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19. Juli 2015, 10:51 Uhr

Porträt eines griechischen NS-Opfers

Der deutsche Fluch

Von und

Als Kind dachte Giannis Syngelakis, dass Frauen immer Schwarz tragen. Sein Vater wurde mit Hunderten anderer bei einem NS-Massaker auf Kreta ermordet. Der Verlust hat Syngelakis' Leben geprägt.

Ein Korb voller Eier - das ist die erste klare Erinnerung im Leben von Giannis Syngelakis. Der Siebenjährige trägt sie zum Dorfplatz. So wie es ihm seine Eltern aufgetragen haben. Andere Einwohner bringen Brot, Wein oder Ouzo. Damit wollen sie die Deutschen milde stimmen. Es ist der 14. September 1943, der Tag der Kreuzerhöhung, ein hohes Fest für orthodoxe Christen.

Im Zentrum von Ano Viannos, einer Bergsiedlung im Südosten Kretas, trifft der Junge auf Wehrmachtssoldaten. Mehr als 2000 von ihnen stehen im Dorf. Sie sagen, die Bewohner hätten nichts zu befürchten. Und diese glauben ihnen.

Niemand kann sich vorstellen, dass an einem so hohen Feiertag etwas Schlimmes geschehen wird.

Wenige Tage zuvor haben griechische Partisanen drei Soldaten der Wehrmacht im nahe gelegenen Kato Simi getötet. Die schickte daraufhin zwei Infanteriekompanien.

Doch die Guerillas überraschten sie mit einem Hinterhalt. Das Gefecht dauerte viele Stunden. Am Ende sind ein Dutzend deutsche Soldaten tot.

Zwei Tage später in Ano Viannos: Der kleine Giannis hat mit seinem Korb den Dorfplatz erreicht. Dort ziehen Soldaten eine Linie, die niemand übertreten darf, erzählt der heute 79-Jährige. Auf der einen Seite müssen sich die Männer aufstellen. Auf der anderen die Frauen und Kinder.

Plötzlich taucht Giannis' Mutter auf. Vom Vater und dem Onkel, die nachkommen wollten, keine Spur. "Sie weinte, ihre Haare waren völlig durcheinander", erzählt Giannis Syngelakis. Seine Stimme bricht. "Sie sagte: Komm, mein Sohn. Dein Vater ist getötet worden."

Die Deutschen hatten Aristomenis Syngelakis und dessen Bruder zu Hause überrascht. Seine schwangere Frau schließen sie ein, zur Warnung schießen sie in einen Fensterrahmen. Was dann geschieht, wird die Familie für immer verändern.

Die Soldaten töten Giannis' Vater und den Onkel. An einem kleinen Bach neben dem Haus mähen sie Aristomenis Syngelakis mit Maschinengewehrsalven nieder. Die Kugeln zerfetzen den Körper. "Wir konnten nicht einmal seinen Kopf finden." Der Onkel stirbt durch zahlreiche Bajonettstiche.

Aristomenis Syngelakis hat als fahrender Händler gearbeitet, ein Partisan war er nicht. Der 33-Jährige hatte sich in die Berge geflüchtet und war nach den Beteuerungen der Deutschen aus seinem Versteck gekommen. Offenbar hoffte er, dies werde die Besatzer besänftigen.

Während Mutter und Sohn in die Berge fliehen, hören sie Schüsse. Die Soldaten haben die versammelten Männer an einer Steinmauer aufgestellt und töten sie mit zwei Maschinengewehren. Unter den Opfern sind Männer jeden Alters, sogar ein Gelähmter, berichtet Giannis Syngelakis.

Insgesamt werden in Viannos und umliegenden Dörfern Schätzungen zufolge mehr als 400 Menschen ermordet. Außer Syngelakis' Vater sterben auch sein Großvater und drei Onkel. Ein weiterer Onkel überlebt die Massenerschießung nur, weil er unter Leichen versteckt liegt.

