Wehrtechnik made in Germany Moskau liebäugelt mit dem Leo

500 Milliarden Euro will der Kreml für moderne Waffen ausgeben - aber die eigene Industrie kann die gewünschte Qualität oft nicht liefern. Also geht Moskau auch in Deutschland auf Einkaufstour. Der Heereschef würde am liebsten den heimischen T-90 gegen deutsche Leopard-Panzer tauschen.

Von , Moskau

dapd

Russland besitzt einige der größten Rüstungsschmieden der Welt. 175 Kampfpanzer vom Typ T-90 hat allein das Werk Uralwagonsawod im Jahr 2008 hergestellt, laut Angaben des Fachbulletins "Moscow Defence Brief" mehr als jeder andere Hersteller auf der Welt. Der T-90 ist Russlands Exportschlager: Knapp zwei Drittel der Produktion wurden 2008 an Algerien und Indien verkauft.

Ende der vergangenen Woche dann enthüllte das Unternehmen, wie es auch weiterhin Russlands Verteidigungs- und Finanzkraft zu stärken gedenkt. Noch im September 2011 soll der neue Panzer T-90AM der Öffentlichkeit präsentiert werden. Mit einer "Maschine der nächsten Generation", wie Firmenchef Oleg Sienko schwärmte, hat der Panzer jedoch wenig zu tun. Mit neuem Gefechtsturm, verbessertem Schutz und Überwachungstechnik gilt neue Panzer in Fachkreisen nur als leidlich modernisierte Version des alten T-90.

Kritiker in der Armee und im Moskauer Verteidigungsministerium dürfte das kaum besänftigen. Heereschef Alexander Postnikow klagte zuletzt, die Produktqualität von Russlands Waffenschmieden liege nicht nur hinter Nato-Standards zurück, sondern werde sogar von China übertroffen. Der T-90, wetterte der General, sei nur die "17. Modifikation des sowjetischen T-72" den Russland bereits seit 1972 produziert. Dann lobte der Militär, der kurz zuvor zu Gesprächen in Berlin geweilt hatte, den deutschen Leopard-II-Panzer. Statt 118 Millionen Rubel, umgerechnet drei Millionen Euro, für den eigenen T-90 zu bezahlen sei es "einfacher, wenn wir für dieses Geld drei Leopard kaufen würden", sagte Postnikow.

"Vernichtung des Patriotismus"

Die Vorstellung, Moskaus Armee könne mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Sieg über Nazi-Deutschland auf Panzer made in Germany umsteigen sorgte für Empörung in Russland. Im Internet warnten Blogger vor einer "Vernichtung des Patriotismus".

Zwar gilt es als höchst unwahrscheinlich, dass Russland ernsthafte Kaufinteressen für den Leopard hegt, zumal der deutsche Panzer - anders als von Heereschef Postnikow behauptet - in Wahrheit deutlich teurer ist als sein russisches Pendant.

Doch bei der Modernisierung seiner Streitkräfte setzt der Kreml erkennbar auf Waffenschmieden aus Westeuropa - darunter auch deutsche Wertarbeit.

In den kommenden Jahren will Russland den Anteil moderner Ausrüstung von derzeit nur 15 auf 70 Prozent steigern. Beim Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall kauft Moskau deshalb Panzerungen für Fahrzeuge. Zudem helfen die Deutschen bei der Modernisierung des Truppenübungsplatzes Mulino, rund 300 Kilometer nordöstlich der russischen Hauptstadt. Verhandlungen über einen Kauf deutscher Brückenlegepanzer bei einem deutschen Konzern blieben dagegen vor zwei Jahren erfolglos.

"Wie in einem Mercedes oder Volkswagen"

"Unsere Rüstungsbranche hinkt seit Jahren den Vorgaben der Regierung hinterher", schimpft Moskaus führender Rüstungsanalytiker Ruslan Puchow. Selbst Uralwagonsawod-Chef Sienko musste 2009 einräumen, in einem Panzer westlicher Bauart sitze man wie "in einem Mercedes oder Volkswagen", während im Inneren der eigenen Produkte "überall Schläuche herumhängen".

Tatsächlich konnte Russland die jüngsten drei staatlichen Rüstungsprogramme nie erfüllen. Von 116 in Auftrag gegebenen Kampfjets wurden bislang nur 22 in Dienst gestellt, von 25 Schiffen drei. Auch weil jahrelang auf Investitionen in Fabriken und die Entwicklung moderner Technologien verzichtet wurde, können Russlands Rüstungsschmieden mit den rasant wachsenden Ambitionen der russischen Führung nicht mehr Schritt halten. Bis 2020 will Premier Wladimir Putin 19 Billionen Rubel für neue Waffen ausgeben, umgerechnet knapp 500 Milliarden Euro. Das entspräche dem 16-fachen des Jahreshaushalts des deutschen Verteidigungsministeriums. Neben 600 neuen Flugzeugen will Russland auch 100 Kriegsschiffe, 1000 Helikopter und acht Atom-U-Boote der "Borei"-Klasse in Dienst stellen. Moskau verhandelt zudem mit Paris über den Kauf von Hubschrauberträgern des Typs Mistral.

