Wahlen in Malaysia Revolution im Reich der Sultane

Seit 56 Jahren regiert in Malaysia dieselbe Partei, die Wirtschaft boomt, und doch steht das Land vor der Zeitenwende. Erstmals geht es bei Wahlen nicht um den Streit der Ethnien, sondern um die sozialen Gegensätze. Die Opposition setzt auf die Jugend - und könnte die alten Eliten besiegen.

REUTERS

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok


Auf ihrem knallroten Fahrrad fährt Maimun Yusof jeden Tag nach Cabang Tiga. Mitten in dem kleinen malaysischen Dörfchen hat sie ein wackeliges Zelt aufgebaut, ihre Wahlkampfzentrale. Mit dem Schlachtruf "Malaysia muss malaysisch bleiben" hat sich die 94-Jährige zum zweiten Mal mit ihrer ganzen Kraft in den Wahlkampf gestürzt. Vor fünf Jahren bekam sie gerade mal 685 Stimmen. Doch an diesem Sonntag sind die Chancen der alten Dame besser: Sie ist zum landesweiten Medienstar geworden. Wo immer sie auftaucht, jubeln die Menschen der Großmutter auf dem roten Fahrrad zu.

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Heft 18/2013
Gier, Steuerbetrug und der FC Bayern

Noch nie seit der Unabhängigkeit von den Briten 1957 hat ein Wahlkampf in Malaysia so viele Menschen mobilisiert wie dieses Mal. Aus den 103 Botschaften und Konsulaten, in denen malaysische Staatsbürger zum ersten Mal in der Geschichte des Landes zur Briefwahl gehen dürfen, wird bereits eine Rekordwahlbeteiligung gemeldet. Die Aussicht auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen treibt die Menschen geradezu an die Urnen: Umfragen signalisieren, dass dem Regierungsbündnis Barisan Nasional (BN) nach 56-jähriger Herrschaft die erste Niederlage droht.

Für die parlamentarische Monarchie, die ihren König in einer in der Welt wohl einzigartigen Weise rotierend alle fünf Jahre aus dem Kreise der neun Sultane neu wählt, könnte dieser Wahlsonntag damit zur "Zeitenwende", die Jahrzehnte alte Hegemonie der ethnischen Malaysier erstmals gebrochen werden, prophezeit Yang Razali Kassim, Politologe von der Nanyang Technological University in Singapur.

Junge Malaysier wenden sich gegen die alte Elite

Auch der malaysische Politökonom Terence Gomez sieht das südostasiatische Land an einem Scheideweg: "Es geht nicht mehr um eine Auseinandersetzung zwischen Ethnien", sagt er. "Im Malaysia von heute herrscht Klassenkampf." Junge, gut ausgebildete Malaysier, chinesisch-stämmige Volksgruppen, indische Minoritäten wendeten sich gegen die alte und mächtige malaysische Elite, wollen die verkrusteten Strukturen des Landes aufbrechen - sie wollen teilhaben am Reichtum des Landes. Zum ersten Mal hat sich zudem nicht nur die muslimische Mehrheit im Wahlkampf lautstark zu Wort gemeldet, sondern auch christliche, buddhistische und hinduistische Glaubensgemeinschaften.

Im Zentrum der Wahlauseinandersetzung stehen zwei ehemalige Freunde, die zu erbitterten Feinden geworden sind: Ministerpräsident Najib Razak und sein charismatischer Kontrahent Anwar Ibrahim, früher einmal Vizeministerpräsident, Finanzminister und aufsteigender Stern der Regierungspartei, dann verfolgt, geschlagen, ins Gefängnis geworfen, verleumdet.

Eigentlich spricht alles für einen Wahlerfolg Najibs: Wirtschaftlich geht es der drittgrößten Volkswirtschaft Südostasiens gut. Das Wirtschaftswachstum lag im vergangenen Jahr bei stolzen 5,6 Prozent, und der IWF jubelte, das Land habe die Erwartungen übertroffen. Laut der London School of Economics wird Malaysia in sieben Jahren sogar in den Kreis der sogenannten entwickelten Nationen aufrücken.

Oppositionschef Anwar hofft auf die Generation Facebook

Doch in Südostasien klafft die Schere zwischen Arm und Reich nur in Singapur und Thailand so weit auseinander wie in Malaysia. Korruption und Vetternwirtschaft verdüstern die Erfolgsbilanz Najibs. Immer mehr ethnische Malaysier, traditionell Unterstützer des Regierungsbündnisses, spüren, dass sie abgehängt werden vom Boom ihres Landes.