Nachdem die Deutschen ihr Werk vollendet haben, bedienen sie sich am Essen und Wein, den die Dorfbewohner gebracht hatten. Sie essen, trinken, tanzen zur Musik aus einem Grammofon. Und sie äffen den Ruf 'Panagitza mou!' nach, 'Meine Mutter Gottes'. Damit beklagen die Frauen den Tod ihrer Männer.

Hitlers Bandenbefehl und ein 'Tagesziel'

Was an jenem Tag passiert ist, wird Giannis Syngelakis erst Jahrzehnte später begreifen können. Dabei hilft ein Telegramm, das der Historiker Martin Seckendorf im Bundesarchiv entdeckte. Es ist als "Geheim!" gestempelt, wurde am Abend des 14. September aufgenommen und ging an den "Kommandanten der Festung Kreta".

In der Großansicht: Das komplette Fernschreiben

Die 22. Infanterie-Division berichtet unter dem Eintrag "Betr.: Unternehmen Wianos":

"Tagesziele nicht ganz erreicht. Bisher sind 280 Griechen auf der Flucht erschossen. Kato Simi und Pefki sind niedergebrannt. Die männliche Bevölkerung von Ano Wianos wurde festgenommen. Jetzt wurden insgesamt 310 Mann festgenommen."
Das Massaker in Viannos wurde geplant wie andere Vergeltungsaktionen, mit denen die Wehrmacht Europa terrorisierte. Die Behauptung, Opfer hätten flüchten wollen, war eine beliebte Tarnung für Hinrichtungen. Die deutschen Täter mussten keine Verfolgung fürchten, ganz im Gegenteil. Hitlers sogenannter Bandenbefehl vom 16. Dezember 1942, der auch in Griechenland galt, befahl ausdrücklich Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung:

"Wenn dieser Kampf gegen die Banden... (die Partisanen) ...nicht mit den allerbrutalsten Mitteln geführt wird, so reichen in absehbarer Zeit die verfügbaren Mittel nicht mehr aus, um dieser Pest Herr zu werden. Die Truppe ist daher berechtigt und verpflichtet, in diesem Kampf auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt."

Der Opferfluch

Vielen der gottesfürchtigen Kreter erscheint das Massaker wie ein Schicksalschlag. Die Halbwaise Giannis und seine Familie gelten nun als verflucht und werden gemieden.

Früher hat Syngelakis' Taufpate ihn am Neujahrstag stets in sein Haus geholt. In Griechenland gilt es als gutes Omen, wenn am 1. Januar als erstes ein Kind die Türschwelle überquert. Nach dem Massaker wird Giannis Syngelakis nie wieder eingeladen. "Wir wurden von allen verachtet. Niemand hat je ein gutes Wort für uns eingelegt." Dabei hat der Verlust weite Teile des Dorfes getroffen. Der Junge wächst heran zwischen Witwen in schwarzer Trauerkleidung. "Ich dachte, das tragen Frauen immer."

Syngelakis' Mutter Despina, zum Zeitpunkt des Massakers 35 Jahre alt, bleibt den Rest ihres Lebens allein. Nächtelang hört der Sohn sie weinen, doch tagsüber kämpft sie für ihre Kinder.

Syngelakis selbst tut alles, um eine gute Ausbildung zu erhalten. Ein unerschwingliches Schulbuch stottert er mit 70 Eiern ab, beim Militär schließt er sich stundenlang auf der Toilette ein, um zu lernen.

Syngelakis wird Lehrer, Direktor, schließlich Leiter eines Schulbezirks. Er macht sieben Uni-Abschlüsse, den letzten mit 52 Jahren. Wenn Prüfungsergebnisse ausgehängt werden, fragt Syngelakis seine Kommilitonen, ob sein Namen wirklich unter "bestanden" steht. So überzeugt ist er, dass sein Leben zum Scheitern verurteilt ist.

