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Südkoreaner über Kim Jong Un: "Verzogener kleiner Bengel"

Aus Seoul berichtet Heike Sonnberger

Stimmung in Seoul: Heiße Luft aus dem Norden Fotos
SPIEGEL ONLINE

Bluff und heiße Luft: Die Menschen in Seoul sind überzeugt, dass Diktator Kim Jong Un im feindlichen Nachbarland nur so laut tönt, weil er ernst genommen werden will. Die Wiedervereinigung ist nur ein ferner Traum.

Im National Unification Advisory Council in Seoul ist man in diesen Tagen zugeknöpft. Eine zierliche Frau im schwarzen Kostüm eilt über den Steinboden in der Eingangshalle, ein paar Ordner und Hefte drückt sie mit beiden Armen an die Brust. "Wir sind nervös und wollen in dieser angespannten Lage lieber nichts sagen", erklärt sie. "Nordkorea könnte es falsch verstehen." Ihr Institut berät Südkoreas Regierung seit mehr als 30 Jahren in Fragen der Wiedervereinigung.

In den Räumen, die von den braun getäfelten Korridoren abgehen, arbeiten rund 70 Menschen. Ihr Motto: "Ein Volk, ein Traum, ein Korea - die Wiedervereinigung wird geschehen." Das klingt in diesen Tagen besonders abwegig. Diktator Kim Jong Un droht dem Nachbarn und den USA immer schriller mit Krieg, und das ohnehin zerrüttete Verhältnis zum kommunistischen Regime in Pjöngjang ist an einem Tiefpunkt angelangt.

Dass ihre beiden Staaten bald wieder zu einer Nation verschmelzen könnten, glaubt zumindest in Südkoreas Hauptstadt Seoul kaum jemand. "Ich werde das nicht mehr erleben", sagt Grafikdesigner Sung Kuk*, 32. Die politischen und kulturellen Gräben seien zu tief. Außerdem sei Südkoreas Wirtschaft gerade überhaupt nicht in der Lage, den bitterarmen Norden aufzufangen.

Während sich ältere Südkoreaner eine Wiedervereinigung oft wünschen, denken viele Jüngere pragmatisch. "Es könnte Sinn machen, weil Familien wieder zueinanderfänden und unser Land dann größer wäre", sagt eine 24-jährige Koreanerin, die in einem Einkaufsviertel im Stadtzentrum unterwegs ist. So habe sie es in der Schule gelernt. "Aber eigentlich ist es mir egal."

"Für einen Krieg lebt Kim Jong Un viel zu gut"

Dass der Norden tatsächlich einen Krieg beginnen könnte, scheint in der südkoreanischen Metropole, die nur 40 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, niemand zu fürchten. Designerin Sang Jung, 29, und der ein Jahr ältere Sung Hoon waren am Abend mit Freunden etwas trinken. "Wir waren uns einig, es gibt keinen Krieg. Dazu lebt Kim Jong Un viel zu gut", sagt Sang Jung. Der junge Herrscher werde seine Macht und seinen Lebensstil niemals aufs Spiel setzen.

Manche rechnen immerhin mit einem kleineren Angriff wie 2010 auf die südkoreanische Insel Yeonpyeong. "Er wird ein bisschen mit uns spielen", sagt der Geschäftsmann Heung Ho, 63. Auch Ladenbesitzer Hong Soo, 45, der im Stadtviertel Dongdaemun-gu Gummibänder verkauft, kann sich vorstellen, dass Kim Jong Un eine Rakete abfeuert, wenn Südkoreas Regierung weiter einen solch harten Kurs gegen ihn fährt. Aber ein Krieg? Nein, das nicht.

In Südkorea herrscht die Meinung vor, dass sich der junge Kim, der erst vor einem Jahr die Macht übernommen hat, mit seinen Drohgebärden vor allem eins verschaffen will: Respekt. Den zollen ihm hier jedoch die wenigsten. "Verzogener kleiner Bengel", schimpft Sang Jung.

