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Wahlkampfauftakt in Frankreich: Sozialisten beschwören die Sarko-Dämmerung

Von , Le Bourget

Er hat gute Chancen, Nicolas Sarkozy aus dem Élysée-Palast zu verjagen - bisher aber leistete sich Sozialisten-Kandidat François Hollande manche Patzer. Beim offiziellen Wahlkampfauftakt begeistert er die Genossen mit einer so kämpferischen wie persönlichen Rede. Hält der Schwung bis Anfang Mai?

Hollandes Wahlkampfauftakt: "Mein Gegner ist die Welt der Finanzen" Fotos
REUTERS

Ein Meer von Fahnen und Wimpeln mit der Aufschrift "François Hollande 2012". Die Trikolore, die Europa-Flagge. Kreischende Fans, Sprechchöre. Quäkende Nebelhörner. Nach einem Bad in der Menge - Händeschütteln, Küsschen - betritt endlich François Hollande vor 10.000 Genossen die Bühne. Der Geräuschpegel erreicht die Dezibelgrenzen eines WM-Endspiels.

"Ich bin gekommen, um euch von Frankreich zu erzählen, einem Frankreich, das leidet und das zugleich Hoffnungen hat, von einem Frankreich von morgen", setzt er an.

In dem riesigen Hangar von Le Bourget hat der Kandidat der Sozialistischen Partei (PS) an diesem Sonntag zum ersten großen Meeting des Wahlkampfs gerufen - umgeben von den Promis der Partei, Freunden, Weggefährten und den ehemaligen Konkurrenten der Vorwahl, Ex-Gefährtin Ségolène Royale inklusive. Auf dem Flughafengelände vor den Toren von Paris erfolgt die Häutung eines Kandidaten, der als "Mann ohne Eigenschaften" gescholten wurde. Hier nun will Hollande, der Herausforderer von Staatschef Nicolas Sarkozy, zur heißen Phase der Kampagne abheben.

Vorgesehene Landung am 6. Mai - im Élysée-Palast.

Eine große Rede liefert Hollande, Visionen statt eines Katalogs der Wahlkampf-Forderungen. Seit Wochen hat er das selbstverfasste handschriftliche Manuskript überarbeitet, es wurde gegengelesen, ergänzt, korrigiert. Nach der emotionalen Mobilisierung von Le Bourget soll das detaillierte Regierungsprogramm am Donnerstag vorgestellt werden.

"Präsident sein heißt, die Werte Frankreichs in der Welt zu vertreten", so Hollande: Gleichheit der Geschlechter und sozialen Schichten, die Trennung von Staat und Kirche, Widerstand gegen die Macht des Geldes; Streichung von Steuergeschenken, Kampf gegen Kriminalität und ein "Generationenvertrag", der 150.000 zusätzliche Stellen für die Jugend schaffen soll. Mit wenigen Sätzen hat Hollande Pflöcke eingeschlagen.

"Der Wandel ist jetzt"

Es folgt die Verneigung vor den Soldaten in Afghanistan, "aber jenseits ihrer Aufopferung muss man einsehen, dass unsere Mission dort jetzt zu Ende ist. Der Rückzug ist fällig." Und dann noch eine Wendung nach links: "Mein wahrer Gegner hat keinen Namen, keine Partei, kein Gesicht - es ist die Welt der Finanzen." Abrechnung mit den Rating-Agenturen, Hedgefonds. Beim Thema Europa würdigt er die "freundschaftliche Zusammenarbeit" mit den Deutschen, die er mit einem neuen Pakt besiegelt sehen will.

Hollande macht einen Abstecher ins Biografische, erzählt von seiner Verwurzelung in der Region Corrèze, vom Stolz auf die Widerständler seiner Heimat. "Mir ist nichts gegeben worden." Hinter ihm steht in tiefroten Lettern: "Der Wandel ist jetzt."

Nach den parteiinternen Vorwahlen, die Hollande im November mit deutlichem Vorsprung zum PS-Kandidaten kürten, hatte er einen medialen Winterschlaf begonnen: kaum Auftritte, sparsame Kommentare, wenig Programm. Die Zurückhaltung verschreckte die eigenen Fans, während Sarkozys Team Hohn und Spott ausgoss. "Eine Blase, eine Null", so Kommentare aus dem Élysée . Jean-Luc Mélenchon, Kandidat der Linken Front, verhöhnte Hollande derweil als "Kapitän eines Tretboots".

Tatsächlich mangelte es nicht an Pannen und Peinlichkeiten. Die PS verhakelte sich bei Verhandlungen mit den Grünen über Bedingungen eines Atomausstiegs, es gab Zwist mit den Ökos bei den Absprachen für die Wahlen zur Nationalversammlung. Der linke Flügel der Partei profilierte sich mit eigenen Stellungnahmen zu Steuerreform und familiären Sozialleistungen.

Umfragen sehen Hollande vorn

Jetzt ist Schulterschluss angesagt. Den Besuch in den Überseedepartements machte Hollande noch alleine; beim Abstecher zu den arbeitslosen Stahlwerkern von Gradrange, Symbol von Sarkozys "nicht gehaltenen Versprechen", zeigte sich PS-Chefin Martine Aubry demonstrativ an der Seite ihres Kandidaten.

