Aus Athen berichtet David Böcking
Die Wahlaufrufe klingen etwas scheppernd, sie kommen aus einem Lautsprecher im Larissa-Bahnhof von Athen. Am Sonntag wird ein neues Parlament gewählt, und um ihre Stimme abzugeben, fahren viele Griechen in ihre Heimatdörfer. So warten sie hier nun alle auf denselben grauen Metallbänken darauf, dass ihr Zug angesagt wird - das gesamte politische Spektrum des Landes.
Da sind etwa Dimitris und Antonis, zwei Studenten Anfang 20 aus West-Mazedonien. Sie sind Anhänger der antikapitalistischen Linken, kurz Antarsya. Die dürfte es nicht ins Parlament schaffen, stattdessen erwartet Dimitris einen Sieg der konservativen Nea Dimokratia (ND). "Das ist überhaupt nicht gut", sagt er. "Wir sollten die Euro-Zone verlassen."
Ganz anders Konstantina aus Thessalien, die ein paar Meter weiter mit einem blauen Rollkoffer steht. "Ich denke, wir sollten in der EU bleiben", sagt die 34-jährige Ärztin. Wie das gelingen kann? "Ich weiß nicht, vielleicht mit Samaras" - dem Chef der ND.
Samaras werde gewinnen, glaubt auch Anastasia, doch ihre Wahl wird er nicht sein. Ganz in Schwarz gekleidet wartet die 24-Jährige auf einer Bank, sie trägt einen Elfen-Anhänger um den Hals. Anastasia wird die neofaschistische Chrysi Avgi wählen, mit einer simplen Begründung: "Sie sind Nationalisten und ich auch."
Zwischen diesen Extremen wirkt der Tierarzt Nikos Gkolfis schon fast wie Griechenlands neue Mitte. In der Mitte des Landes liegt auch seine Heimatstadt Lamia, in die Gkolfis mit seinem vierjährigen Sohn fährt. Der 48-Jährige wird für Syriza stimmen, das Linksbündnis, das die Sparpakete aufkündigen will. Angst vor dem Euro-Aus hat Gkolfis nicht. "Die anderen Länder haben Angst", sagt er. "Für uns ist es die letzte Chance."
Gkolfis spricht vielen Griechen aus dem Herzen. Unmittelbar vor der Parlamentswahl geben sie wenig auf Warnungen des Auslands, ein Linksruck könne die gesamte Euro-Zone gefährden. Die Sparpolitik der vergangenen Jahre ist in ihren Augen ebenso gescheitert wie die etablierten Parteien ND und Pasok. Die neuen Hoffnungsträger stehen viel weiter links oder rechts.
"Wir haben Euros, aber kein Geld"
Dass sich Europa deshalb von ihnen abwenden könnte, wollen viele nicht glauben - selbst dort, wo es erste Vorzeichen gibt. Ein solcher Ort ist der Carrefour-Markt im Nordwesten von Athen. Auf extragroßen Flachbildschirmen wird das Angebot beworben, noch gibt es hier vom Salatkopf bis zur Klimaanlage die gesamte Palette westlicher Konsumkultur. Doch rote Banner künden vom nahen Ende, "Räumungsverkauf" steht darauf.
Am Freitag kündigte Carrefour an, sich aus Griechenland zurückzuziehen und begründete das mit den "Herausforderungen" für die Wirtschaft des Landes. Katerina Karrafoti, die in der Gemüseabteilung steht, überrascht das nicht. "Wir müssen von ganz unten wieder anfangen", sagt sie. Dass auch die Euro-Mitgliedschaft auf dem Spiel steht, glaubt die 45-Jährige aber nicht. "Niemand will, dass wir gehen."
Fragt man Yorgos Koukouloglou, was er sich von der Wahl am Sonntag erhofft, so lacht er und sagt: "Gerettet zu werden!" Mit seinem Freund John Huskis sitzt Yorgos in einem Café im Arbeiterviertel Ilion und spielt Backgammon. Klackernd fallen die Würfel, ab und zu nimmt Yorgos einen Schluck Kaffee. Der kostet 2,50 Euro, mit einer Tasse lässt sie die Bedienung hier Stunden lang sitzen.
John und Yorgos werden Syriza wählen. Beide sind Anfang 30 und Teil einer Gruppe von sechs Freunden. Fünf von ihnen haben im vergangenen Jahr ihren Job verloren, da werden Diskussionen über die Zukunft einer Währung zweitrangig. "Wir haben vielleicht den Euro", resümiert John. "Aber wir haben kein Geld."
Um Griechen zu finden, die noch etwas zu verlieren haben, muss man weiter raus. 31 Kilometer von Athen entfernt hat der Marathon-Damm einen tiefblauen Stausee geschaffen. Als der Damm in den zwanziger Jahren gebaut wurde, war er ein Symbol der Modernisierung, heute ist er ein Symbol der Dekadenz: Der Damm ist mit demselben Marmor verkleidet wie der Parthenon der Akropolis, er war das bis dato teuerste Bauwerk des Landes.
Tipps für die Steuerfahnder übers Radio
Der Kaffee im Ausflugscafé am Stausee kostet fast doppelt so viel wie im Arbeiterviertel Ilion. Zikaden zirpen, es riecht angenehm nach Pinien. Aus den Lautsprechern kommt Chillout-Musik. Die scheinen in diesen Tagen alle Lokale zu spielen - so als wollte sich das Land selbst beruhigen.
Im Café sitzt Alexis Tzozolakis mit seinen Eltern. Dem 41-Jährigen geht es gut, er kann von den Einnahmen aus Immobilien leben, die er besitzt. "Man muss optimistisch sein", sagt er in fließendem Deutsch, seine Mutter ist Schweizerin. Er hoffe, dass der Rest von Europa einen Dominoeffekt verhindern will. "Wenn Griechenland zerbricht, ist das nicht gut für ganz Europa."
Ein paar Tische weiter sitzt der Wirtschaftsanwalt Nikos Kanellas mit seiner Familie. Vielleicht liegt es an seinem Beruf, dass er zu den wenigen Griechen gehört, die Verständnis für die Sparforderungen aus dem Ausland haben. Die Schulden müssten runter, sagt der 51-Jährige. Aber zugleich müsse mehr fürs Wachstum getan werden. "Wenn wir beides vereinen können, ändert sich vielleicht etwas."
Manches wandelt sich schon jetzt, etwa der Umgang mit Steuerhinterziehung. Am Samstag ruft ein Zuhörer aus Mykonos bei einer bekannten Radioshow an, mit einem Tipp für die Steuerfahndung. Die sucht angeblich einen Reeder und seine Freundin, ein bekanntes TV-Sternchen. Sie sollen nie Steuern für ihre 28-Meter-Yacht gezahlt haben.
Nun ja, sagt der Anrufer, die beiden vergnügten sich gerade vor aller Augen in einer Bucht. Genüsslich lässt sich der Radiomoderator die Details schildern. Dann sagt er: "Das ist das Griechenland, das wir ändern wollen."
Mitarbeit: Lamprini Thoma
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Finanzkrise in Griechenland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH