Wahlkampf in den USA Das Ende der Obama-Revolution

Die Euphorie ist verflogen: In den Vorwahlen von New Hampshire und Nevada wurde Barack Obama vom Superstar zum Kandidaten geschrumpft. Ausgerechnet bei den drei wichtigsten Gruppen der Gesellschaft – Frauen, Älteren und einfachen Arbeitnehmern – zieht seine Botschaft nicht.

Von Gabor Steingart, Washington


Washington - Alle, die vom ersten schwarzen Präsidenten träumen, müssen langsam aufwachen. Es wird ihn irgendwann geben, hoffentlich. Aber es wird nicht jetzt passieren. Er wird womöglich Barack Obama heißen. Aber es wird eine gereiftere Persönlichkeit sein, als sie der 46-jährige heute anbieten kann.

Demokrat Obama: Im Umfeld von Latte Macchiato und "New York Times" gedeiht seine Botschaft am besten
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Demokrat Obama: Im Umfeld von Latte Macchiato und "New York Times" gedeiht seine Botschaft am besten

Zwei Vorwahlen hat der Senator aus Illinois nun verloren. Aus dem Superstar ist damit wieder ein Stück weit ein ganz normaler Kandidat geworden. Im Moment sind die Ähnlichkeiten mit Jesse Jackson, dem schwarzen Bürgerrechtler, der sich in den achtziger Jahren zweimal um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bewarb, größer als die mit John F. Kennedy. 1988 hat Jackson immerhin elf Vorwahlen für sich entschieden.

Auf Obamas Versammlungen ist noch immer der Teufel los. Es wird geklatscht, gejubelt, auch geweint. Der Zulauf ist groß. Aber interessant ist, wer alles nicht zu ihm kommt.

Die Alten und die Arbeiter halten sich mehrheitlich von ihm fern. Die Mehrheit der Frauen findet ihn interessant, aber unterstützt Hillary Clinton. Die übergroße Mehrzahl der Hispanos lehnt ihn ab, auch deshalb weil er ein Schwarzer ist. Die Afro-Amerikaner wiederum stehen keineswegs wie ein Mann hinter ihm.

Der Senator aus Illinois erreicht seine stärkste Zustimmung unter jungen Menschen und Akademikern, dort vor allem glüht die Begeisterung. Er ist der Kandidat der Wohlhabenden und der Chancenreichen. Im Umfeld von Latte Macchiato und "New York Times" gedeiht seine Botschaft, die von Hoffnung und Wechsel erzählt, am besten.

Obama - der Kandidat der Idealisten

Sein Idealismus wirkt ansteckend auf alle, die von der Politik mehr erwarten als eine weitere Steuersenkung und die nächste, lustlos gestartete Nahost-Friedensoffensive. Seine Anhänger lieben das "Vision thing", sie träumen davon, das bei einer Präsidentschaftswahl endlich wieder der große Wurf gelingt, eine Revolution per Stimmzettel – oder zumindest so etwas ähnliches.

Barack Obama ist der Kandidat der Idealisten. Nur alle paar Jahrzehnte taucht jemand auf, der diese, vielleicht anspruchsvollste Wählergruppe in eine derartige Höchststimmung versetzen kann. Schon deshalb ist er etwas Besonderes.

Der Kandidat der Auslandspresse ist Obama nebenbei auch, weshalb sich die amerikanische Begeisterung für ihn in den Depeschen der europäischen Korrespondenten auf XXL-Maße vergrößert. Viele in Europa wünschen sich nichts sehnlicher als ein europäisches Amerika. Für alle Länder, Deutschland vorneweg, in denen die Politik von Persönlichkeiten des Öffentlichen Dienstes geprägt wird, scheint ein ehemaliger Sozialarbeiter aus Chicago geradezu die Idealbesetzung. So wünscht man sich das moderne Amerika: schwarz, sozial und sanftmütig.

Aber so ist Amerika nicht. Und nach allem, was man in diesen Vorwahlen sehen kann: So wird es so auch nach dem Wahltag im November nicht sein. Vor allem in der Mitte der Gesellschaft, da wo die Wahlen in jeder Demokratie gewonnen oder verloren werden, löst der Kandidat Obama bisher nicht jene Erdstöße aus, die nötig wären, um das Bestehende umzustürzen. Die Erde zittert zwar, aber sie bebt nicht.

