SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Februar 2013, 16:58 Uhr

Wahlkampfendspurt in Italien

Der Anti-Berlusconi

Von , Rom

Im Ausland kennt ihn kaum jemand, in Italien selbst gilt er als farbloser Apparatschik. Trotzdem führt der Sozialdemokrat Pier Luigi Bersani vor den Wahlen am Sonntag die Umfragen an. Sein Programm: weniger Spektakel und zuverlässige Arbeit - der Gegenentwurf zur Berlusconi-Show.

Pier Luigi Bersani, 61, ist nicht nur die politische Alternative zu Silvio Berlusconi, 76, er ist auch personell der Antipode. Ohne Scheu präsentiert er beispielsweise seine Glatze, die der andere operativ mit neuen Haaren bepflanzen lässt. Unauffällig, manchmal linkisch tritt er auf, ungern vor breitem Publikum, während der andere die große Bühne genießt und das Metier des Menschenfängers perfekt beherrscht. 30 Jahre verheiratet der eine, in unzählige Frauengeschichten verwickelt der andere. Berlusconi ist die schrille Geste, die Überschrift der italienischen Politik, Bersani ist das Kleingedruckte.

Doch wie kommt ein unauffälliger und vorsichtiger Nachdenker in einem Land, das große Opern mit ihren Helden und Schurken liebt, so weit nach vorn? Alle seine Gegner in diesem Wahlkampf sind ihm medial weit überlegen. Nicht nur Berlusconi, auch der Ex-Fernsehkomiker Beppe Grillo füllt die großen Plätze mit seinen schmissigen Tiraden gegen die politische Kaste und gegen Europa. Selbst der spröde Wirtschaftsprofessor Mario Monti - Europas Wunschkandidat für den Chefsessel im unberechenbaren aber wichtigen Italien - weiß, wie es geht, und zeigt sich im Fernsehen mit Kuschelhund auf dem Arm.

Nur Bersani weiß es offenbar nicht. Er ist die graue Maus der italienischen Politik.

Bühnenarbeiter statt Heldentenor

Nur, kaum zu glauben, die graue Maus lag bei den letzten Wahlumfragen vorn, hat demnach gute Chancen, der nächste Ministerpräsident in Rom zu werden. Vielleicht ist ja gerade das Unspektakuläre, das Gediegene, das Langweilige an Bersani das, was viele Italiener sich jetzt wünschen: keinen Heldentenor, sondern einen Bühnenarbeiter.

Ziemlich authentisch war ein Foto, das vor dem Parteitag seiner Partei Partito Democratico (PD) im vorigen Jahr in vielen Zeitungen zu sehen war. Da sitzt Bersani mit einem Glas Bier allein an einem Kneipentisch und bringt mit einem Kugelschreiber seine Grundsatzrede zu Papier. So wie dieser Schnappschuss eines Touristen ihn zeigt, so ist er wohl, so sehen ihn die, die ihn wählen.

Meeresfelsen trocken wischen

Fast immer hat er einen Zigarrenstummel im Mund, oft auch wenn er, dialektisch eingefärbt, redet. Dabei bringt er häufig seltsame Metaphern heraus, deren Sinn sich nicht immer gleich erschließt, etwa "wenn es regnet, regnet es für alle". Oder er sagt, um lange Debatten zu beenden und seine Genossen zu sinnvoller Arbeit aufzurufen: "Wir sind nicht hier, um Meeresfelsen trocken zu wischen."

Seinen Führungsanspruch forderte er vor ein paar Tagen mit den Worten ein: "Ich bin der, der den Verkehr leitet." Vielleicht spricht man ja dort, wo er herkommt, gern in solchen Wendungen. In Bettola, einem kleinen Kaff bei Piacenza, in der "roten" Emilia Romagna betrieb sein Vater eine Tankstelle mit Kfz-Werkstatt. Katholisch ist man dort natürlich auch, und der kleine Pier Luigi fungierte eine Weile als Messdiener. Dann studierte er Philosophie, arbeitete kurz als Lehrer und wurde bald von Beruf "rot", oder vielleicht auch eher rosa. Zunächst war er bei den Kommunisten im PCI (Partito Comunista Italiano). Dann, als die nach dem Mauerfall zu Linksdemokraten wurden, bei jenen, und jetzt schließlich bei deren Weiterentwicklung zum Partito Democratico.

Dass die Parteilinie während der Häutungen immer sozialdemokratischer wurde, lag auch an der grauen Maus im roten Lager. Die entrümpelte den ideologischen Ballast und machte sich für eine liberalere Wirtschaftspolitik stark. Als Minister in drei Mitte-Links-Regierungen war er dabei so erfolgreich, dass ihn sogar der Unternehmerverband lobte. Das wiederum missfiel den richtig linken Genossen. Doch er schaffte es so, seiner Partei, die sich jahrelang selbst zerfleischte und auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit war, ein neues Fundament und neuen Zulauf zu verschaffen.

"Ein gutes Gespräch" mit Wolfgang Schäuble

Vorigen Oktober setzte sich Bersani in den Vorwahlen zum Spitzenkandidaten des Mitte-Links-Bündnisses (aus PD und der kleinen, links-ökologischen Partei SEL) durch. Auch da hatte sein Opponent, Florenz-Bürgermeister Matteo Renzi, mehr Chic, mehr Glanz, mehr Rhetorik - nur weniger Stimmen.

Sollte Bersani tatsächlich gewinnen, dann würde es wohl genauso unaufgeregt weitergehen. "Wir führen die Sparpolitik zum Abbau der Staatsschulden weiter", hat Bersani angekündigt, aber er werde "ein bisschen mehr Gleichheit und Arbeit dazu geben". Mit Frankreichs Präsident François Hollande und anderen Euro-Sozis hat er darüber auch schon gesprochen. Und selbst in die, aus südeuropäischer Sicht, Höhle der Löwen ist er gereist, nach Berlin, und hat den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble besucht. Es war, sagte Schäubles Sprecher anschließend, "ein gutes Gespräch".

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH