Finale Romney vs. Obama: Amerika, du hast die Wahl

Aus Chicago und Boston berichten Sebastian Fischer und

Sie haben über Monate gekämpft, gelitten, gestritten - und jetzt zählt es: Barack Obama oder Mitt Romney? An diesem Dienstag entscheiden die Amerikaner, wer sie die nächsten vier Jahre regiert. Seit dem Jahr 2000 war der Ausgang keines Rennens so unvorhersehbar.

Präsident Obama, Herausforderer Romney: Rennen mit unvorhersehbarem Ausgang Zur Großansicht
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Präsident Obama, Herausforderer Romney: Rennen mit unvorhersehbarem Ausgang

Die Redskins haben es vermasselt. Schon wieder hat die Football-Mannschaft der Hauptstadt verloren, diesmal gegen die Carolina Panthers, 13 zu 21. Damit ist Washington Tabellenletzter, die Chance auf die Playoffs so gut wie verspielt. Vor allem aber heißt das: Barack Obama wird die Wahl am Dienstag gegen Mitt Romney verlieren.

Zumindest besagt das die sogenannte Redskins-Regel: Scheitert der Club im letzten Spiel vor einer Präsidentschaftswahl, dann muss der Amtsinhaber das Weiße Haus verlassen. Seit 1940 traf das auf 17 von 18 Wahlen zu, Ausnahme war der Sieg von George W. Bush im Jahr 2004.

Die Redskins als quasi-demoskopisches Organ? Für manchen die letzte Zuflucht bei einem Rennen, dessen Ausgang so unvorhersehbar ist wie selten zuvor. Wenige Stunden vor Auszählung der Stimmen ist der Ausgang völlig offen. Die letzten Umfragen zeigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, mit leichten Vorteilen für Obama seit seinem Krisenmanagement nach Supersturm "Sandy". Einer Erhebung des Umfrageinstituts Pew zufolge sind gut zwei Drittel der Wähler mit Obamas Reaktion auf die Katastrophe zufrieden. Doch wie wirkt sich das auf die Wahl aus? Unklar. Um Mitternacht deutscher Zeit schließen die ersten Wahllokale.

In sieben der neun entscheidenden Swing States liegt der Präsident jetzt den Durchschnittswerten der Umfrageplattform RealClearPolitics zufolge hauchdünn vorn: Virginia, New Hampshire, Ohio, Wisconsin, Iowa, Colorado, Nevada. Romney führt in Florida und North Carolina. Die restlichen Staaten hinzugerechnet, ermitteln die Statistiker zur Stunde einen Sieg Obamas: 303 Wahlmänner würden dem Präsidenten zugesprochen, Romney käme auf 235.

Obamas und Romneys letzter Marathon durch die Swing States

Dennoch, es bleibt dabei: hauchdünne Führung. Was sind schon ein, zwei Prozentpunkte Vorsprung in einer Umfrage? Nichts. Ein paar hundert Wähler könnten da einen ganzen Staat drehen. Und in der Folge ganz Amerika (mehr zum US-Wahlsystem lesen Sie hier). Der Mehrheit der US-Präsidenten jedenfalls war keine zweite Amtszeit vergönnt, nur 16 von 44 erreichten sie.

Romney und Obama haben sich in den letzten beiden Tagen einen Marathon gegeben, sind noch einmal durch die Swing States getourt. Ihre Stimmen bereits brüchig, ihre Kundgebungen aus Zeitmangel teils direkt auf dem Flugplatz. Auf sieben Staaten brachte es der Präsident, der Rivale kam auf einen mehr. Dafür reiste Obama am Montag mit dem Boss: Sänger Bruce Springsteen sprach nicht nur auf Kundgebungen, er flog auch in der Air Force One mit. Seinen letzten Auftritt als Wahlkämpfer überhaupt - ob er nun siegt oder nicht - absolvierte Obama da, wo mit einem Sieg im demokratischen Vorwahlkampf 2007/2008 alles für ihn begonnen hatte: in Iowa.

Und während der Präsident den Dienstag in seinem Chicagoer Hauptquartier verbringen wird und für den Abend 15.000 Leute zur "Siegesparty" ins Messezentrum der Stadt geladen hat, änderte Romney kurzfristig seine Pläne. Er beackert jetzt auch noch am Wahltag Pennsylvania und Ohio. Wobei Pennsylvania eigentlich gar kein Swing State ist, sondern als traditionell demokratisch gilt. Doch der Herausforderer hofft auf eine Sensation - und eine empfindliche Niederlage für Obama. Am Abend dann will er in seiner Heimat Massachusetts feiern, in Boston.

