Psychoexpertin analysiert Politikertypen May ist ein Racheengel, Trump ein Verführer

Selbstverliebtheit ist in der Politik weitverbreitet - aber nicht nur bei Trump oder Putin, sondern auch bei mächtigen Frauen. Hier erklärt eine Psychotherapeutin, warum Narzissten die Welt regieren.

Premierministerin Theresa May
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Ein Interview von Michel Winde


  • Maik Kern
    Bärbel Wardetzki, 1952 in Berlin geboren, arbeitet als Psychotherapeutin in München. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Essstörungen und narzisstische Persönlichkeitsstörungen. Sie hat mehrere Bücher zu diesen Themen veröffentlicht. Ihr aktuelles Buch heißt "Narzissmus, Verführung und Macht in Politik und Gesellschaft".

SPIEGEL ONLINE: Frau Wardetzki, was hat Narzissmus mit Politik zu tun?

Wardetzki: Narzissmus bedeutet, dass ich ein geschwächtes Selbstwertgefühl habe, weil ich Selbstwertverletzungen erlebt habe. Deshalb baue ich mir ein überhöhtes Selbst auf. Eine Möglichkeit, dieses grandiose Selbst zu leben, ist das Streben nach Macht. Das können narzisstische Menschen sehr gut. Positiv ausgedrückt ist Narzissmus die Fähigkeit, mit Situationen umzugehen, obwohl ich wenig Selbstwertgefühl besitze.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch geht es aber vor allem um Negativbeispiele: die Präsidenten Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan. Gibt es heute mehr narzisstische Staatschefs als früher?

Wardetzki: Der Narzissmus ist stark in unsere Gesellschaft eingewoben. Uns geht's um Geld, Karriere und Aufstieg. Deshalb werden heute solche Leute sehr viel eher gewählt. Aber klar ist auch: Machtpositionen haben immer etwas mit narzisstischen Strukturen zu tun, das gab es früher auch schon. Die entscheidende Frage ist doch, wie diese gelebt werden - konstruktiv oder destruktiv? Bei Trump, Putin und Erdogan wird die Macht allein für die eigene Position ausgenutzt. Das ist destruktiv, das ist Machtmissbrauch.

SPIEGEL ONLINE: US-Psychologen haben Trump im Februar "gravierende emotionale Instabilität" attestiert und vor ihm gewarnt. Für ihre Ferndiagnose wurden sie dann heftig kritisiert. Was sagen Sie dazu?

Wardetzki: Donald Trump zeigt nun einmal sehr viele narzisstische Mechanismen, etwa eine ganz geringe Empathiefähigkeit. Er will sich nicht in andere hineinversetzen. Hinzu kommen bei ihm Unberechenbarkeit und schwache Impulskontrolle. Der Mann bietet sich für eine Psychologin einfach als Beispiel an.

Trump beim Nato-Gipfel in Brüssel
REUTERS

Trump beim Nato-Gipfel in Brüssel

SPIEGEL ONLINE: Ist die Gesellschaft nicht selbst schuld an solchen Narzissten als Staatenlenker?

Wardetzki: Narzissten wie Trump sind politische Verführer - und es ist für viele Menschen unglaublich schwer, ihnen zu widerstehen. Das kennt man aus Zweierbeziehungen. Da kommt jemand und macht dich zur wunderbarsten Frau der Welt - wer ist dafür nicht empfänglich?

SPIEGEL ONLINE: Narzissten wickeln uns um den Finger, ohne dass wir es merken?

Wardetzki: Narzissten an der Macht befriedigen unser Bedürfnis nach einem großen, starken Menschen, sodass wir uns zurücklehnen können. Das ist sehr viel einfacher, als demokratisch zu handeln. Da muss ich nachdenken, Informationen holen, Entscheidungen treffen, an die Urne gehen.

Donald Trump
AP

Donald Trump

SPIEGEL ONLINE: Narzissten sind aber auch abhängig von unserem Applaus. Der Applaus für Trump ist zuletzt leiser geworden - was passiert, wenn er ausbleibt?

Wardetzki: Entweder er beschönigt seine Welt weiter und sagt: Ich bleibe hier auf diesem Posten und werde es schaffen, das Ding umzudrehen und euch die Schuld zu geben. Oder er wirft das Handtuch. Ich glaube nicht, dass er so lange bleibt, bis er abgesetzt wird. Er wird vorher beleidigt umdrehen und sagen: Das war eine Hexenjagd. Einsicht aber wird er nie zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Barack Obama hat die Menschen um den Finger gewickelt. Was unterscheidet ihn von Donald Trump?

Wardetzki: Beide haben narzisstische Strukturen. Aber bei Obama hatte man den Eindruck, da ist ein Mensch, der hat eine positive Überzeugung und ein positives Anliegen: "Yes, we can!" Trump dagegen ist ein Zerstörer.

Kanzlerin Angela Merkel
AFP

Kanzlerin Angela Merkel

SPIEGEL ONLINE: Bislang haben wir nur über Männer gesprochen. Gibt es auch weibliche Narzissten?

Wardetzki: Klar! Aber die sind auf der politischen Bühne viel seltener. Die britische Premierministerin Theresa May zum Beispiel hat eine wunderbar narzisstische Struktur. Sie ist diese Eisprinzessin, die sich an allen rächt, von denen sie sich gekränkt fühlt. Ein richtiger Racheengel. Auch Angela Merkel ist ein absoluter Machtmensch. Aber sie ist dabei nicht destruktiv. Sie verkörpert eher ein Mutterbild, bei dem wir das Gefühl haben: Da ist eine, die gut für uns sorgt. Sie vermittelt Sicherheit - im Gegensatz zu Trump.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb sind mächtige Frauen in der Politik seltener?

Wardetzki: Bei Frauen ist der sogenannte weibliche Narzissmus sehr häufig. Das ist die eher depressive Form des Narzissten. Zu einem grandiosen Menschen gehört immer einer, der sich als minderwertig empfindet - zu dieser Rolle tendieren Frauen. Ihr Größenselbst füllen sie oft mit Leistung, Perfektionismus, Schönheit, Schlankheit, aber sie sind eher in dem Gefühl der Minderwertigkeit verhaftet. Die Grandiosen spüren das nicht. Frauen sind die, die vor dem letzten Schritt in die erste Position zögern. Sie ziehen eher kleinere Schuhe an. Die Grandiosen ziehen die großen Schuhe an und sagen: Ich habe keine Ahnung, aber ich werde einfach mal Präsident.



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