Auf ihrem knallroten Fahrrad fährt Maimun Yusof jeden Tag nach Cabang Tiga. Mitten in dem kleinen malaysischen Dörfchen hat sie ein wackeliges Zelt aufgebaut, ihre Wahlkampfzentrale. Mit dem Schlachtruf "Malaysia muss malaysisch bleiben" hat sich die 94-Jährige zum zweiten Mal mit ihrer ganzen Kraft in den Wahlkampf gestürzt. Vor fünf Jahren bekam sie gerade mal 685 Stimmen. Doch an diesem Sonntag sind die Chancen der alten Dame besser: Sie ist zum landesweiten Medienstar geworden. Wo immer sie auftaucht, jubeln die Menschen der Großmutter auf dem roten Fahrrad zu.
Noch nie seit der Unabhängigkeit von den Briten 1957 hat ein Wahlkampf in Malaysia so viele Menschen mobilisiert wie dieses Mal. Aus den 103 Botschaften und Konsulaten, in denen malaysische Staatsbürger zum ersten Mal in der Geschichte des Landes zur Briefwahl gehen dürfen, wird bereits eine Rekordwahlbeteiligung gemeldet. Die Aussicht auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen treibt die Menschen geradezu an die Urnen: Umfragen signalisieren, dass dem Regierungsbündnis Barisan Nasional (BN) nach 56-jähriger Herrschaft die erste Niederlage droht.
Für die parlamentarische Monarchie, die ihren König in einer in der Welt wohl einzigartigen Weise rotierend alle fünf Jahre aus dem Kreise der neun Sultane neu wählt, könnte dieser Wahlsonntag damit zur "Zeitenwende", die Jahrzehnte alte Hegemonie der ethnischen Malaysier erstmals gebrochen werden, prophezeit Yang Razali Kassim, Politologe von der Nanyang Technological University in Singapur.
Junge Malaysier wenden sich gegen die alte Elite
Auch der malaysische Politökonom Terence Gomez sieht das südostasiatische Land an einem Scheideweg: "Es geht nicht mehr um eine Auseinandersetzung zwischen Ethnien", sagt er. "Im Malaysia von heute herrscht Klassenkampf." Junge, gut ausgebildete Malaysier, chinesisch-stämmige Volksgruppen, indische Minoritäten wendeten sich gegen die alte und mächtige malaysische Elite, wollen die verkrusteten Strukturen des Landes aufbrechen - sie wollen teilhaben am Reichtum des Landes. Zum ersten Mal hat sich zudem nicht nur die muslimische Mehrheit im Wahlkampf lautstark zu Wort gemeldet, sondern auch christliche, buddhistische und hinduistische Glaubensgemeinschaften.
Im Zentrum der Wahlauseinandersetzung stehen zwei ehemalige Freunde, die zu erbitterten Feinden geworden sind: Ministerpräsident Najib Razak und sein charismatischer Kontrahent Anwar Ibrahim, früher einmal Vizeministerpräsident, Finanzminister und aufsteigender Stern der Regierungspartei, dann verfolgt, geschlagen, ins Gefängnis geworfen, verleumdet.
Eigentlich spricht alles für einen Wahlerfolg Najibs: Wirtschaftlich geht es der drittgrößten Volkswirtschaft Südostasiens gut. Das Wirtschaftswachstum lag im vergangenen Jahr bei stolzen 5,6 Prozent, und der IWF jubelte, das Land habe die Erwartungen übertroffen. Laut der London School of Economics wird Malaysia in sieben Jahren sogar in den Kreis der sogenannten entwickelten Nationen aufrücken.
Oppositionschef Anwar hofft auf die Generation Facebook
Doch in Südostasien klafft die Schere zwischen Arm und Reich nur in Singapur und Thailand so weit auseinander wie in Malaysia. Korruption und Vetternwirtschaft verdüstern die Erfolgsbilanz Najibs. Immer mehr ethnische Malaysier, traditionell Unterstützer des Regierungsbündnisses, spüren, dass sie abgehängt werden vom Boom ihres Landes.
Um den Trend umzukehren, hat Najib im vergangenen Jahr noch eilends Mindestlöhne eingeführt und kurz vor der Wahl sogar versucht, mit großzügigen Geldgeschenken für die Armen die Stimmung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Doch Oppositionsführer Anwar punktet mit dem Versprechen, er werde die Demokratie stärken und den enormen Reichtum gerechter verteilen.
Der Oppositionschef setzt alles auf eine Karte: Wenn er verliert, will er sich ganz aus der Politik zurückziehen. Anwar hofft vor allem auf die Jugend, auf die Facebook-Generation: Rund zwei Millionen Malaysier gehen zum ersten Mal zur Wahl, 40 Prozent der registrierten Wähler sind unter 40 Jahre alt. Und mehr als 13 der 28 Millionen Malaysier sind bei Facebook angemeldet.
Viele dieser jungen Malaysier würden bei ihrem Urnengang von dem Gedanken getragen, "wir können unser Land nicht länger der alten Garde überlassen", stellt Ooi Kee Beng vom Institute of Southeast Asian Studies fest. Premier Najib schwant bereits, dass die "heißeste Wahl aller Zeiten" auch die "erste Wahl wird, die von den sozialen Medien entschieden wird". Dort zumindest hat Oppositionschef Anwar die Nase vorn.