Ältere Menschen bringen manchmal so etwas wie Mitgefühl für den international isolierten und geächteten Herrscher auf. Restaurantbetreiberin Young Suk, 66, hat gehört, dass der Diktator gern Kinofilme schaut, also habe er vielleicht doch ein Herz. Die 53-jährige Byung Im glaubt: "Sein Vater muss in Kim Jong Un ein besonderes Talent erkannt haben, sonst hätte er ihn nicht zum Nachfolger ernannt." Was das für ein Talent sein könnte? Die Verkäuferin überlegt lange. Es fällt ihr keine Antwort ein.

*Alle Gesprächspartner sind lediglich mit Vornamen genannt.

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1.
asdf01 14.04.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBluff und heiße Luft: Die Menschen in Seoul sind überzeugt, dass Diktator Kim Jong Un im feindlichen Nachbarland nur so laut tönt, weil er ernst genommen werden will. Die Wiedervereinigung ist nicht mal mehr ein Traum. http://www.spiegel.de/politik/ausland/was-suedkoreaner-von-der-drohung-aus-dem-norden-halten-a-894005.html
Tut es dass? Falls es auf der der koreanischen Halbinsel tatsächlich explodieren sollte, würde das doch die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, dass sich am Status Quo etwas ändert, als wenn die Geschichte weiterhin jahrzehntelang vor sich hinköchelt. In einem offenen Konflikt würde sich m.E. zum jetzigen Zeitpunkt wohl der Süden + USA durchsetzen. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass China heute dem debilen Kim-Klan nochmal aktiv militärisch beispringen und einen "heißen" Krieg mit den USA riskieren würde. Dafür sind die Chinesen eigentlich viel zu berechnend, denn dass würde ihren wirtschaftlichen Aufstieg ja massiv behindern.
2. ...
Scheidungskind 14.04.2013
Viele Aussagen erinnern an West-Deutschalnd in den 80ern. Nord-Koreas Verhalten aber auch Aussagen wie "verzogener Bengel" erinnern an unbewußte Komplex-Kompensation: Je unsicherer man sich innerlich fühlt, umso selbstbewußter gibt man sich nach außen.
3.
Sleeper_in_Metropolis 14.04.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBluff und heiße Luft: Die Menschen in Seoul sind überzeugt, dass Diktator Kim Jong Un im feindlichen Nachbarland nur so laut tönt, weil er ernst genommen werden will. Die Wiedervereinigung ist nicht mal mehr ein Traum. http://www.spiegel.de/politik/ausland/was-suedkoreaner-von-der-drohung-aus-dem-norden-halten-a-894005.html
Wieso das ? Die Wiedervereinigung ist doch heute näher denn je. Wenn der Streit militärisch eskaliert und es zu einem "echten" Krieg kommt, wird das Kim-Regime diesen so oder so höchstwahrscheinlich nicht überleben. Mit den Nachfolgern ist dann eine Wiedervereinigung wesentlich wahrscheinlicher als es das unter den Kims je war.
4.
saarpirat 14.04.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBluff und heiße Luft: Die Menschen in Seoul sind überzeugt, dass Diktator Kim Jong Un im feindlichen Nachbarland nur so laut tönt, weil er ernst genommen werden will. Die Wiedervereinigung ist nicht mal mehr ein Traum. http://www.spiegel.de/politik/ausland/was-suedkoreaner-von-der-drohung-aus-dem-norden-halten-a-894005.html
Wiedervereinigung? Die Südkoreaner haben sich sehr genau angeschaut, wie das in Deutschland abgelaufen ist und was uns das gekostet hat. Und verglichen mit Nordkorea haben wir in der DDR bereits blühende Landschaften vorgefunden. Außerdem war die Bundesrepublik im Verhältnis zur DDR sehr viel größer und Bevölkerungsreicher, als das bei Süd- und Nordkorea der Fall ist. Eindeutig: Die könnten sich das nie leisten.
5. koreanische Familiennamen
phboerker 14.04.2013
" Alle Gesprächspartner sind lediglich mit Vornamen genannt." Soll das der Anonymität der Gesprächspartner dienen? Das wäre ein wenig albern, weil sowieso die meisten Koreaner Kim, Shin oder Lee heißen...
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Nordkorea: Trip zur gefährlichsten Grenze der Welt

Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 25,027 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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