Wahlkampf in Iran Die Frau, vor der Ahmadinedschad zittern muss

Sie gilt als Hoffnungsträgerin von Irans Frauen: Sahra Rahnaward, Ehefrau des Präsidentschaftskandidaten Hossein Mussawi. Die Kunstprofessorin ist im Wahlkampf die Geheimwaffe gegen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad.

Aus Teheran berichtet Ulrike Putz


Schon vor der Ankunft von Sahra Rahnaward wird klar, dass sie ein wichtiger Faktor im iranischen Wahlkampf geworden ist. Das Team des iranischen Präsidentschaftskandidaten Hossein Mussawi hatte nur einige Journalisten für die Pressekonferenz seiner Frau erwartet. Es kamen 150 Medienvertreter. Seit der Revolution 1979 hat keine iranische Politiker-Gattin, keine iranische Frau derart in der Öffentlichkeit gestanden wie Sahra Rahnaward. Selbst auf Wahlkampfplakaten ist Rahnaward zu sehen: Hand in Hand steht die Kunstprofessorin neben ihrem Mann - im sittenstrengen Iran ist allein das spektakulär. Zudem trägt sie dabei den Tschador zurückgeschlagen, statt einem schlicht schwarzen bedeckt ein mit Blumen bedrucktes Tuch ihr Haar. Zigtausendfach ist dieses Bild in diesen Tagen in Teheran zu sehen.

Mussawi mit Sahra Rahnaward: "Geheimwaffe" gegen Ahmadinedschad
AFP

Mussawi mit Sahra Rahnaward: "Geheimwaffe" gegen Ahmadinedschad

Mussawis Schachzug, seine Frau in den Wahlkampf einzubeziehen, könnte die am Freitag in Iran stattfindenden Wahlen mitentscheiden. Denn dass Rahnaward gleichberechtigt neben ihrem Mann zu stehen scheint, wird von vielen als Wahlversprechen interpretiert. Sollte der Reformkandidat siegen, könnte das eine neue Ära der persönlichen Freiheit einläuten, hoffen nicht nur Irans Frauen. Mangels unabhängiger Meinungsumfragen sind genaue Prognosen des Wahlausgangs unmöglich. Dass Mussawi - auch wegen des Einsatzes seiner Frau - Ahmadinedschads schärfster Konkurrent um das Präsidentenamt ist, scheint jedoch sicher.

Seit Wochen tourt Sahra Rahnaward - mit oder ohne Ehemann - durch Iran, um Stimmen für den konservativen Reformer zu sammeln. Sie spricht davon, Frauen mehr Rechte beim Familiengericht, bessere Ausbildungsmöglichkeiten und Jobs zu verschaffen. Das gefällt nicht nur der weiblichen Hälfte der etwa 46 Millionen Wahlberechtigten - auch viele Väter, Brüder und Ehemänner finden das richtig.

Rahnaward ist quasi zu Mussawis Geheimwaffe geworden. Das zeigt nicht zuletzt eine Attacke des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad auf die 64-Jährige. Die Gattin seines Rivalen sei zwar die Direktorin der Al-Zahra-Frauenuniversität in Teheran, aber die akademischen Titel, mit denen sie sich schmücke, seien gar nicht alle echt, verkündete der Präsident vergangene Woche. Der Tiefschlag zeigte: Das Team Mussawi-Rahnaward wird von Ahmadinedschad als ernste Bedrohung wahrgenommen.

Beim Pressetermin tritt eine kleine Frau mit buntem Kopftuch, entgegen der Regeln in Iran stark geschminkt, vor die Journalisten. Unter dem erneut zurück geschlagenen Tschador schauen die Ärmel eines Jeanshemdes hervor: Für eine Iranerin im Großmutteralter eine erstaunliche Kleiderwahl.

Eigentlich ist sie gekommen, um sich gegen die Vorwürfe Ahmadinedschads zu verteidigen, doch die iranische und internationale Presse interessiert anderes: Ob sie sich als die iranische Michelle Obama sehe, wird gefragt. "Ich bin nicht Michelle Obama, ich bin eine Anhängerin von Sahra, der Tochter des Propheten", antwortet Rahnaward selbstbewusst und auf Englisch. Aber: "Ich respektiere jede aktive Frau." Im Falle einer Wahl werde sie nicht aufhören, an der Uni zu arbeiten und ihren Mann vielleicht auch ins Ausland begleiten, kündigt Rahnaward unter dem Applaus der anwesenden iranischen Journalistinnen an - auch bei der einheimischen Presse kommt Rahnawards Botschaft der sanften Emanzipation offenbar gut an.

Reformen ja - aber in den Grenzen der Islamischen Republik

Ob sie sich als First Lady dafür einsetzen werde, dass der Kopftuchzwang abgeschafft wird, will ein Journalist wissen. Der Koran regle die Bedeckung von Frauen und Männern, antwortet sie. "Aber man muss das Kopftuch nicht so brutal durchsetzen wie jetzt." Reformen ja, aber nur in den streng abgesteckten Grenzen der Islamischen Republik Iran, das ist die Botschaft, die Rahnaward an diesem Sonntag vermittelt.

