Wahlen in Tschetschenien Hundertprozentige Kreml-Treue

Auch Tschetschenien bereitet sich auf die russischen Wahlen vor. Präsident Kadyrows Regime will den Urnengang am Sonntag nutzen, um dem neuen Herrn im Kreml seine Ergebenheit zu beweisen. Dafür muss ein neuer Stimmen-Rekord her.

Von , Grosny


Grosny - Tschetscheniens oberster Wahlleiter legt sorgenvoll die Stirn in Falten. "Das größte Problem hier", seufzt Ismail Baichanow, "sind die langen Schlangen vor unseren Wahllokalen." Im vergangenen Dezember sei man dem Ansturm kaum gewachsen gewesen. Jeder Tschetschene habe damals seiner patriotischen Pflicht genüge getan und sei zur Wahlurne geeilt, um seine Stimme bei den Parlamentswahlen abzugeben. Für die russische Staatsduma im fernen Moskau, für "Einiges Russland" und für Wladimir Putin, der auf Listenplatz 1 kandidierte. Märchenhafte 99 Prozent erzielte die Partei in Tschetschenien - fast doppelt soviel wie in St. Petersburg, der Heimatstadt des scheidenden Präsidenten.

1999 verantwortete Putin als Premierminister den Einmarsch russischer Truppen und den Sturm auf Grosny. Die russische Armee legte Tschetscheniens Hauptstadt in Trümmer, Soldaten vergingen sich an der Zivilbevölkerung. Die Menschen, die in der Stadt ausharrten, vegetierten in Kellern. Vor Jahren drohte Putin, er werde alle tschetschenischen "Terroristen auf der Latrine abmurksen". Und doch versucht Tschetscheniens kremltreue Führung heute die Mär zu verbreiten, Putin habe die Herzen der Tschetschenen im Sturm nehmen können.

Mit dem an sowjetische Zeiten erinnernden Ergebnis sandte der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow eine Ergebenheitsadresse an seinen Mentor in Moskau. Kadyrow, gewandelter Rebell und heute Statthalter des Kreml im Kaukasus, preist Putins Verdienste. Aus seiner Stimme klingt Verehrung: "Dank Wladimir Wladimirowitsch persönlich hat sich bei uns alles zum Besseren gewendet. Das spürt auch unser Volk." Dem neuen Herrn im Kreml, Dmitrij Medwedew, will er nun ein noch besseres Ergebnis bescheren und wird dabei auch nicht vor Wahlfälschung zurück schrecken.

Ehrgeiziges Wahlziel

Wortlos schütteln auf Grosnys Markt viele Tschetschenen den Kopf auf die Frage, ob sie für denn wirklich für Putins Partei gestimmt haben. "Ich bin nicht zur Wahl gegangen", sagt eine der Marktfrauen, die ihren Namen aus Angst vor Repressionen des Kadyrow-Clans nicht nennen will. "Schließlich trägt Putin die Schuld am Krieg." Wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl sucht man nun in der ganzen Hauptstadt vergeblich nach den Plakaten der vier Kandidaten. Nur in wenigen öffentlichen Gebäuden drücken sich winzige Aushänge mit den Lebensläufen der Rivalen schüchtern in die Ecken. Wozu auch die Bevölkerung informieren, wenn das Ergebnis schon vorher feststeht? Allein Ramsan Kadyrow ist im Stadtbild allgegenwärtig, und an den Einfallsstraßen von Grosny lächelt ein jungendlich wirkender Wladimir Putin von imposanten Torbögen.

"Wir werden eine hohe Wahlbeteiligung haben", garantiert der eigentlich zu Neutralität verpflichtete Wahlleiter Baichanow. An seinem Revers trägt er einen kleinen Kadyrow-Anstecker. "Sie wird sehr viel höher sein als in anderen Regionen Russlands - wie hoch genau, das kann ich aber noch nicht sagen."

Parlamentspräsident Dukuwacha Abdurachmanow versucht sich in halbherzigen Beschwichtigungsgesten: "Hier ging im Dezember alles mit rechten Dingen zu. Und wir können solch eine hohe Wahlbeteiligung auch bei den kommenden Wahlen wiederholen. Wir streben sogar ein noch höheres Ergebnis an." Das ist selbst für tschetschenische Verhältnisse ein ehrgeiziges Ziel - immerhin lag die Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen bereits bei 99,6 Prozent.



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