Putins Syrien-Strategie Ein Abzug ist kein Rückzug

Russland zieht seine Truppen teilweise aus Syrien ab, Präsident Putin hat seine Ziele erreicht. Assad ist gestärkt, Moskau hat seine Machtposition im Nahen Osten ausgebaut. Und wird das immer wieder nutzen.

Von , Moskau

AFP/ Russian Defence Ministry

Russlands Verteidigungsministerium hat es eilig. Früh am Dienstagmorgen schraubt sich die erste Tupolew-154 über der Luftwaffenbasis im syrischen Hamaimim in den Himmel. Das Flugzeug nimmt Kurs auf die Heimat - nur wenige Stunden, nachdem Präsident Wladimir Putin den Befehl zum Abzug der russischen Truppen aus Syrien anordnete.

Genauer gesagt, des "Großteils unserer Militärgruppe", wie es der Kreml-Chef formulierte. Russlands Militärbasen, der inzwischen erweiterte Stützpunkt im Hafen von Tartus und die Airbase Hamaimim, sollen weiter in Betrieb bleiben.

Russia Today, der Auslandskanal des Kreml, begann nach der Entscheidung mit Sondersendungen. Ein Laufband verkündete triumphierend: "Mission complete." Ist die Mission wirklich erfüllt?

Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu durfte am Montagabend erklären, was sein Militär in Syrien geleistet hat: 9000 Bombenflüge seit Ende September, 2000 getötete feindliche Kämpfer, 10.000 Quadratkilometer Geländegewinne für Assad. Putin lobte, die Streitkräfte hätten alle Aufgaben "im Ganzen erfüllt". Nun sei das Außenministerium gefragt. Weil das Militär so erfolgreich war, kann jetzt die Diplomatie übernehmen, sollte das offenbar heißen.

Putin zieht sich zurück zu einem aus russischer Sicht günstigen Zeitpunkt. Moskau hat - gegen den Widerstand des Westens - in Syrien Fakten geschaffen.

Zum einen ist der im vergangenen Herbst drohende Sturz Assads abgewendet.

Der Teilabzug verringert zum anderen auch die Gefahr für Russland, an der Seite von Assad in einen sehr langwierigen und blutigen Krieg mit hohen eigenen Verlusten gezogen zu werden. Das ist wichtig, weil im September in Russland Parlamentswahlen anstehen.

Die Mehrheit der Bevölkerung hat die Operation zwar unterstützt, das hätte sich aber in den kommenden Monaten ändern können, sollte sich die Krise der russischen Wirtschaft verschärfen - die Ausgaben für den Syrienkrieg aber steigen.

"Signal an Assad"

Die Entscheidung sei ein "Signal an Assad, dass Russland nicht vorhat, für Damaskus die Arbeit zu erledigen", sagt Fjodor Lukjanow, Außenpolitik-Experte und Herausgeber der Fachzeitschrift "Russia in Global Affairs". Syriens Diktator Baschar al-Assad hatte in Interviews zuletzt den Eindruck erweckt, er mache sich wieder Hoffnung auf eine Rückeroberung des ganzen Landes. Lukjanow vermutet, Russlands Strategie könne dem Abzug der Amerikaner aus Afghanistan ähneln: einen Teil der Truppenteile abziehen, aber Stützpunkte und Einfluss auf die Lage im Land behalten.

Moskaus Intervention hat das militärische Gleichgewicht in der Region verschoben, insbesondere die Verlegung russischer Hightech-Waffen. Russland hat S-400-Luftabwehrbatterien in Syrien stationiert, das System gilt als eines der leistungsfähigsten weltweit und könnte westliche Versuche vereiteln, eine Flugverbotszone in der Region zu etablieren, wie 2011 im Falle von Libyen. Gleiches gilt für Russlands moderne Kampfflugzeuge des Typs Su-35.

