau vieles ändern und nach fast zehn konfliktreichen Jahren zum Besseren wenden, wovon der Spiegel hoffentlich weiterhin ausführlich berichten wird. Wir gehören immerhin zu G7 und sind der zweitgrößte, wenn auch nur dünn besiedelte Flächenstaat der Erde.
micromiller 20.10.2015
3. Trudeau ein Erfolg für Kanada
und ein Beispiel für uns. Trudeau hat eine neue bürgernahe Politik vorgestellt, die die Belange der Menschen Kanadas in den Mittelpunkt stellt. Offen, liberal mit jugendlichem Elan für das Wohlergehen aller kanadischen Bürger, so ganz anders als bei uns. Kanada beweist, dass mit einer intelligenten Einwanderungspolitik, die den Bedürfnissen des Landes entsprechen eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft aufgebaut werden kann.
ahhcrap 20.10.2015
4.
Freut mich auch das Kanada mal hier auftaucht . Harper hat es sich vor allem mit den Veteranen verdorben ,und das hat sich jetzt eben gerächt. Auch sein Versuch die Bevölkerung mit Angst vor Terroranschlägen auf seine Seite zu bringen ging schief. Die Zeitzonen in Kanada beginnen übrigens in St.Johns / Newfoundland nicht in Halifax /Nova Scotia ( halbe Std. Unterschied ).
Hermit1 20.10.2015
5.
Zitat von jazzland-arcadiaDas Wahlergebnis ist in dieser Eindeutigkeit eine echte Ueberraschung. Die Wahl wurde zunehmend eine Abstimmung ueber Premier Harper und viele haben sich offensichtlich strategisch gegen die NDP und fuer die Liberalen entschieden um die Konservativen abzuwaehlen. Jetzt bekommt Kanada mit Justin Trudeau einen jugendlich charismatischen Premier. Die Liberals sind uebrigens nicht wie im Artikel beschrieben linksstehend, sondern meiner Meinung nach aus deutscher Sicht, in der Mitte, oder sogar leicht rechts davon einzuordnen. Viele Gruesse aus Toronto!
Kleine Korrektur: Kanada bekommt einen neuen "prime minister", aber keinen "premier". Ein Premier ist der Chef einer kanadischen Provinz.
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