Aus Chicago berichtet Sebastian Fischer
Der Mann hat gerade eine Wahl gewonnen. Aber Barack Obama triumphiert nicht, wie man es vermuten könnte, wenn einer zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird. Der erfolgreiche Wahlkampf gegen Mitt Romney? Der hart erarbeitete Sieg? Kein Anlass zu triumphieren.
Obama sagt am frühen Mittwochmorgen vor gut 15.000 Anhängern in Chicago einen Satz, der hängenbleiben wird: "Unsere Wirtschaft erholt sich, die Dekade der Kriege endet und der Wahlkampf ist vorüber." Wirtschaftskrise - Krieg - Wahlkampf. Das ist mal ein ganz besonderer Dreiklang in einer Siegesrede.
Verstörend und verstört
Obama weiß nur zu gut: Ihm stehen neue Kämpfe bevor. Das Land ist tief gespalten, die Wahl hat er - man lasse sich nicht täuschen von der Winner-takes-it-all-Mechanik des amerikanischen Wahlsystems - nur knapp gewonnen.
Obama blieb nichts anderes übrig, als dem politischen Gegner im Moment seines Sieges die Hand zu reichen. Denn das Repräsentantenhaus haben die Republikaner gehalten, damit sind die Machtverhältnisse in Washington weiterhin schwierig. Es droht: Lähmung, Stillstand, Dauerstreit im Spannungsfeld demokratischer Präsident und Senat versus republikanisch dominiertes Abgeordnetenhaus. Deshalb wird Obamas größtes Vorhaben in der zweiten Amtszeit nicht die Reform des Steuertarifs, nicht die des Einwanderungsrechts, die er noch in der Nacht ankündigte, sondern der Neuanfang in Washington sein. Mit diesem Versprechen war er schon 2008 angetreten.
Ob es diesmal klappt? Am Ende werden darüber die Republikaner entscheiden. Aber der einst so stolzen und fortschrittlichen Partei stehen in den kommenden Monaten harsche Richtungskämpfe bevor: die Rechtsaußen-Blockadeure gegen die Regierungs-Republikaner. Die Grand Old Party, wie sie sich selbst nennt, ist eine zutiefst verstörende und verstörte Partei. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen begannen schon in der Wahlnacht.
"Wir sind eine amerikanische Familie", ruft der Präsident: "Egal ob ihr ein Obama-Schild oder ein Romney-Schild gehalten habt, ihr habt eure Stimmen vernehmbar gemacht." Einen von der gegnerischen Seite scheint Obama bei seinem Projekt Versöhnung ganz speziell im Blick zu haben: Chris Christie, den Gouverneur des vom Sturm "Sandy" so tragisch getroffenen New Jersey. Als Obama vom amerikanischen Ideal der Überparteilichkeit spricht, von der Einheit der Nation jenseits des Parteienstreits, merkt er an, dass in der vergangenen Woche beide Seiten an den "Stränden von New York und New Jersey" gezeigt hätten, dass man Politik beiseite lassen und gemeinsam arbeiten könne.
Sorry für den ganzen Schmutz
Abgekämpft wirkt Obama an diesem Wahlabend. Der Wahlkampf, sagt er, erscheine manchmal "klein und albern". Aber man solle mit den Leuten vor Ort reden, die für ihre Sache an der Basis kämpfen. Das seien die Guten. Das sei Amerika. Soll heißen: Sorry für den ganzen Schmutz, den wir über Monate über euch ausgekippt haben. Ging nicht anders.
Wie konnte Obama trotzdem noch einmal siegen? Waren es all die Fehler des Opportunisten-Kandidaten Romney? War es Obamas Krisenmanagement in der Folge des Supersturms? Nate Silver, der nur selten fehlbare Zahlenpapst der "New York Times", sorgte für einen großen Aufschlag, als er direkt vor dem Wahltag verkündete, die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederwahl des Präsidenten liege bei 90,9 Prozent. Romneys Berater muss es gefröstelt haben.
Es wird nicht lange dauern, bis sich der neue Obama das erste Mal beweisen muss. Schon in den nächsten Wochen stehen Verhandlungen mit den Republikanern über die Reduzierung des Defizits an, ansonsten rasten automatisch massive Sparauflagen ein, die die Wirtschaftskraft schrumpfen und die Arbeitslosenzahl steigen ließen. Und dann wird noch darauf zu achten sein, ob Obama den ein oder anderen neuen Minister beruft, der gut mit den Republikanern kann.
Erst so könnte das Projekt Versöhnung funktionieren.
Welche Wählergruppen konnte US-Präsident Obama überzeugen? Eine Übersicht.
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