Web for Peace Widerstand gegen "Brainwashington"

Weltweit wächst die Wut über die Kriegspolitiker und Hirnwäscher im Weißen Haus. "Der Ekel, angelogen zu werden", veranlasst auch Hunderttausende junger Amerikaner, sich zur Wehr zu setzen. Wichtigste Waffe der neuen "Internationale des Friedens" ist das Internet.

Von Jochen Bölsche


Studenten-Proteste in den USA: "Make law not war"
AP

Studenten-Proteste in den USA: "Make law not war"

Sie fordern, anders als einst die Blumenkinder in den Zeiten des Vietnamkrieges, nicht mehr "Make love not war". Unmut und Wut über die Absichten der Washingtoner Rechtsregierung, internationales Recht zu brechen, um einen Angriffskrieg zu führen, haben eine ganz neue Protestparole entstehen lassen: "Make law not war."

Der Widerstand gegen Bushs Versuch, die "Stärke des Rechts durch das Recht des Stärkeren zu ersetzen" (Gerhard Schröder), hat Millionen auf die Straßen getrieben - auch in den Vereinigten Staaten. Die Protestbewegung in den USA, urteilte jüngst der amerikanische Historiker Maurice Issermann, sei schon jetzt stärker als zur Zeit des Vietnamkriegs: Damals habe es "mehrere Jahre gedauert, bis man zu diesem Punkt kam, wo wir heute sind, obwohl schon Soldaten im Feld starben".

Ein Terrorkrieger als Terrorgewinnler?

Gemeinsam sei "sehr vielen" der neuen Friedensdemonstranten "der Überdruss, der Ekel, angelogen zu werden", bemerkte die Schweizer "Wochen-Zeitung". Tatsächlich vergeht kein Tag, an dem kritische US-Medien nicht auf Fakten stoßen, die Bushs Motive zunehmend zweifelhaft erscheinen lassen.

Dass bei den meisten derzeitigen Regierungsmitgliedern eine Verquickung von politischem Amt und geschäftlichem Interesse nachweisbar ist, war seit längerem bekannt. Anfang dieser Woche aber enthüllte der Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh im "New Yorker" einen ganz besonders spektakulären Filz-Fall.

Im Mittelpunkt steht Richard Perle, der dem einflussreichen "Defense Policy Board" (DPB) vorsteht und der im rechtskonservativen Think Tank "Project for a New American Century" seit Jahren auf einen Krieg gegen den Irak drängt.

Korrespondenz mit dem Krösus aus dem Morgenland

Perle hat seine Finger nicht nur in bislang unbekanntem Ausmaß im Mediengeschäft, etwa als Direktor der rechtskonservativen "Jerusalem Post". Der Erzfalke sei, schreibt Hersh, außerdem "managing partner" einer Firma namens Trireme Partners L. P., die zwei Monate nach dem tragischen 11. September 2001 in Delaware gegründet worden sei. Zweck des Unternehmens: Mitzuverdienen an der Angst vor Krieg und Terror.

In einem Brief an den in Saudi-Arabien geborenen Multimilliardär und Waffenhändler Adnan Kashoggi habe Trireme im November 2002 als Hauptbetätigungsfeld angegeben, in Firmen zu investieren, die Produkte und Dienstleistungen für "Heimatschutz und Verteidigung" anbieten. Die "Angst vor Terrorismus", heißt es laut "New Yorker" in dem Brief an den Krösus aus dem Morgenland, werde die Nachfrage nach derartigen Produkten erhöhen.

Ein Kriegstreiber als Kriegsgewinnler, ein Terrorbekämpfer als Terrorprofiteur? Als sei dieser Ruf nicht schon schlimm genug, reagierte Perle in einem CNN-Interview mit einer rüden Beschimpfung des renommierten Journalisten: Hersh stelle "die engste Verbindung" dar, "die der amerikanische Journalismus mit einem Terroristen hat".

Feuer frei auf freie Journalisten?