In den Analysen der Meinungsforscher liegt Hollande unverändert vorn: Die jüngste Umfrage sieht ihn im ersten Wahlgang mit 30 Prozent gegenüber Sarkozy mit 23; im Stechen würde der PS-Kandidat den amtierenden Staatschef gar mit 57 zu 43 Prozent deklassieren. Doch im Team des Sozialisten warnt man vor übereiltem Optimismus. "Marine Le Pen", so die Warnung eines Hollande-Mitarbeiters über die die Chefin des rechtsextremen Front National, "stellt mit 18 Prozent eine deutliche Gefahr dar". Auch der Kandidat der Zentristen, François Bayrou, "könnte durchaus Wähler aus dem linken Spektrum für sich gewinnen".

Der Euphorie von Le Bourget tut das keinen Abbruch. Hollande beschwört die Gleichheit, beklagt eine Nation, die geteilt ist in vernachlässigte Viertel und gesicherte Enklaven der Reichen. "Ich werde mir vor jeder Entscheidung, jeder Reform, jedem Gesetz die Frage stellen - ist das gerecht?"

Die Genossen danken es ihm mit frenetischem Beifall, als er nach 105 Minuten eine Republik aller Franzosen beschwört: "Frankreich ist kein Problem, sondern die Lösung."

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1. Man darf glauben, Frankreich ist es leid den Sarkozy zu ertragen
Roßtäuscher 22.01.2012
Zitat von sysopEr hat gute Chancen, Nicolas Sarkozy aus dem Élysée-Palast zu verjagen - bisher aber leistete sich Sozialisten-Kandidat François Hollande manche Patzer. Beim offiziellen Wahlkampfauftakt begeistert er die Genossen mit einer so kämpferischen wie persönlichen*Rede. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810661,00.html
Wie wir es leid sein sollten, Merkel nochmal die Regierung zu schenken. Dieses ganze unerträgliche (Affen)Theater soll nach 2013 noch mal von vorne losgehen, kann man sich nicht vorstellen. Affären ohne Ende, Verschuldung ohne Ende, dilettantisches Herumwursteln, man kann ihr nicht mehr zuschauen. Geschweige denn ihr stinkendes Eigenlob hören.
2. neuer Vertrag
rl1972 22.01.2012
Zitat von sysopEr hat gute Chancen, Nicolas Sarkozy aus dem Élysée-Palast zu verjagen - bisher aber leistete sich Sozialisten-Kandidat François Hollande manche Patzer. Beim offiziellen Wahlkampfauftakt begeistert er die Genossen mit einer so kämpferischen wie persönlichen*Rede. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810661,00.html
Warum schreibt Spon nicht dabei was sich Herr Hollande unter einem neuen Vertrag vorstellt ? Geld drucken via der EZB und so die Schulden weginflationieren , defacto auf alle Bürger verteilen und Eurobonds einführen. Übersetzt soll dieser 'neue Vertrag' besiegeln das Deutschland zahlt , mehr nicht. Das quote oben ist aus einem anderen Artikel zu dem Thema da Spon es nicht für nötig hält zu sagen was er sich unter diesem neuen Vertrag vorstellt.
3. Lösung
rl1972 22.01.2012
Zitat von sysopEr hat gute Chancen, Nicolas Sarkozy aus dem Élysée-Palast zu verjagen - bisher aber leistete sich Sozialisten-Kandidat François Hollande manche Patzer. Beim offiziellen Wahlkampfauftakt begeistert er die Genossen mit einer so kämpferischen wie persönlichen*Rede. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810661,00.html
Gut, dann kann Frankreich ja den Anteil von allen anderen an der Eurorettung mit übernehmen , es ist ja schliesslich die Lösung.
4. ...
E.Cartman 22.01.2012
Zitat von rl1972Warum schreibt Spon nicht dabei was sich Herr Hollande unter einem neuen Vertrag vorstellt ? Geld drucken via der EZB und so die Schulden weginflationieren , defacto auf alle Bürger verteilen und Eurobonds einführen. Übersetzt soll dieser 'neue Vertrag' besiegeln das Deutschland zahlt , mehr nicht. Das quote oben ist aus einem anderen Artikel zu dem Thema da Spon es nicht für nötig hält zu sagen was er sich unter diesem neuen Vertrag vorstellt.
Ach? War mir jetzt neu, dass Deutschland oder die Deutschen schuldenfrei wären. Ich dachte auch, die offizielle Linie wäre, dass andere unser Steuergeld haben wollen, obwohl sie bei Schulden und Vermögen besser dastünden als wir? Wenn Sie einen Vorschlag haben, bei dem am Ende kein Geld gedruckt wird oder Schulden und Guthaben direkt für nichtig erklärt werden, immer raus damit.
5.
schwarzes_lamm 22.01.2012
Zitat von sysopEr hat gute Chancen, Nicolas Sarkozy aus dem Élysée-Palast zu verjagen - bisher aber leistete sich Sozialisten-Kandidat François Hollande manche Patzer. Beim offiziellen Wahlkampfauftakt begeistert er die Genossen mit einer so kämpferischen wie persönlichen*Rede. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810661,00.html
Ein gewisser Unterhaltungswert als Alleinunterhalter konnte bei Sarkozy nie wirklich geleugnet werden. Eigentlich schade, dass er bald weg ist.
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