Neuer Vizepräsident in China Der Korruptionswächter

Staatschef Xi Jinping hat einen Mann zu seinem Stellvertreter wählen lassen, den amerikanische Banker verehren und chinesische Beamte fürchten: den Krisenmanager, Wirtschaftsreformer und Motorradfahrer Wang Qishan.

Vizepräsident Wang Qishan
AFP

Vizepräsident Wang Qishan

Von , Peking


Wenn in China ein Parteitag oder, wie dieser Tage, ein Nationaler Volkskongress zu Ende geht, erscheinen in den Zeitungen große bebilderte Personaltableaus. Man könnte sie auf den ersten Blick als Werbeanzeigen für rote Krawatten und schwarze Haarpomade missdeuten: reihenweise Porträts 45- bis 65-jähriger Männer, die dem neuen Politbüro, Zentralkomitee oder Kabinett angehören.

Schon äußerlich sticht diesmal ein schlanker älterer Herr mit Halbglatze und grauen Schläfen aus der Menge der sonst leicht verwechselbaren Köpfe mit ernsten Gesichtern und akkuraten Scheiteln heraus: Wang Qishan, 69, der am Samstagmorgen zum chinesischen Vizepräsidenten gewählt wurde.

Wang ist nicht nur Stellvertreter des ebenfalls am Samstag im Amt bestätigten Staatschefs Xi Jinping, sondern zweifellos der interessanteste hohe chinesische Kader, auf eine Weise sogar interessanter als der Präsident selbst. "Xis Consigliere" hat ihn der amerikanische China-Experte Bill Bishop genannt - in Anspielung auf Tom Hagen, Don Corleones Ziehsohn, loyalen Anwalt und Problemlöser in Francis Ford Coppolas Filmepos "Der Pate".

Chinas Präsident Xi Jinping
REUTERS

Chinas Präsident Xi Jinping

Wang und Xi kennen sich seit der chinesischen Kulturrevolution, deren letzten Jahre sie beide als junge Funktionäre in der Provinz verbrachten. Ihre Wege haben sich seither immer wieder gekreuzt, wobei Wangs Laufbahn überraschendere Wendungen nahm als die des Stromlinien-Bürokraten Xi. Der promovierte und vielseitig belesene Historiker Wang hat sich als Wirtschaftsreformer, Bankenretter und Landwirtschaftsexperte bewiesen und fiel neben seiner beruflichen Karriere als Motorradfahrer und Liebhaber amerikanischer Fernsehserien auf.

In China trug ihm vor allem sein Noteinsatz als Bürgermeister von Peking Ansehen ein, wo er 2003 den Ausbruch der Sars-Epidemie effizient managte. Und dabei binnen zwei Monaten fünf Kilo abnahm. Im Ausland, vor allem in den USA, gilt er seit dem Weltwirtschafts- und Finanzbeben 2008 als belastbarer Krisenmanager. Bis heute unterhält er enge Beziehungen an die Wall Street, unter anderen zum ehemaligen Goldman-Sachs-Chef und späteren Finanzminister Hank Paulson.

Berüchtigt ist er, seit er 2012 die Leitung der Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei übernahm, die in den vergangenen fünf Jahren fast anderthalb Millionen Funktionäre bestrafte oder aus dem Verkehr zog. Ende Oktober legte er, einer bis dahin geltenden Ruhestandsregelung folgend, alle Ämter nieder, darunter auch seinen Sitz im siebenköpfigen Ständigen Ausschuss des Politbüros, dem innersten Kreis der chinesischen Führung.

Mit nur einer Gegenstimme

Schon damals wurde spekuliert, Staatschef Xi werde einen der engsten und loyalsten seiner Mitarbeiter nicht einfach in Rente schicken. So ist es nun gekommen: Xi setzte sich wie in seinem eigenen Fall über bewährte Regeln hinweg und ließ Wang zum neuen Vizepräsidenten ernennen. 2969 Abgeordnete des Nationalen Volkskongresses stimmten für, nur einer gegen ihn.

Unter westlichen China-Kennern gilt die Wahl Wangs als Signal der Kontinuität. Wang gilt als Inbegriff des umsichtigen Technokraten, als Repräsentant der chinesischen Beamten-Meritokratie, die Leistung honoriert. Gerüchte eines im US-Exil lebenden chinesischen Geschäftsmanns, wonach der Korruptionswächter Wang selbst in korrupte Geschäfte verwickelt sei und ein Verhältnis mit der Starschauspielerin Fan Bingbing unterhalten habe, sind bislang unbewiesen.