Die Erinnerung kommt immer wieder. Wenn im Fernsehen Deutsch gesprochen wird, verlässt Syngelakis' Mutter noch Jahrzehnte später das Zimmer. Dem Sohn geht es ähnlich. "Für mich stand jeder Deutsche für den Mann, der meinen Vater ermordet hatte."

Eine Begegnung verändert das Bild

Im Herbst 2013 lernt Syngelakis den Bremer Rechtshistoriker Christoph Schminck-Gustavus kennen. Der spricht Griechisch, beschäftigt sich seit Langem mit NS-Verbrechen und verbrachte drei Jahre im Land, um Zeitzeugen zu befragen. Eingeladen hatte ihn Syngelakis' Sohn, der in einem Verband der NS-Opfer von Viannos aktiv ist. "Diese Begegnung hat das Deutschlandbild meines Vaters verändert", sagt der 44-Jährige.

Es ändert sich noch mehr, als Bundespräsident Joachim Gauck das Dorf Lingiades besucht. Dort hatte die Wehrmacht kurz nach den Morden von Viannos gewütet. Auch hier war der Auslöser ein Kampf mit Partisanen, für den Zivilisten bestraft wurden.

Gauck entschuldigt sich für die deutschen Verbrechen. Der junge Syngelakis ist dabei, ebenso sein Onkel, mit dem Despina Syngelaki-Iliaki zum Zeitpunkt des Massakers schwanger war. Beide Männer heißen Aristomenis, wie ihr ermordeter Vater und Großvater. Sie danken Gauck persönlich für seine Worte. Auf einem Transparent aber fordern sie mehr: "Gerechtigkeit und Wiedergutmachung!" Doch die Bundesregierung hält das Thema Entschädigungen für erledigt.

Griechenland hat tatsächlich Reparationen erhalten, individuelle Entschädigungen für die Überlebenden von Viannos, Lingiades, Distomo und zahlreichen anderen Massaker gab es nie. Das Interesse in Deutschland war lange Zeit gering. Schminck-Gustavus konnte seine Bücher zunächst nur auf Griechisch herausbringen - in Deutschland fand sich kein Verlag.

Weil Deutschland an andere Staaten und Opfergruppen Milliarden ausgezahlt hat, ist es für deutsche Politiker heute leicht, die griechischen Forderungen nur als Teil eines Pokers um Finanzhilfen darzustellen, der beim jüngsten EU-Gipfel einen dramatischen Höhepunkt fand.

Als Gauck kürzlich das Thema Reparationen noch einmal ansprach, war der Widerspruch deutlich. Der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber empfahl, die Griechen sollten "mehr Kraft aufwenden, ihr Land voranzubringen, als in den Archiven wegen angeblicher Kriegsschulden zu wühlen".

Für einen Mann wie Giannis Syngelakis muss das wie Hohn klingen. Die Hinterbliebenen fordern nicht erst seit der Schuldenkrise Entschädigungen. Die erste Opfervereinigung Griechenlands wurde unmittelbar nach Kriegsende gegründet.

"Ich akzeptiere nicht, dass man uns Bettler nennt", sagt Giannis Syngelakis am Ende eines langen Gesprächs in einem Athener Café. "Wir sind stolze und fleißige Menschen!" Mehrfach hat ihn die Trauer übermannt, doch sein Taschentuch hält er in der geballten Faust. Es gehe nicht ums Geld, sagt er. "Wir brauchen Reparationen, weil diese Leute irgendwann bestraft werden müssen - damit sie es nicht wieder tun." Das wäre für ihn eine wichtige Gewissheit.

Die Sorge, er sei verflucht, ist Syngelakis seit dem Massaker nicht mehr losgeworden: "Ich habe seitdem nie wieder jemanden an Neujahr zu Hause besucht. Denn ich dachte selbst, dass ich Unglück bringe."

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