Aserbaidschan Israels Freund vor Irans Haustür

Die schiitische Ex-Sowjetrepublik Aserbaidschan grenzt an die Islamische Republik Iran - und arbeitet eng mit Israel zusammen. Es geht um Öl, Hightech-Waffen und Militärausbildung. Eine brisante Allianz.

Azerbaijan Presidency/ Vugar Amrullayev/ Anadolu Agency/ Getty Images)

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Israels Armee hat in der vergangenen Woche ein Foto veröffentlicht, das einen 100 Millionen Dollar teuren F-35-Kampfjet über Beirut zeigt. Wann das Tarnkappenflugzeug über die libanesische Hauptstadt flog, ist nicht bekannt.

Die Botschaft hinter dem Bild ist jedoch klar: Israel kann sich frei im libanesischen Luftraum bewegen, obwohl in dem Land de facto die von Iran finanzierte und ausgebildete Schiitenmiliz Hisbollah herrscht. Die Regierung in Jerusalem hat mit dem Flug und der Veröffentlichung des Bildes ein starkes Signal an das Regime in Teheran gesandt, mit es einen aggressiven Schattenkrieg in Syrien führt.

Und dann sandte Israel gleich noch eine Botschaft an Iran, am 14. Mai, da aber auf diplomatischerem Wege: Während die USA anlässlich des 70. Gründungsjubiläums des jüdischen Staates ihre Botschaft in Jerusalem einweihten und es an der Grenze zum Gazastreifen zu gewaltigen Protesten kam, traf der Tageszeitung "Haaretz" zufolge erstmals eine hochrangige Ministerdelegation aus Aserbaidschan mit Ze'ev Elkin, Mitglied im Kabinett von Premier Benjamin Netanyahu, zusammen. Offiziell ging es um eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Nominell ist Elkin als Minister für den Umweltschutz in Israel verantwortlich. Er spricht fließend Russisch, wuchs in der Ukraine auf und ist immer dann zur Stelle, wenn Israel mit Ex-Sowjetstaaten spricht. Erst zu Monatsbeginn begleitete er Netanyahu nach Moskau, wo beide hinter verschlossenen Türen mit Präsident Wladimir Putin über die Lage in Syrien und den Konflikt mit Iran diskutierten.

Aserbaidschan - ein Land, eine Familie

Aserbaidschan grenzt an Iran und wie in der Islamischen Republik sind die Mehrheit der rund neun Millionen Einwohner Schiiten. Politik ist dort Familiensache. Präsident Ilham Alijew, zehnfacher Ehrendoktor, mutmaßlich Milliardär und seit 2003 Präsident der Kaukasusrepublik, hat das Amt von seinem Vater geerbt, einem KPdSU-Kader.

Wenn Alijew verhindert ist, übernimmt die Vizepräsidentin - seit 2017 ist das seine Ehefrau Mehriban. Der Clan herrscht de facto seit 1989 über Aserbaidschan und hat das Land seither strategisch positioniert.

Ilham Alijew
AFP

Ilham Alijew

Die Formel 1 trägt Rennen in Baku aus, 2012 machte der Eurovision Song Contest in der Hauptstadt halt und ein Museum of Modern Art gibt es dort. Auch die sogenannte Kaviar-Diplomatie sorgt immer wieder für Aufsehen. Zuletzt wurden aktive und ehemalige Mitglieder des Europarats angeblich von den Herrschern in Baku bestochen, darunter auch eine CDU-Abgeordnete. (Lesen Sie hier mehr) Ein Fall, so transparent wie Milchglas.

"Neun Zehntel unserer Beziehungen liegen im Verborgenen"

Seit 1992 unterhält Israel Beziehungen zu Aserbaidschan, sie sind ähnlich undurchsichtig. WikiLeaks veröffentlichte vor Jahren eine US-Depesche, der zufolge Alijew das Verhältnis Baku-Jerusalem als "Eisberg" beschrieb: "Neun Zehntel unserer Beziehungen mit Israel liegen im Verborgenen."

Bekannt ist, dass Israel seit 1993 offiziell eine Botschaft in Baku unterhält. Aserbaidschan hat offiziell keine Botschaft in Israel, soll seine diplomatischen Geschäfte aber über das Büro seiner Staats-Airline in Tel Aviv abwickeln.

Israel erhält fast die Hälfte seines Öls über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline aus der Kaukasus-Republik - und beide Länder arbeiten in Sicherheitsfragen eng zusammen. In den vergangenen Jahren schmilzt der Eisberg zunehmend.

Horchposten im Hinterhof von Iran

Einer Studie der Universität Tel Aviv zufolge lieferten israelische Rüstungsfirmen in den vergangenen Jahren konventionelle Waffensysteme ebenso wie Drohnen nach Baku, bildeten Spezialeinheiten aus und bauten das Sicherheitssystem am Flughafen der Hauptstadt auf. Alijew selbst erklärte während eines Besuchs von Netanyahu 2016, das Gesamtvolumen der Geschäfte belaufe sich auf fünf Milliarden Dollar.

Und dann sind da noch die Geheimdiensttätigkeiten in Baku. Die Hauptstadt gilt als Hotspot für Agenten aus aller Welt. Israels Interesse an Aserbaidschan ist aufgrund seiner Nähe zu Iran offensichtlich. Die Regierung in Jerusalem dürfte versuchen, das Land als Horchposten im Hinterhof der Islamischen Republik zu nutzen. Mindestens.

Denn offen ist etwa, wie es den Agenten des Mossad im Januar gelang, das iranische Atom-Archiv in Teheran zu stehlen - und außer Landes zu schmuggeln. Wahrscheinlich scheint, dass der Auslandsgeheimdienst die Fracht über ein Drittland nach Israel brachte, das an Iran grenzt. Aserbaidschan, Armenien, die Türkei, Afghanistan, Turkmenistan, Pakistan und der Irak grenzen an Iran. Mit den ersten drei Ländern unterhält Israel Beziehungen, mit der Regierung in Baku die besten.


Zusammengefasst: Israel liefert sich mit Iran einen Schattenkrieg - in Syrien, im Libanon und forciert in den vergangenen Jahren auch die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Aserbaidschan. Das muslimische Land grenzt an die Islamische Republik und ist damit der ideale Horchposten im Hinterhof von Teheran.

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