Außergewöhnliche Wahlszenarien denkbar

Ein so spannendes Rennen hat Amerika seit dem Jahr 2000 nicht mehr gesehen, als George W. Bush über Al Gore siegte, weil er im Swing State Florida mit 537 Stimmen vorn lag, als der Supreme Court die weitere Auszählung stoppte. So droht den USA in diesem November erneut eine Hängepartie mit allerlei juristischen Kämpfen. Schon hat es Ärger in Florida gegeben, wo am Wochenende Tausende über Stunden warten mussten, um vorzeitig ihre Stimmen abzugeben. Landesweit ist mit Mogeleien, Pech und Pannen zu rechnen: Bizarre Wahlkarten, kaputte Computer, überlastete Wahllokale. Werden am Ende wieder die Richter entscheiden, wer das mächtigste Land der Welt regiert?

So oder so, von einer langen Wahlnacht ist auszugehen. Folgende Szenarien sind denkbar:

  • Doppelter Sieg. Einer der beiden Kandidaten gewinnt mindestens 270 oder mehr Wahlmänner und damit die Mehrheit im Elektorenkollegium, das den Präsidenten wählt. Zugleich erzielt er landesweit die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Klar ist dabei: Je knapper der Wahlmänner-Vorsprung, desto eher werden die Anwälte der gegnerischen Seite in Aktion treten.
  • Mehrheit im Volk vs. Mehrheit unter den Wahlmännern. Dieses Szenario trat 2000 ein: Gore lag landesweit mit einer halben Million Stimmen vor Bush, doch der konnte die entscheidenden Swing States knapp gewinnen, insbesondere Florida. Wenn, dann würde sich dies 2012 wohl eher unter umgekehrten Vorzeichen ereignen: Romney gewänne insgesamt mehr Stimmen, aber Obama die entscheidenden Staaten. Obama bliebe Präsident.
  • Gleichstand. Noch nie ist dieses Szenario eingetreten. Dennoch ist es bei 538 zu vergebenden Wahlmänner-Stimmen theoretisch möglich, dass sowohl Romney als auch Obama auf 269 kommen. Dann müsste das ebenfalls neu gewählte Repräsentantenhaus entscheiden - und dort wird wohl Romney eine Mehrheit haben. Über den Vizepräsidenten aber bestimmte sodann der Senat, in dem aller Voraussicht nach die Demokraten ihre Mehrheit behalten werden. Heißt: Joe Biden könnte als Romneys Stellvertreter weitermachen. Ein recht ungewöhnliches Duo.

Vor wenigen Wochen noch war sich das Team Obama sicher, dass alles auf Szenario eins hinauslaufen würde: der klare Sieg schien so gut wie sicher. Dann folgte die TV-Debatte von Denver, wo der plötzlich in die Mitte gerückte Romney dem müde und passiv wirkenden Präsidenten die Show stehlen konnte.

Bei seinem rasanten Endspurt mit dem weiß-blauen Charterjet durch die Swing States - 70.000 Dollar pro Tag - füllte er Hallen, Hangars, Festplätze. Zehntausende brüllten sich da in Ekstase für ihn, mehr als je zuvor in seiner Polit-Karriere. Der Enthusiasmus war spürbar. Bei seinen letzten Auftritten sagte er nicht mehr: "Falls ich Präsident werde"; sondern: "Wenn ich Präsident bin." Romney habe erkannt, sagte sein Berater Eric Fehrnstrom der "New York Times", "dass die Präsidentschaft für ihn in Reichweite ist".

Des Rivalen Aufholjagd konnte Obama erst stoppen und sich in den Gleichstand retten, als er sich während des tragischen Sturms als Commander-in-Chief zu inszenieren wusste. Das TV-Duell, erklärte der US-Historiker Robert Dallek dem "New Yorker", habe als großer Gleichmacher gewirkt: "Da standen Worte gegen Worte." Der katastrophale Sturm aber sei genau das Gegenteil gewesen: "Da stand Macher gegen Zuschauer."

Schmutzwahlkampf für vier Milliarden Dollar - das Land ist zerrissen

Dass sich die Präsidentschaftswahl 2012 nun zur Zitterpartie für Obama entwickelt hat, das liegt keineswegs am Gegenkandidaten. Schließlich war Romneys Weg von Pannen und Rückschlägen gekennzeichnet, immer wieder stand sich der Mann selbst im Weg: Er verscherzte es sich nacheinander mit den Latino-Wählern, den Frauen, den Moderaten, den Senioren - und auf einer Europa-Tour mit den Briten. Dann floppte auch noch der Parteitag. Obama nutzte all das, suchte Romney zu diskreditieren als Polit-Bösewicht, als abgehobenen Multimillionär. Beide Seiten lieferten sich einen nie dagewesenen Schmutzwahlkampf, der rund vier Milliarden Dollar kostete. Einen Kampf, der die Spaltung des Landes Tag für Tag vorführte.