Problemzielgruppen Arbeiter und Ältere

Je weiter man in die Mitte der amerikanischen Gesellschaft vorstößt, desto kühler reagieren die Menschen auf ihn. Da wo hart gearbeitet und zunehmend weniger verdient wird, da wo die Schulkosten drücken und Angst um den Arbeitsplatz sich eingenistet hat, findet er Gehör, aber begründet keine Gefolgschaft. Er berührt die Seelen der Arbeiter, aber er vermag sie nicht zu entflammen.

Vor allem die Bezieher kleiner Einkommen sind mit ihm bisher nicht warm geworden. Unterhalb von 50.000 Dollar Jahreseinkommen beginnt Hillaryland. Selbst die Wahlempfehlung der größten Gewerkschaft von Las Vegas brachte ihm nicht die Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder. Die kleinen Leute wollen lieber Cash als Change. Seine Attacken gegen die "Lobbyisten in Washington" sind interessant für sie, aber nicht handfest genug. Das Generalversprechen von Hillary Clinton - eine obligatorische Krankenversicherung für Kind und Kegel – ist da von anderem Kaliber.

Auch bei den Älteren kann Obama nicht ausreichend punkten. In Iowa haben 45 Prozent der über 65-jährigen Hillary Clinton gewählt, er bekam von dieser Zielgruppe nicht halb so viel Zustimmung. In Nevada fiel die Ernte noch bescheidener aus: Von den über 60-jährigen Demokraten votierten fast zwei Drittel für sie. Die Meinungsforscher messen überall im Land dieselbe Reserviertheit. Clinton holt bei den Alten das Doppelte wie er. Pech für Obama: Es gibt deutlich mehr ältere als jüngere Menschen, auch in Amerika.

Bei den Hispanos, die in vielen Bundesstaaten das größere Kontingent als die Afro-Amerikaner stellen, stößt Obama auf eine geradezu hartleibige Ablehnung. Sergio Bendixen, einer der Meinungsforscher aus dem Clinton-Team, sagte kürzlich dem "New Yorker": "Diese Wähler, lassen Sie es mich vorsichtig sagen, haben keine große Neigung einen schwarzen Kandidaten zu unterstützen." Ein Obama-Wahlsieg in South Carolina, wo jeder zweite demokratische Wähler ein Schwarzer ist, würde dieser Logik folgend durch eine Obama-Niederlage im deutlich größeren Kalifornien, wo Weiße und Hispanos dominieren, mehr als wett gemacht. Innerhalb der Clinton-Mannschaft reibt man sich schon die Hände: Die Hispanos sind unsere Feuerwand, heißt es.

Hillary bekommt kaum Sprechchöre - dafür Vertrauen

Obama kommt für Amerika zu früh - oder zu spät. In den neunziger Jahren, als die Wirtschaft rund lief und die islamischen Gotteskrieger noch nicht die Weltbühne betreten hatten, wäre einer wie er vermutlich chancenreicher gewesen. Harte Zeiten aber sind schlechte Zeiten für Visionäre.

Man muss nur zuschauen, wie die Menschen reagieren, wenn Hillary Clinton in kleinen Runden zu den Wählern spricht, wie kürzlich in einem Vortragssaal auf dem Campus der Universität von Nevada. Kaum ein Student war gekommen, dafür rund hundert Frauen der reiferen Jahrgänge. Einige hatten ihre Männer mitgeschleppt. Auf Klappstühlen saßen sie um die Kandidatin herum.

Hillary Clinton sprach von harter Arbeit, die im Weißen Haus auf sie warte, von Verantwortung und davon, das sie sich in erster Linie als "Problem-Solver", als Problemlöser, verstehe. Da jubelte keiner, niemanden sprang auf, kein Sprechchor hob an. Aber die Frauen nicken in sich hinein. Sie fühlen sich nicht befeuert, aber verstanden.

Ein Gedanke drängte sich mir auf: Vielleicht geht es bei dieser Wahl gar nicht um Visionen, sondern um etwas Größeres, um Vertrauen.



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