Wahlkampf in Finnland Angriff der Panzerknacker

Sie sind gegen Sex vor der Ehe, Ausländer und die EU: Die "Wahren Finnen" setzen zum großen Sprung bei der Parlamentswahl an, Umfragen sehen sie bei fast 20 Prozent. Die Politik im Nordosten Europas wird nie wieder so korrekt, harmonisch, sozialdemokratisch sein wie früher - was ist passiert?

Parteichef Soini: "Jeder braucht seine Wurzeln"
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Parteichef Soini: "Jeder braucht seine Wurzeln"


Sieht so ein Radikaler aus, ein Rechtspopulist und Ausländerfeind, der Einwanderung und "kurzsichtige Multikulturprojekte" stoppen will, der Minderheiten und Muslime verachtet und den Euro abschaffen möchte?

Timo Soini, 48, lächelt milde und beißt herzhaft in sein Krabbenbrot. "Ich bin traditionalistisch finnisch, mehr nicht", sagt er, und so sieht er auch aus: leicht übergewichtig, strähnig zurückgekämmtes Haar, rundes, gemütliches Gesicht. Soini liebt die Sauna, sein Sommerhaus und Trabrennen. "Jeder braucht seine Wurzeln", sagt er, "in diesem Sinne bin ich auch populistisch."

Soini ist Parteichef der "Wahren Finnen", dem jüngsten Rechtsausleger in der europäischen Parteienlandschaft. Noch sitzt er als einziger Abgeordneter der fremdenfeindlichen Populisten im Europaparlament. Am kommenden Sonntag will er die Hinterbank in Straßburg mit einem komfortableren Sitz in Helsinki tauschen, mindestens im Reichstag, lieber noch in der Regierung. Wäre da nicht das rechte Image seiner Partei.

"Es stimmt, ich arbeite gut mit der Dänischen Volkspartei zusammen", sagt Soini. Das sind die Rechtspopulisten aus Kopenhagen. "Aber ich rede auch mit unserem Außenminister Alexander Stubb und mit Verteidigungsminister Jyri Häkämies." Die sind konservativ und von der finnischen Sammlungspartei.

Beide hofierten ihn erst kürzlich zusammen mit seiner Fraktion "Freiheit und Demokratie" aus dem Europaparlament, in der auch Rechte aus Dänemark, Griechenland, Italien oder Großbritannien sitzen. Soini freut sich. "Niemand hat mehr Berührungsängste vor uns."

Gegen außerehelichen Sex, Ausländer und die EU

Nun also auch die Finnen. Nach Dänemark und Schweden, nach Marine Le Pen in Frankreich und den meisten EU-Mitgliedstaaten - außer Deutschland - sind die Rechtspopulisten auch in Helsinki angekommen. Die "Wahren Finnen" schwören auf die "Sitten des Landes" wollen das "Finnischtum" fördern, sie lehnen die Homo-Ehe und die Abtreibung ab, sind gegen außerehelichen Sex und Frauen im Pfarramt, und gegen Ausländer und die EU sind sie sowieso.

In den Umfragen liegen sie, je nach Institut, mit etwa 18 Prozent Kopf an Kopf mit den drei etablierten Parteien, die gewöhnlich die Macht unter sich aufteilen - den oppositionellen Sozialdemokraten, der Zentrumspartei von Regierungschefin Mari Kiviniemi und ihrem Koalitionspartner, der konservativen Sammlungspartei.

Die finnischen Prognosen bestätigen, wie nachhaltig sich die politische Landschaft auch in Skandinavien verändert hat, das über Jahrzehnte als Heimatregion der Sozialdemokratie galt: Die Rechtspopulisten in Stockholm kamen 2010 auf 5,7 Prozent, bei der letzten Wahl in Dänemark erzielten sie 13,9 und in Norwegen 2009 sogar 22,9 Prozent. Die "Wahren Finnen" hatten es zuletzt nur auf 4,1 Prozent gebracht. Noch hocken ihre sechs Abgeordneten wie Parias im Reichstag, die fünf männlichen, in seriöse, dunkle Anzüge gezwängt, als "Panzerknackerbande" verspottet.

Im vorigen Sommer drehte die Stimmung. Jahrelang stand das Nordland bei Pisa-Studien ganz vorn; bei internationalen Vergleichen über Lebensqualität, Wirtschaftskraft, Finanzstabilität oder Kampf gegen Filz und Korruption erreichten die Finnen Bestnoten. Seit vorigem Sommer ist alles anders. Auf einmal ist der schöne Schein der politisch korrekten Finnen nachhaltig beschädigt.