Dabei blieb all das auf der Strecke, womit Obama 2008 angetreten war, womit er die Menschen fasziniert hatte: Jene Stimmung des amerikanischen Neuanfangs. Damals schrieb der Mann Geschichte als erster schwarzer Präsident. Sollte Barack Obama an diesem Dienstag wiedergewählt werden, dann war das ein hart und mühsam erarbeiteter Sieg. Im Schlussspurt sah er sich in der politischen Mitte attackiert: Romney versprach überparteiliche Zusammenarbeit, Jobs statt Ideologie. Mehr noch: Plötzlich stellte der Republikaner in Anspielung auf Obamas Siegermotto von einst selbst "Real Change", echten Wandel, in Aussicht. Er sprach von "Liebe" fürs Land, vom neuen "amerikanischen Jahrhundert". Die gute alte Zeit, doch längst vergangen.

Der Präsident konterte, indem er sich noch einmal als jenen Außenseiter ins Spiel brachte, als der er vor vier Jahren siegen konnte. Washington sei nur äußerst schwer zu knacken: "Sie haben in den letzten vier Jahren versucht, uns überall zu blockieren", rief er seinen Anhängern zu und meinte etwa die Gesundheitsreform, die nun auf dem Spiel steht. Geradezu verschwörerisch klang der Präsident in den letzten Tagen: "Sie rechnen damit, dass ihr die Schnauze voll habt, dass ihr müde seid, dass ihr sie machen lasst." Plötzlich erinnerte der Ergraute noch einmal an den Wahlkämpfer von 2008. Die gute alte Zeit, doch längst vergangen.

Jetzt hat Amerika, dieses zerrissene Land, die Wahl.

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1. Spannend!
Peet89 06.11.2012
Zitat von sysopSie haben über Monate gekämpft, gelitten, gestritten - und jetzt zählt es: Barack Obama oder Mitt Romney? An diesem Dienstag entscheiden die Amerikaner, wer sie die nächsten vier Jahre regiert. Seit dem Jahr 2000 war kein Rennen so unvorhersehbar. Wahltag in den USA: Der finale Kampf zwischen Obama und Romney - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/wahltag-in-den-usa-der-finale-kampf-zwischen-obama-und-romney-a-865487.html)
Wenn Romney gewinnt bekomme ich echt Angst, was die Nation angeht...Wie kann man nur so ticken, werde ich mich wohl dann fragen müssen...!
2. In den USA..
APPEASEMENT 06.11.2012
Zitat von sysopSie haben über Monate gekämpft, gelitten, gestritten - und jetzt zählt es: Barack Obama oder Mitt Romney? An diesem Dienstag entscheiden die Amerikaner, wer sie die nächsten vier Jahre regiert. Seit dem Jahr 2000 war kein Rennen so unvorhersehbar. Wahltag in den USA: Der finale Kampf zwischen Obama und Romney - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/wahltag-in-den-usa-der-finale-kampf-zwischen-obama-und-romney-a-865487.html)
.. kann man sehen, wie die verschiedene enthnischen Gruppen und ihre Vorlieben heutzutage die Wahlen entscheiden. Die bisherigen Mehrheitsverhältnisse wurden durch starke Migration etc. verändert. So kann man als Politiker lernen, dass man sein Wahlvolk auch aus dem Ausland holen kann mit entsprechender Politik. So kann man bürgerliche Gesellschaften knacken durch Verdünnung. Ein Lehrbeispiel auch für deutsche Politik. Obama hat sich geschikter verkauft und wird deswegen die Wahlen gewinnen. Die Folgen werden wahrscheinlich ein atom. bewaffnter Iran und eine Schwächung Israels sein. Romney hat sich ungeschickt angestellt.
3. Qualitätsjournalismus
Peter_Lublewski 06.11.2012
"Zumindest besagt das die sogenannte Redskins-Regel: Scheitert der Club im letzten Spiel vor einer Präsidentschaftswahl, dann muss der Amtsinhaber das Weiße Haus verlassen. Seit 1940 traf das auf 17 von 18 Wahlen zu, Ausnahme war der Sieg von George W. Bush im Jahr 2004." Ab heute hat der Begriff "Qualitätsjournalismus" eine ganz neue Bedeutung.
4. Wanderprediger
Peter_Lublewski 06.11.2012
Tja, liebe amerikanische Kumpels, wählt den Wanderprediger. Dann könnt Ihr in vier Jahren Euer Land für einen Hamburger an China verkaufen.
5. Endlich ein Ende in Sicht
-5m 06.11.2012
Ich freue mich schon auf das Ende des Wahlkampfes. Endlich wieder mehr Platz für interessantere Artikel. Dennoch: Go Obama :)
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