Bedrohtes Blatt Darum ist "Cumhuriyet" so wichtig für die Türkei

Präsident Erdogan lässt Journalisten der "Cumhuriyet" verhaften - schon wieder. Was ist das für eine Zeitung, die immer stärker unter Druck gerät und trotzdem nicht aufgeben will?

Zeitungsstand in Istanbul
AFP

Zeitungsstand in Istanbul

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Die "Cumhuriyet" (Republik) wurde 1924 von Journalist Yunus Nadi Abalioglu auf Initiative des Staatsgründers Kemal Atatürk gegründet. Sie ist eine der ältesten Tageszeitungen der Türkei und galt als Sprachrohr von Atatürks Volkspartei (CHP). Auch heute werden ihr noch Verbindungen zur CHP, mittlerweile größte Oppositionspartei, nachgesagt.

Trotz einer Auflage von nur rund 50.000 Exemplaren täglich, gehört sie zu einer der größten Tageszeitungen der Türkei. Wichtiger noch als die Printversion ist in den letzten Jahren jedoch ihre Online-Präsenz.

Gerade seit die Regierung und Präsident Recep Tayyip Erdogan zunehmend Druck auf die kritisch berichtende Presse ausüben, hat "Cumhuriyet" als unabhängige Zeitung noch mehr an Bedeutung gewonnen. Anders als andere Medienhäuser in der Türkei, ist das Blatt nicht Teil eines Großunternehmens, sondern wird von einer unabhängigen Stiftung herausgegeben und vor allem durch ihre Leser finanziert. So wird die Übernahme der Zeitung durch regierungsnahe Investoren erschwert.

Neben finanziellem Druck, unter anderem durch schwindende Anzeigenkunden, leidet die "Cumhuriyet" schon lange unter Repressionen. Redakteure und Autoren wurden regelmäßig bedroht, einige sogar ermordet. Die Redaktion in Istanbul wird mittlerweile bewacht.

Ärger wegen Bericht über Waffenlieferungen

Anfang 2015 erregte die Zeitung großes Aufsehen: Sie druckte das Cover von "Charlie-Hebdo" ab, darauf zu sehen eine weitere umstrittene Mohammed-Karikatur, die erste nach dem fatalen Anschlag auf die Satirezeitung. Zwei Kolumnisten wurden daraufhin zu Haftstrafen verurteilt.

Im vergangenen Mai wurden der damalige Chefredakteur Can Dündar sowie sein Hauptstadtbüroleiter Erdem Gül zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Staatspräsident Erdogan hatte sie persönlich angezeigt, nachdem "Cumhuriyet" Material veröffentlicht hatte, das türkische Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien belegen sollte. Im Juli verließ Dündar die Türkei und lebt seitdem im Exil in Deutschland. Den Posten als Chefredakteur ließ er zunächst ruhen, trat aber kurze Zeit später ganz zurück.

Erst der Preis, dann neue Festnahmen

Im September gab die Right Livelihood Stiftung bekannt, dass die Redaktion von "Cumhuriyet" dieses Jahr den Alternativen Nobelpreis verliehen bekommt. Als Grund für die Auszeichnung nennt die Stiftung "ihren furchtlosen investigativen Journalismus und ihr Bekenntnis für Meinungsfreiheit ungeachtet von Unterdrückung, Zensur, Verhaftungen und Morddrohungen."

Am Montag kam es nun zu einer neuen Eskalation. 13 weitere Redakteure wurden verhaftet, unter ihnen Chefredakteur Murat Sabuncu. Vorgeworfen werden ihnen Verbindungen zur kurdischen Arbeiterpartei PKK und zu Fetullah Gülen, den die Regierung für den gescheiterten Putsch im Juli verantwortlich macht.

Die Redaktion will weitermachen, trotz des erheblichen Drucks auf das Blatt. Am Dienstag erschien die Zeitung mit zahlreichen Weißflächen, vor allem im Kommentarteil. Der Rest der aktuellen Ausgabe beschäftigt sich mit den Festnahmen vom Montag. Inzwischen gibt es auch international scharfe Worte gegen das Vorgehen der türkischen Regierung, unter anderem von der US-Regierung und aus höchsten EU-Kreisen.

mit Material von dpa



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