Alles andere wäre überraschend: Denn auch wenn sich vor allem die liberalen Frauen Irans von ihr Fürsprache erhoffen, ist Rahnaward alles andere als westlich orientiert. Unter den 30 Schriften, die sie veröffentlicht hat, ist auch eine Lobeshymne auf das Kopftuch. Untertitel: "Botschaft der muslimischen Frau." Auch ihr Name ist Programm, denn er ist selbst gewählt: Die Akademikerin, die neben Kunst auch islamische Politikwissenschaft studiert hat, wurde als Zohre Kasemi geboren. In den sechziger Jahren nannte sie sich um. Mit Sahra bezieht sie sich auf die Tochter Mohammeds, Rahnaward heißt "die, die auf dem (islamischen) Weg ist".

Warum Rahnaward trotzdem so viele Anhängerinnen hat, zeigt sich am Nachmittag im reichen Norden Teherans. Schönheitssalons sind in Iran die Oasen der Frauen. Die Kopftücher und langen Mäntel werden abgelegt, genauso wie jede Hemmung, mit den Geschlechtsgenossinnen über Politik zu reden. "Iranische Frauen sind selbstbewusst, sexy und intelligent", sagt Mahin, während sie einer Kundin das Gesicht massiert. Das werde in der Welt nicht wahrgenommen, da herrsche das Bild der unterdrückten Frau im Tschador vor.

"Natürlich wäre es uns lieber, wenn Iran von einer modernen Frau wie Michelle Obama repräsentiert würde", sagt Mahin. "Doch die steht nun mal nicht zur Wahl." Wichtig sei, dass Frauen überhaupt mal eine Stimme bekämen. Zwei bis drei Frauen werde ihr Mann im Falle seiner Wahl ins Kabinett holen, hatte Rahnaward am Vormittag versprochen. "Das wäre doch ein Anfang", sagt die Masseurin.

Elham, die darauf wartet, die Augenbrauen in Form gezupft zu bekommen, wünscht sich vor allem mehr Arbeitsmöglichkeiten für Frauen. "Ich habe Glück gehabt, aber viele meiner Freundinnen haben nach der Uni keinen Job gefunden", sagt die 23-Jährige, die medizinisch-technische Geräte verkauft. Über 60 Prozent der Studenten in Iran sind weiblich, doch bei einer Arbeitslosenquote von etwa 20 Prozent können sich Arbeitgeber aussuchen, wen sie nach dem Abschluss einstellen. Viele bevorzugen Männer, nur etwa 15 Prozent der arbeitenden Bevölkerung sind Frauen. "Vielleicht können Mussawi und seine Frau das ändern", sagt Elham. Rahnaward-Zitate wie das von den zwei Flügeln eines Vogels, die Männer und Frauen seien, schüren diese Hoffnung. Ein Vogel könne nicht fliegen, wenn einer der Flügel gebrochen sei, sagt Rahnaward gern.

Sittenwächter im Schönheitssalon

Doch größtes Ärgernis im Alltag sind und bleiben für viele der Damen im Salon die Sittenwächter. Die Spezialpolizei kontrolliert, ob sich Frauen wie Männer regelgerecht verhalten. Bei den Frauen schließt das die Kleidung ein: Kopfbedeckung und weite, mindestens bis zur Hälfte des Oberschenkels reichende Oberbekleidung sind Pflicht. Farzan, die auf orientalische Enthaarung mit heißem Wachs spezialisiert ist, wurde schon zwei Mal verhaftet: Der lange Mantel über der Hose war zu eng.

"Zweimal eine Nacht in einem Saal mit 50, 60 Mädchen, das reicht", sagt sie und führt den neuen Mantel vor, der weit übers Knie geht. "Ich musste zwei Mal unterschreiben, dass ich mich künftig sittsam anziehen werde. Wenn sie mich noch mal erwischen, muss ich 200 Dollar Strafe zahlen. Beim nächsten Mal droht mir dann die Auspeitschung, das will ich nicht riskieren." Zwar könne man sich von der körperlichen Züchtigung frei kaufen, aber es gebe eine Menge Ärger, sagt Farzan.

Die hohe, bislang nur von Männern gemachte Politik reglementiert das Leben bis in Details. Der lange Arm des Staatsapparates reicht bis hinab in die Schönheitssalons, wie die Frauen hier feststellen mussten. Als Ahmadinedschad vor vier Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, wurden die Kontrollen der Sittenwächter deutlich schärfer. In kräftigen Farben lackierte Fingernägel, French Manicure, aufgesetzte lange Krallen aus Acryl: Für die verschiedenen Looks gab es einen gestaffelten Katalog von Geldstrafen. "Unser Geschäft ging damals deutlich zurück", sagt die Maniküre-Spezialistin des Salons. Schon allein um ihren Arbeitsplatz zu sichern, will sie deshalb Mussawi - "den mit der Frau" - wählen. "Vielleicht bringt der ein bisschen Freiheit. Freiheit ist gut fürs Geschäft."



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