Washington feiert Obama: "Halleluja, wir haben's geschafft!"

Von Marc Pitzke, Washington

Was für eine Party: Zwei Millionen Menschen feierten Obamas Amtseinführung mit Jubelschreien, Glückstränen, Freudentänzen. Dieser Tag war ein radikaler Bruch, der zum neuen Präsidenten passt - aus einer pompösen Zeremonie wurde ein Volksfest, bei dem die Bürger nicht mehr Zaungast waren.

Als alles gesagt ist, als Barack Obamas letzte Worte über der Mall verhallen, der Prachtmeile Washingtons, als sich die Tribünen leeren und die mehr als eine Million Schaulustigen auf den Heimweg machen, erst da sinkt Grace Whitmore auf ihren Klappstuhl. Stundenlang hat die 73-Jährige, die aus New Orleans mit dem Bus angereist ist, aufrecht gestanden, zu nervös, um sich zu setzen.

"Halleluja, wir haben's geschafft", ruft sie schließlich und lächelt durch ihre trocknenden Tränen. "Jetzt kann ich in Ruhe alt werden."

Sie schaut über eine atemberaubende Kulisse. Vor Whitmore knattern die 50 Sternenbanner im Eiswind, die das Washington Monument umringen, den Obelisken zu Ehren des ersten US-Präsidenten. Hinter ihr im fernen Dunst thront das Marmordenkmal Abraham Lincolns, der die Sklaverei abschaffte. Und am anderen Ende der Mall, vor der Westfassade des Kapitols, hat gerade der 44. US-Präsident seinen Amtseid abgelegt, als erster Schwarzer.

"Jetzt endlich", sagt Whitmore, die den dramatischen Moment über einen der vielen Jumbo-Monitore entlang der Mall verfolgt hat, "verstehe ich das Besondere dieses Ortes wirklich." Und dann muss sie auch schon wieder heulen.

Tränen sind sehr selten bei Amtseinführungen von US-Präsidenten - genauso die Freudentänze, die an diesem Tag bei diesen Obama-Festspielen immer wieder zu sehen waren.

Eigentlich ist die Inauguration in der Regel eine distanziert-pompöse Affäre, bei der der Bürger Zaungast bleibt. Diesmal aber ist, wie schon im fulminanten Wahlkampf des vergangenen Jahres, alles anders.

Obamas Vereidigung wird zum Jubelfest der YouTube-Generation: vom Volk, für das Volk, mit dem Volk - ganz nach Wunsch des neuen Bewohners im Weißen Haus, der mit einer historisch hohen Popularitätsquote von 80 Prozent antritt.

So ist die prachtvolle Zeremonie im Schatten des Kapitols, mit ihren Blechbläsern, Märschen, Gedichten und multikonfessionellen Gebeten ("Yeshua, Issa, Jesús, Jesus", ruft Pastor Rick Warren) denn auch nur das Sahnehäubchen - "pomp and circumstance", wie sie hier sagen. Die wahre Musik spielt dort, wo Obamas Aufstieg begann: bei den Hunderttausenden in den Straßen, den Plätzen und den Parks - die größte Menschenmenge, die die US-Hauptstadt zu einem solchen Anlass je gesehen hat.

Völkerwanderung in die Innenstadt

Das bahnt sich schon im Morgengrauen an, als die fahle Sonne langsam über die Dächer steigt und einen eisigen, leicht verhangenen Himmel preisgibt. Viele Wohnviertel ruhen noch still, nur aus der Ferne sind Polizeisirenen zu hören. Vögel zwitschern, als sei es Frühling und nicht tiefster Winter, bei minus sieben Grad Celsius.

Doch schon bald füllen sich die Gehwege, dann die Straßenpflaster, dann die Mauern, Treppen, Laternen. Wie eine Völkerwanderung strömen die Menschen gen Innenstadt, einzeln, in Pärchen, in kleinen und großen Gruppen. Die ersten sind schon um vier, fünf Uhr früh losmarschiert, um einen guten Platz zu bekommen. Schließlich verschmelzen sie alle zu einem Meer aus wippenden Körpern, Parkas und Fellmützen, so weit das Auge reicht.

Einige haben "Hotties" in der Tasche, Handschuhöfchen aus Holzkohle und Eisenpulver, die fliegende Händler hier überall feilbieten, zwei für fünf Dollar ("öffnen, schütteln, aufwärmen"). Andere haben sich in US-Flaggen gehüllt, tragen Obama-Mützen, Obama-Schals, sogar Obama-Fäustlinge.

Leon Vaughn, 65, aus New Jersey trägt eine Original-Soldatenuniform aus dem Bürgerkrieg. Und zwar nicht irgendeine, sondern die des 54th Massachusetts Volunteer Infantry Regiments - eine der ersten schwarzen Einheiten in der US-Armee, die damals die meisten Gefallenen zu verzeichnen hatten.

"Mehr als 210.000 Schwarze dienten in der Armee der Nordstaaten", doziert Vaughn, der einst im rassengetrennten Virginia aufwuchs. "Die Geschichte hat sie völlig vergessen." Regelmäßig stellt er deshalb mit Freunden die Schlachten jener Zeiten nach, in liebevoll rekonstruierten Kostümen - und jetzt sind sie eben auch nach Washington gekommen, um selbst Teil der jüngsten Geschichte zu werden. "Auch wenn Obama nur halb schwarz ist", sagt Vaughn. "Es ist ein unglaublicher Moment."

Das merkt man auch daran, dass die Verkaufsständer der Morgenzeitungen am Straßenrand längst leergekauft sind. Nur die Titelseiten bleiben hängen: "Obamas Moment ist gekommen" ("Washington Post"), "Auf der Schwelle der Geschichte" ("New York Times") - oder einfach nur "Geschichte" ("Politico").

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  • Dienstag, 20.01.2009 – 23:36 Uhr
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