Peinlichkeiten, die am sauberen Bild der feinen Finnen kratzen

Eine unendliche Parteispendenaffäre bringt die etablierten Parteien in Misskredit, allen voran die größte Regierungspartei, das Zentrum.

  • Nach dubiosen Zahlungen zum Beispiel eines großen Immobilienfonds und von Stiftungen, zog Premier Matti Vanhanen die Konsequenzen und machte vorigen Juni Mari Kiviniemi Platz.
  • Der mehrheitlich staatliche Rüstungskonzern Patria ist in eine Schmiergeldaffäre in Slowenien verwickelt.
  • Der Chef der Straßenbaubehörde musste 2009 wegen dubioser Geschäfte den Dienst quittieren.

Und das sind längst nicht alle Peinlichkeiten, die am sauberen Bild der feinen Finnen und ihrer Parteien kratzen.

Die "Wahren Finnen" präsentieren sich als patriotischer Gegenentwurf. Dabei kommt ihnen das ausgeprägte Nationalbewusstsein zugute, das viele Finnen teilen. Die sind nicht wirklich nationalistisch, wohl aber konservativ, traditionell und bodenständig - also ungefähr so, wie auch Parteichef Soini zu sein vorgibt.

Seit 42 Jahren lebt Soini in Espoo, der zweitgrößten Stadt des Landes, im selben Viertel, im selben Wohnblock, auf 90 Quadratmetern, so, "wie ich immer gelebt habe". Seine Frau ist Ärztin, die beiden haben zwei halbwüchsige Kinder. "Ich kenne die Vorstädte", sagt er, "das bedeutet mir viel." Bei der Europawahl 2009 erhielt er 130.000 Persönlichkeitsstimmen - so viel wie kein anderer finnischer Kandidat.

Mit der Vaterlandsliebe der Finnen geht schon seit langem eine gewisse Gereiztheit Fremden gegenüber einher. Vor dem EU-Beitritt bekamen das die Deutschen zu spüren, die angeblich nur hinter den finnischen Sommerhäusern her waren, später dann die zunehmend reiselustigen Russen. Noch vor kurzem hingen im ostfinnischen Lappeenranta Zettel in Geschäften und Supermärkten aus, in denen Russen das Betreten in Gruppen verboten war.

Das Wohlfahrtssystem zeigt erste Risse

Heute treffen solche Vorbehalte die Migranten, obschon der Ausländeranteil mit rund drei Prozent in Finnland deutlich geringer ist als beim Nachbarn Schweden (sechs) oder gar in Deutschland (8,7). Aber die europäische Finanzkrise hat nicht nur die traditionelle EU-Skepsis der Finnen geschürt, sondern auch ihre Wohlstandsängste. Denn das Wohlfahrtssystem zeigt erste Risse. Lange Wartezeiten auf einen Arzttermin in öffentlichen Gesundheitszentren zeugen zum Beispiel davon.

Das nutzen die "Wahren Finnen" so, wie es vor ihnen die "wahren" Österreicher, Flamen, Franzosen und Niederländer nutzten. Sie fordern laut Parteiprogramm eine "rasche Ausweisung" aller "Wirtschaftsflüchtlinge" und eine Kürzung der Sozialhilfe für Einwanderer. "Ein Ausländer ist eben etwas anderes als ein Finne", sagte einer von Soinis Stellvertretern.

Ein Kandidat hängte kürzlich zur Stimmungsmache in der Hauptstadt Plakate von Moschee-Neubauten an Bauzäune und stellte einen Arabisch beschrifteten Straßenplan von "Helsinki 2020" ins Internet. Die lokale Parteileitung fand das "diskussionsfördernd".

Solch plumpe Fremdenfeindlichkeit überlässt Soini seinen Parteifreuden, er selbst punktet bei wahren Finnen mit Charisma und rhetorischem Geschick, mit Charme und Witz, was durchaus als eine Besonderheit in der Politik des Landes gilt.