Wenige Tage später wurde publik, wie groß auch im Pentagon - dem Perles Defense Policy Board zuarbeitet - die Angst vor unabhängigem Journalismus sein muss. Wie die populäre BBC-Kriegskorrespondentin Kate Adie publik machte, will das US-Militär im Irak nur handverlesene Journalisten sehen. Unabhängige Reporter, die sich abseits des US-Trosses bewegen und ihre Berichte per Satellitentelefon in die Heimatredaktionen übermitteln, müssten damit rechnen, von der amerikanischen Luftwaffe unter Feuer genommen zu werden.

Startender Jet auf der "USS CarlVinson": "Sie waren gewarnt"
REUTERS

Startender Jet auf der "USS CarlVinson": "Sie waren gewarnt"

Denn wann immer Kampfflieger Signale von Satellitentelefonen entdeckten, zitiert Kate Adie einen "Senior Officer" aus dem Pentagon, würden sie die Quelle unter Beschuss nehmen. Freie Journalisten, die sich in den Irak begeben hätten, seien darauf hingewiesen worden: "Well ... they know this, they've been warned."

Der von den USA angestrebte "news blackout" sei eine massive Bedrohung der Pressefreiheit, urteilt die erfahrene Reporterin, die bereits aus dem letzten Golfkrieg berichtet hat. Auf die Ausschaltung kritischer Journalisten ziele auch die Auslesepraxis des Pentagon: Kriegsskeptikern werde diesmal die Akkreditierung verweigert.

"The best and the brightest"

Während auch in den USA das Vertrauen in viele der Mainstream-Medien schwindet und die Angst wächst, Opfer gezielter Desinformation der Bush-Administration zu werden, haben einige junge Amerikaner - vielleicht "the best and the brightest" ihrer Generation - damit begonnen, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, um all die Krähen und Falken aufzuscheuchen, die derzeit am Potomac nisten.

Ihr wichtigstes Werkzeug zur Informationsbeschaffung und zur Verbreitung unzensierter Nachrichten ist das Internet.

Zu Zehntausenden rufen US-Bürger bereits europäische Websites auf, etwa die Online-Ausgaben irischer Zeitungen oder englischer Rundfunkstationen. "BBC Online" beispielsweise registriert neuerdings 50 Prozent Besucher aus den USA. "US public turns to Europe for news", meldet das Medienmagazin "dot journalism".

In deutschen Online-Redaktionen gehen Bitten junger Amerikaner ein, Bush-kritische Texte übersetzen und Freunden daheim zugänglich machen zu dürfen - "weil die amerikanische Presse so eine Story nie bringen würde", wie eine Susan mailt, und weil US-Zeitungen "hauptsächlich das Standpunkt der am. Regierung" vertreten, wie einer namens John radebrecht.

Wenn die Wahrheit online geht

Während sich US-User auf der Suche nach "unverfälschten News" von den manipulationsanfälligen heimischen Massenmedien abwenden, rechnet der deutsche Fachinformationsdienst "intern.de" bereits mit einem Umschwung in der Medienwelt: Bei der Meinungsbildung über aktuelle Ereignisse scheine die großenteils im Gleichschritt marschierende US-Presse "an 'Impact' einzubüßen" und das Internet "eine wesentlich wichtigere Rolle (zu) spielen als bislang angenommen".

Deutschlands Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher sieht sogar Veränderungen von historischem Ausmaß. "Der Eintritt in die Informationsgesellschaft hat dazu geführt, dass eine Weltmeinung entsteht. Die Menschen in allen Teilen der Welt haben Zugang zu denselben Informationen", schrieb der Liberale diese Woche in einer Zeitungskolumne.

Folge, so der Liberale: "Abgrenzungsmaßnahmen gegen Informationen sind kaum noch wirksam. Das erklärt die übereinstimmende Mehrheitsforderung nach weiteren Inspektionen im Irak auch in den Ländern, in denen die Regierungen sich längst für einen militärischen Einsatz entschieden haben."

Natürlich gibt es auch - und gerade - in den USA selber etliche Websites, die sich der Aufgabe verschrieben haben, unterdrückte Nachrichten zu verbreiten.



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