Moskau kann Truppenkontigent wieder erhöhen

Nach Angaben der Moskauer Tageszeitung "Kommersant" sollen diese in Hamaimim bleiben. Gut möglich, dass von der Luftwaffenbasis auch weiter russische Kampfflugzeuge zu Einsätzen in Syrien aufsteigen, Abzug hin oder her. Falls nötig könnte Moskau sein Truppenkontingent wohl auch zügig wieder erhöhen.

Moskaus Syrien-Operation sei keineswegs eine spontane Idee gewesen, sondern ein Jahr lang vorbereitet worden, meint auch der Außenpolitik-Kenner Sergej Karaganow. Russland bringe sich langfristig im Nahen Osten in Stellung, weil in den "nächsten zwanzig bis dreißig Jahren die meisten Staaten der Region zerfallen könnten".

Etwas salopper im Ton kommentiert der Moskauer Radiomoderator Sergej Dorenko die Abzugspläne. Sie erinnerten ihn an die Aufführung in einem Kindertheater: Wenn die Hauptfigur von der Bühne verschwindet, könnten nur Kleinkinder ernsthaft glauben, sie werde nicht zurückkommen. In Wahrheit sei sie natürlich immer ganz in der Nähe. Oder wie im Falle Syriens, "ganze zwei Flugstunden entfernt".

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insgesamt 186 Beiträge
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Seite 1
salomonh71d 15.03.2016
1. Syrien-Gambit
Bin gespannt wie die Saudis und Erdogan reagieren :)
Msc 15.03.2016
2.
Man mag die russische Strategie hassen und die Methoden verurteilen, aber aus militärischer und strategischer Sicht können sich die USA und die NATO insgesamt eine Scheibe abschneiden. Rein, Mission durchgeführt, wieder raus. Keine 15jährige Besetzung nur um dann durch Terrorismus und Partisanenaktionen langsam zermürbt zu werden und dann mit eingekniffenem Schwanz abziehen zu müssen während man das Ganze noch gleichzeitig in der heimischen Presse als großen Erfolg lobpreisen muss.
spon_2991031 15.03.2016
3. Westliche Propaganda
Ganz offensichtlich käme es der westlichen Presse nie in den Sinn etwas zu loben was Putin macht. Egal was es ist. In eigener Sache wird gerne mal das Auge zugedrückt sei es bei Menschenrechten oder Völkerrecht. Bei Putin wird besser drei mal hingeschaut und immer noch Kritik hineininterpretiert. Ich war regelrecht belustigt als ich die Reaktion der Amerikaner gestern sah die völlig überrumpelt waren und deren Sprecher bekamen kaum einen Satz raus "Volltreffer". Jetzt kann ja auch der Westen abziehen. Mal schauen.
Ossifriese 15.03.2016
4. Strategie
Zwei Kernsätze des Artikels zum Nachlesen: "...Moskau hat - gegen den Widerstand des Westens - in Syrien Fakten geschaffen..." und "...Lukjanow vermutet, Russlands Strategie könne dem Abzug der Amerikaner aus Afghanistan ähneln: einen Teil der Truppenteile abziehen, aber Stützpunkte und Einfluss auf die Lage im Land behalten." Was sagt uns das? Die Russen haben mit Erfolg eine Strategie der USA nachvollzogen. Und - wenn tatsächlich ein Frieden in Syrien einkehrt, mit viel mehr Erfolg. Verhindern kann das nur die radikal-salafistische "Opposition" in Riad und die Türkei. Aber das wird dann überdeutlich sein.
beegee 15.03.2016
5. Was war nochmal das Ziel?
"Russland zieht seine Truppen teilweise aus Syrien ab, Präsident Putin hat seine Ziele erreicht. Assad ist gestärkt, Moskau hat seine Machtposition im Nahen Osten ausgebaut. Und wird das immer wieder nutzen." ... und der IS, den Putin nie wirklich bekämpfen wollte, ist weiter da. Noch mehr Flüchtlinge haben sich auf sich auf der Flucht vor Diktator Assad auf den Weg gemacht. Und die Putinisten jubeln, als hätte der GröFaz des 21. Jahrhunderts gerade den Weltfrieden erkämpft! Mission accomplished!
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