Dem Vernehmen nach soll Wang in seinem neuen Amt Pekings komplizierte Beziehungen zum geopolitischen Rivalen Washington steuern. Der drohende Handelskrieg zwischen der größten und zweitgrößten Volkswirtschaft könnte ihn bereits in den kommenden Wochen fordern, seine Flexibilität könnte ihm dabei helfen: Im vergangenen Herbst traf er sich überraschend mit US-Präsident Donald Trumps ehemaligem Chefberater Stephen Bannon, der, ebenso überraschend, nur Gutes über Xis Consigliere zu sagen hat: Wang Qishan, zitiert die "Financial Times" Bannon, habe "über unser Land mehr vergessen, als viele unserer hohen Vertreter überhaupt wissen". Das Ausmaß von Wangs Detailkenntnis sei "überwältigend", von der Wirtschaft einzelner Regionen bis zur amerikanischen Infrastruktur.

"House of Cards" und Alexis de Tocquevilles

Wang interessiert sich in der Tat sehr für Amerika und die politische Geschichte des Westens insgesamt. Vor ein paar Jahren outete er sich als Fan der Netflix-Serie "House of Cards" - sie wird in China fast unzensiert von Streamingdiensten angeboten. Außerdem empfahl er seinen Mitarbeitern, den französischen Historiker Alexis de Tocqueville zu studieren, dessen Hauptwerke "Über die Demokratie in Amerika" und "Das alte Regime und die Revolution", beides Klassiker der politischen Theorie.

Der ehemalige US-Finanzminister Paulson hat Wang Qishan im "Time"-Magazine vor einigen Jahren als eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt porträtiert. Wang, schrieb er, sei "wissbegierig und entscheidungsfreudig", vor allem aber sei er "ein chinesischer Patriot".

Das könnte noch eine Untertreibung sein. Als sich kurz darauf die Vorstände einiger der größten europäischen Unternehmen bei Wang über Pekings einseitige Wirtschafts- und Handelspolitik beklagten, antwortete er mit einem Satz, der das ganze Selbstbewusstsein der chinesischen Führung zum Ausdruck brachte: "Ich weiß, dass Sie alle Beschwerden haben. Aber der Charme des chinesischen Marktes ist unwiderstehlich."

insgesamt 2 Beiträge
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joG 18.03.2018
1. Für eine Gesellschaft und....
...ihre Wirtschaft ist eine robuste und von den Verfassungsgewalten unabhängige Korruptionsbekämpfung. China hat ganz offenbar ein sehr grosses Problem damit, das die Gesellschaft sichtbar und versteckt vielfälltig schadet. Wie Dieselgate, die Bestechungen in Griechenland oder die hier vor einigen Wochen Bestechung durch Airbus um Exporte vermutlich zu sichern zeigen, dass wir auch ein gewisses Problem damit.
autocrator 18.03.2018
2. flach
leider n bissl arg flach, Zands Artikel. Und wenn man im China sitzt die Financial Times zu zitieren statt chinesische Quellen ... Die Karriereangaben sind schlecht aus der chinesischen Wikipedia abgeschrieben und bieten keinerlei Hintergrundinformation, die man aber nunmal gerne als Leser erfahren würde: Wer waren die 1,5 mio wegen Korruption abgestraften Funktionäre? Wie definiert Wang und Xi Korruption überhaupt? – oder waren das 'stalinistische' Säuberungswellen unter einem vorgeschobenen Grund? Wie kommt ein KP-Funktionär, Apparatschik und Verwaltungsexperte zu "exzellenten" Kontakten in die amerikanische Wirtschaft? Welche Expertise in Wirtschaftsfragen hat ein Historiker überhaupt? Was ist seine Seilschaft, wer sind seine Wasserträger? Wie "herrscht" Wang, was sind seine Methoden? Und wenn er schon Toqueville empfiehlt: Was steht da drin, was uns etwas über ein Amerika Trumps an der Schwelle zu Digital Industry 4.0 erzählen könnte – welche Auswirkungen jat das auf das Verhältnis USA–VRCh und v.a. was sagt das über die Amerikapolitik eines chin. Vizepräsidenten aus, wenn der glaubt mit einem 200 Jahre alten Buch digitalzeitliche Amerikapolitik betreiben zu können? Und was heißt das alles für uns, für €uropa, für Deutschland und die deutsche Chinapolitik? Fragen über Fragen ...
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