Um den Trend umzukehren, hat Najib im vergangenen Jahr noch eilends Mindestlöhne eingeführt und kurz vor der Wahl sogar versucht, mit großzügigen Geldgeschenken für die Armen die Stimmung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Doch Oppositionsführer Anwar punktet mit dem Versprechen, er werde die Demokratie stärken und den enormen Reichtum gerechter verteilen.

Der Oppositionschef setzt alles auf eine Karte: Wenn er verliert, will er sich ganz aus der Politik zurückziehen. Anwar hofft vor allem auf die Jugend, auf die Facebook-Generation: Rund zwei Millionen Malaysier gehen zum ersten Mal zur Wahl, 40 Prozent der registrierten Wähler sind unter 40 Jahre alt. Und mehr als 13 der 28 Millionen Malaysier sind bei Facebook angemeldet.

Viele dieser jungen Malaysier würden bei ihrem Urnengang von dem Gedanken getragen, "wir können unser Land nicht länger der alten Garde überlassen", stellt Ooi Kee Beng vom Institute of Southeast Asian Studies fest. Premier Najib schwant bereits, dass die "heißeste Wahl aller Zeiten" auch die "erste Wahl wird, die von den sozialen Medien entschieden wird". Dort zumindest hat Oppositionschef Anwar die Nase vorn.



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santaponsa 05.05.2013
1. In der globalisierten Welt ...
... werden die Probleme immer ähnlicher! Beispiel: Arm/reich oder jung/alt. "Politiker aller Länder" unterscheiden sich meist nur noch in der religiösen und geschichtlichen Folklore!
hansepapa 05.05.2013
2. Spannend. Alle 5 Jahre ein König.
Ohne Wiederwahl. Dem Bundestag würde die Wiederwahlbegrenzung auch gut tun.
Professor Balthasar 05.05.2013
3. Erinnert mich an Deutschland!
Wie in Deutschland. Der "Wirtschaft" geht es prächtig. Mittelschicht und Unterschicht haben nicht davon. Die Bürger haben es satt und verjagen das alte Eliten-Kartell. Vielleicht können wir in Malaysia Deutschlands Zukunft besichtigen?
petermalysia 05.05.2013
4. Die Regierung kontrolliert die Medien.....
....und damit anscheinend auch diesen Bericht. Malaysia ist im letzten Drittel der schlimmsten Laender fuer Pressefreiheit. Im Prinzip kann man das Wort PresseFREIHEIT nicht nicht mit Malaysia vebinden. Weiss nicht wie der Verfasser darauf kommt zu schreiben...und gut ausgebildete Malaysier..... Malaysia hat das schlechteste Bildungssystem von den Schwellenlaender. Es nimmt als einzigste Land nicht an Pisa teil und seit neustem kann man hier mit 40% noch Tests bestehen. Noetig ist das um den einheimischen und eben auch "auslaendischen Journalisten" den Eindruck zu geben Malaysia hat eine gute Bildung. Aber es dient auch gut zur Einflussnahme z. B. vor den Wahlen, mit subtilen Werbespots die die Opposition als Gewaltbereit zeigt. Aufgrund schlechter Bildung merken die Malaysier auch nicht wie massive alle Medien als Regierung-Eigenes PR tool genutz wird, besonders die letzten 9 Monate. Der Artikel verfehlt auch total die Einschaetzung der Chancen der Opposition, nicht nur wg der Null Alternativen zu Werben (ja ausser FB), sondern auch wenn man sieht wie die Regierung wohl Millionen Steuergelder nutzt um junge Waehler fuer BN zu begesistern und sie nutzt eine Flaggenflut ueberall aufzustellen. Es gibt auch Geruechte das viele Neuimigranten aus S.E.A. Ihre ungewoehnlich schnell erteilelte Staatsbuergerschaft mit der Auflage erhalten um BN (Regierungspartei) zu waehlen. Zwar wuerde ich den Malaysiern einen Wechsel wuenschen aber nur um mal zu erleben was Demokratie ermoeglcihen kann. Denn die Opposition hat anscheinend konserativere und nationalisterische Ansaetze als die dezeitige. Und ueber die Auszaehlung kann man hier auch noch viel korrigieren. Es gabs schon Faelle wo Verstorbene oder Minderjaehrige zur Wahl registriert wurden.
sitiwati 05.05.2013
5. für jeden
reinblütigen Malaysier ist es schon eine tödliche Beleidigung ihn als Malaien zu bezeichnen, ausserdem sind die Malaysier extrem national,. da lässt sich kaum ein Mädchen mit einem Ausländer ein, zudem hat die Polizei eine Auge auf solche Sachen, bei mir klopfte es nachts gegen 22Uhr an der Hoteltür, draussen standen 4 Mann: ja, wir wollen mal die Klimaanlage kontrollieren-aha !
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