Soini rechnet fest damit, dass seine Partei es mit diesen Mitteln und ihm an der Spitze nach der Wahl im April in die Regierung schafft: "Wenn wir mehr als 15 Prozent erreichen, können wir nicht sagen, wir machen nicht mit", sagt er. Dass er gefragt werden wird, daran hat er keine Zweifel: "Niemand außer den Grünen behauptet, dass wir nicht mitregieren dürfen."



insgesamt 111 Beiträge
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farview 11.04.2011
1. Was passiert ist ?
"Die Politik im Nordosten Europas wird nie wieder so korrekt, harmonisch, sozialdemokratisch sein wie früher - was ist passiert? " Ich denke das, was mit Ausnahme von Deutschland, überall passiert: Ein starker Rechtsruck, aus Angst vor dem EU-Überstaat, Verlust nationaler Kompetenzen, EURO-Desaster, EURO-Steuern, Flüchtlingsströme aus Nordafrika. Holland, Frankreich, Belgien, Österreich, Dänemark, Schweiz, jetzt Finnland - überall werden die Rechten einen Wahnsinnszulauf erhalten. Zumal der Begriff "Rechts" deutlich weniger negativ besetzt ist als in Deutschland.
loncaros 11.04.2011
2. t
Was für ein bezauberndes Gesicht der Mann sein eigenen nennen kann.
kb26919 11.04.2011
3. Eine ganz klare Reaktion
auf das was die Finnen in anderen Laendern beobachten. Sie wollen diesen Trend bremsen,jedenfalls in ihrem eignen Land und man kann es ihnen nicht verdenken.
Finnländer 11.04.2011
4. Wahre Finnen?
Zitat von sysopSie sind gegen Sex vor der Ehe, Ausländer und die EU: Die "Wahren Finnen" setzen zum großen Sprung bei der Parlamentswahl an, Umfragen sehen sie bei fast 20 Prozent. Die Politik im Nordosten Europas wird nie wieder so korrekt, harmonisch, sozialdemokratisch sein wie früher -*was ist passiert? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756209,00.html
Nun, ich glaube in diesem Artikel stimmt so einiges nicht. Zuerst einmal der Name der Partei: "Perussuomalaiset" würde ich eher als Basis-Finnen übersetzen. "Wahre Finnen" finde ich schon ziemlich weit hergeholt. Ansonsten: diese Partei profitiert vorallem vom Unvermögen der sogenannten "Etablierten" Antworten auf die Probleme der heutigen Zeit zu geben. Bei der vorigen Wahl gewannen noch die "Kokoomus", das Pendant einer Mischung aus FDP und CDU mit fast ausschliesslich neoliberalen Konzepten, und die daraufhin gebildete bürgerliche Regierungskoalition aus "Kokoomus" und "Keskusta" (Zentrums- oder Sammlungspartei) hatte innerhalb kürzester Zeit ihre Skandale und Skandälchen. Immer mehr Leute sehen hier wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei diesen Parteien auseinanderklaffen. So zum Beispiel negieren beide Parteien eine Gleichbesteuerung einführen zu wollen um im nächsten Satz eine Senkung des Spitzensteuersatzes bei gleichzeitiger Erhöhung der Mehrwertsteuer äls Programm anzukündigen. Danach läge die MWSt demnächst bei 25% - wer bietet mehr in Europa? Nein, die Finnen merken sehr wohl das sie hier ziemlich offensichtlich von den ach so smart daherkommenden Liberalen für dumm verkauft werden sollen und wenden sich eben Soini zu. Der bietet einfache und aus seiner Sicht ehrliche (allerdings nicht unbedingt richtige) Antworten zu den brennenden Problemen unserer Zeit.
rokokokokotte 11.04.2011
5. Keine...
Zitat von farview"Die Politik im Nordosten Europas wird nie wieder so korrekt, harmonisch, sozialdemokratisch sein wie früher - was ist passiert? " Ich denke das, was mit Ausnahme von Deutschland, überall passiert: Ein starker Rechtsruck, aus Angst vor dem EU-Überstaat, Verlust nationaler Kompetenzen, EURO-Desaster, EURO-Steuern, Flüchtlingsströme aus Nordafrika. Holland, Frankreich, Belgien, Österreich, Dänemark, Schweiz, jetzt Finnland - überall werden die Rechten einen Wahnsinnszulauf erhalten. Zumal der Begriff "Rechts" deutlich weniger negativ besetzt ist als in Deutschland.
...Panik: über kurz oder lang wird es eine derartig colorierte Partei auch in Deutschland geben. Das "gesunde" Volksempfinden wird sich nicht auf Dauer am Stammtisch festkrallen...es fehlt eigentlich nur noch der passende Animateur. Vielleicht kommt ja demnächst einer, einer den die Massen lieben. Wer könnte es sein? ;-)
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