Von Raniah Salloum
Berlin - Auf die ersten libyschen Wahlen ist man in der deutschen Hauptstadt bestens vorbereitet. In einer ehemaligen Schule in der Nähe des Rosa-Luxemburg-Platzes haben vier Wahllokale geöffnet. 34 Wahlhelfer stehen bereit, um das nicht ganz einfache Wahlsystem zu erklären. An den Wänden hängen die Kandidaten- und Parteilisten und zweisprachige Klo-Schilder. Sechs Journalisten stehen bereit. Nur Wähler gibt es gerade keine.
Am Samstag finden in Libyen die ersten landesweiten Wahlen seit dem Ende der Gaddafi-Ära statt. Aus ihnen sollen eine verfassunggebende Versammlung und eine demokratisch legitimierte Regierung hervorgehen. Im Ausland - in Deutschland, Großbritannien, Jordanien, Kanada, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten - darf bereits von diesem Dienstag an bis einschließlich Samstag abgestimmt werden.
Ein wenig mutet es wie Ironie der Geschichte an, dass die Libyer Europas ausgerechnet in Berlin, nicht aber in Paris zur Wahl gehen dürfen. Schließlich war es Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der die Aufständischen mit Kampfjets beim Kampf gegen Diktator Muammar al-Gaddafi unterstützte. Deutschland dagegen hatte sich zurückgehalten, als es um die militärische Intervention ging. "Wahrscheinlich leben in Deutschland einfach nur mehr Libyer als in Frankreich", sagt Nuri Graibei, Berater der libyschen Wahlkommission und einer der Wahlhelfer in Berlin. Er trägt Krawatte und Nadelstreifenanzug zum violetten Hemd. Es ist schließlich ein besonderer Tag - "die ersten Wahlen!", freut sich Graibei.
Der Revolutionär kommt zur Stimmabgabe
Mit wie vielen Wählern er rechnen muss, weiß Graibei nicht. Es gibt keine Listen. Jeder volljährige libysche Staatsbürger darf hier seine Stimme abgeben, egal wo er lebt. Damit niemand zweimal kommt, muss jeder Wähler seinen rechten Zeigefinger in ein Fässchen mit blauer Tinte tunken. Dass die Tinte tatsächlich lange genug sichtbar bleibt, haben die Wahlhelfer im Vorfeld im Selbstexperiment getestet.
"Ein Wähler! Ein Wähler!" Die enthusiastischen Schreie im Gang des provisorischen Wahllokals kommen nicht von Berater Graibei, der sich still und heimlich freut, sondern von der deutschen Presse. Es ist der 48-jährige Mohammed Abdallah Mohammed aus Derna. Seit dem 5. Mai ist er in Berlin, um seinen Bruder während dessen Krankenhausbehandlung zu begleiten. Der Bruder wurde im Krieg verwundet, auch Mohammed selbst war Mitglied einer Miliz.
Jetzt wird der Familienvater, der ebenfalls in Anzug und Hemd gekommen ist, von Journalisten umzingelt. Geduldig beantwortet er alle Fragen. Wie viele Kinder? Fünf. Angst vor den Islamisten? Nein. Beruf? Bankangestellter. Und wie fühlt man sich heute? "Ich gebe meine Stimme ab für die Zukunft meiner Kinder, es geht um die neue Generation", sagt Mohammed. Er wirkt glücklich, trotz der neugierigen Reporter und Wahlhelfer. "Ich möchte noch hinzufügen, dass es ein großartiges Gefühl ist, für jemanden wählen zu können, der aus dem Volk stammt - und nicht nur für einen einzigen an der Spitze."
Für wen haben Sie denn gewählt? Mohammed nennt einen Namen. Er kenne den Burschen, das sei ein Guter. Die Wahlhelfer reißen die Augen auf. Sie wollen Mohammeds Antwort nicht übersetzen. "Sie dürfen das nicht fragen", sagen sie. Berater Nuri Graibei wird hinzugeholt. "So etwas fragt man nicht. Gerade Sie sollten das wissen", sagt er den deutschen Journalisten, die seit Jahrzehnten Demokratie und Wahlgeheimnis gewohnt sind.
Mit Revolutionsausweis im Geldbeutel
Graibei verschwindet wieder, hinter ihm drei Journalisten. Mohammed ist ein wenig erleichtert, dass er nun gehen kann. Die ganze Zeit hat er sich an seinem Reisepass und seinem Geldbeutel festgeklammert, beides ziert die libysche Flagge. In seinem Portemonnaie steckt ein zweiter Ausweis, den sich die Revolutionäre selbst gebastelt haben. "Es ist zwar kein offizielles Dokument, aber ich habe ihn trotzdem immer bei mir, er ist mir wichtig", sagt er. Die Karte weist ihn als Botenläufer einer Miliz aus Tripolis aus. Darunter steht: "Wir werden niemals aufgeben. Wir werden siegen oder sterben."
Mohammed hofft, dass er mit seinem Bruder bis Ende August wieder nach Libyen zurückkehren kann. Der Bruder bekommt eine Hüftprothese. Schlechte Nachrichten aus Libyen, Unruhen in Bengasi - er sieht es gelassen. "Seit Gaddafi weg ist, ist es besser. Heute ist besser als gestern. Morgen ist besser als heute. Kleine Schritte, aber Schritt für Schritt."
Im Büro der Wahlleitung erzählt Nuri Graibei, dass er als Erster in Berlin seine Stimme abgegeben habe. "Ich habe lange genug darauf gewartet. Ich habe es zuletzt nicht mehr für möglich gehalten, dass ich diesen Tag einmal erleben dürfte. In den letzten sechs Jahren sah es ja zunächst so aus, als könnte Gaddafi seine Macht weiter festigen. Der Westen hatte ihn ja auch wieder empfangen."
Graibei kam vor 34 Jahren nach Deutschland. Er war Mitglied der libyschen Basketball-Nationalmannschaft. "Das war ein Sport, der erlaubt war. Boxen gab es ja nicht - das gefiel Gaddafi nicht." Als Sportstar setzte er sich unter dem Vorwand, eine Verletzung auskurieren zu wollen, nach Bayern ab und wurde Unternehmer.
Vor einem Jahr hat ihn die libysche Politik eingeholt. Im Februar 2011 kam er zur ersten Demonstration der Exil-Libyer nach Berlin. Seitdem hat er seine frühere Heimat, die Revolutionshochburg Bengasi, dreimal besucht. Doch er fühlt sich mittlerweile in Bayern zu Hause. Einer Partei in Libyen beizutreten und in die Politik zu gehen, könnte er sich nicht vorstellen. Lieber sorgt er dafür, dass die Wahlen in Berlin ordnungsgemäß ablaufen.
"Wir Wahlhelfer haben vorher Schulungen bekommen", sagt Graibei. "Uns wurde ausdrücklich gesagt: Ihr dürft im Wahlbüro die Leute nicht fragen, für wen sie gewählt haben." Und dann kommt die deutsche Presse und tut genau das. "Das müssen wir das nächste Mal vorher besser regeln", sagt er. Die Libyer müssen wissen, dass sie den Journalisten auch sagen können: Das möchte ich nicht beantworten. Ansonsten ist er mit dem ersten Wahltag aber recht zufrieden.
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