Hintergrund der russischen Rüstungsoffensive sind Bestrebungen für eine umfassende Armeereform. Aus der hochgerüsteten, aber schwerfälligen Truppe sollen flexibel einsetzbare Einheiten geformt werden. Die "militärischen Konflikte der Zukunft entstehen schnell, entwickeln sich schnell und enden schnell" hat Russlands Generalstabschef Nikolai Makarow einmal gesagt. Im August 2008 konnte die Großmacht zwar das kleine Georgien in wenigen Tagen bezwingen. Der Krieg legte jedoch auch die Schwächen einer Armee offen, die zwar 20.000 schwere Kampfpanzer aus den Zeiten des Kalten Krieges geerbt hatte, Überwachungsdrohnen aber in Israel zukaufen musste.

"Alter Partner der vaterländischen Verteidigungsindustrie"

Deshalb kann man seit zwei Jahren auf internationalen Rüstungsmessen ein interessantes Phänomen beobachten: Hochrangige russische Militärs statten den Ständen der eigenen Hersteller meist nur Höflichkeitsbesuche ab, um dann weiterzueilen zu Ausstellern aus dem Ausland. So studierte Armeegeneral Wladimir Popowkin etwa bei der Eurosatory 2010 in Frankreich intensiv die Angebote von EADS, Rheinmetall und dem italienischen Iveco-Konzern. Wenig später wurde Popowkin zum stellvertretenden Verteidigungsminister befördert.

Russland, im vergangenen Jahr mit einem Ausfuhrvolumen von rund zehn Milliarden Dollar nach den USA immerhin Waffenexporteur Nummer zwei, zeigt aber vor allem in bestimmten Hightech-Segmenten und bei der Logistik Schwächen.

Neue, mobile Feldlager für die Truppe liefert beispielsweise Kärcher Futuretech aus Winnenden. Noch bis Ende dieses Jahres soll die Lizenzfertigung von Iveco-Panzerwagen auf russischem Boden starten. Russland stelle noch immer "einfache, homogene Panzerungen" her, während im Westen "Glasfaserelemente, Keramik und Nanotechnologie" eingesetzt würden, klagte die Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta" bereits im vergangenen Jahr.

Manches deutsche Unternehmen kann dabei im Russlandgeschäft an lange zurückreichende Traditionen anknüpfen. Rheinmetall etwa habe "seine Ausrüstung schon vor 1914 der russischen Armee angeboten", lobt das Fachblatt "Waffenexport" des Moskauer Zentrums für Analyse von Strategien und Technologien. Die Deutschen seien eben ein "alter Partner der vaterländischen Verteidigungsindustrie".



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insgesamt 179 Beiträge
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Seite 1
M@ESW, 13.04.2011
1. _
Jede Wette das gewissen Parteien natürlich dise Chance abschmettern werden.
MarkusKrawehl, 13.04.2011
2. Jepp
Zitat von M@ESWJede Wette das gewissen Parteien natürlich dise Chance abschmettern werden.
Ist ja auch richtig. Besser man verscherbelt die Dinger an demokratische Vorzeigeländer wie Saudi Arabien. Oder täusch ich mich da?
Barath 13.04.2011
3. ...
Zitat von M@ESWJede Wette das gewissen Parteien natürlich dise Chance abschmettern werden.
Chance... Naja, ich empfinde ja Waffenhandel als sittenwidrig und ekelig. Nur Drogenhandel finde ich noch schlimmer...
Denseman 13.04.2011
4. werte
"deutsche wertarbeit" in der waffentechnik, da sieht man mal welche werte dem gloabelen nationalismus zugrunde liegen.
Gebetsmühle 13.04.2011
5. genau lesen
in dem artikel kann man folgendes lesen: ---Zitat von Artikel--- Bis 2020 will Premier Wladimir Putin 19 Billionen Rubel für neue Waffen ausgeben, umgerechnet knapp 500 Milliarden Euro. Das entspräche dem 16-fachen des Jahreshaushaltes des deutschen Verteidigungsministeriums. ---Zitatende--- daraus schließe ich, er will in 8 jahren (bis 2020) das 16fache des deutschen verteidigungshaushalts ausgeben. macht also das doppelte des deutschen jedes jahr. halte ich nicht grad für ein überzogenes programm, wenn russland jedes jahr nur doppelt so viel für krieg ausgibt, wie deutschland. wozu also die aufregung?
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