Weiße Qaida in Bosnien: "Mit Motorsägen zerstückeln"

"Kein General durfte uns Befehle erteilen", berichtet der ehemalige Qaida-Aktivist Ali Hamad über seine Zeit als Kommandeur einer Mudschahidin-Einheit im Bosnien-Krieg. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt der frühere Terrorist vor einem "Schläfer"-Netzwerk auf dem Balkan.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Bosnien-Krieg als Kommandant einer Qaida-Einheit gekämpft, im Auftrag Bin Ladens. Heute bezeichnen Sie sich als dessen erbittertster Feind. Weshalb haben Sie dem Terrorismus abgeschworen?

Ali Hamad: "Hauptsache, Hunderte Feinde mit in den Tod gerissen"
Renate Flottau / DER SPIEGEL

Ali Hamad: "Hauptsache, Hunderte Feinde mit in den Tod gerissen"

Hamad: Ich wurde mit 17 Jahren von Qaida-Offizieren in Bahrein angeworben. Meine Familie hatte mich verstoßen, und mir war jede Hilfe willkommen, die Unterkunft und Brot versprach. Nach 13-monatiger Ausbildung Anfang der neunziger Jahre in einer Militärschule von al-Qaida in Afghanistan wurde ich Soldat einer Kampfeinheit Bin Ladens. Er überzeugte mich, dass wir einen Heiligen Kampf für den Islam führen, der von den Juden und vom Christentum angegriffen werde.

SPIEGEL ONLINE: Selbstmordattentate inklusive?

Hamad: Die Vorträge in Afghanistan hatten auf mich wie eine Gehirnwäsche gewirkt. Ich hätte mich durchaus kaltblütig und mit Sprengstoff verkabelt an einem belebten Platz in irgendeiner Stadt der Welt in die Luft gesprengt. Hauptsache, ich hätte damit Hunderte unserer Feinde mit in den Tod gerissen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten keinerlei Skrupel gehabt, das eigene Leben zu opfern?

Hamad: Wer sieht, dass andere Mitkämpfer ohne Zögern in den Tod rennen, der wird ihnen blind folgen. Unsere Lehrer überzeugten uns, dass der Tod schmerzlos ist – man spüre ihn allenfalls wie den Stich einer Nadel. Wer einen Juden oder Christen töte, sagten sie, würde nur seinen sichtbaren Körper mit einem unsichtbaren tauschen.

SPIEGEL ONLINE: In den acht Jahren Gefängnis, die Sie bereits im bosnischen Zenica sitzen, schrieben Sie ein Buch über al-Qaida. Darin geht es vor allem um deren Mission im Bosnienkrieg.

Hamad: Al-Qaida war in Bosnien nicht an den dortigen Muslimen interessiert, sondern an der Eroberung einer Basis, von der aus sie weiter operieren konnte – so wie die USA weltweit ihre Stützpunkte haben. Einige Führer der westlichen Welt haben das durchaus registriert, aber nichts unternommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Hamad: Die bosnische Armee und unsere Einheiten etwa wurden während des Krieges trotz des Embargos mit umfangreichen Waffenlieferungen aus Iran versorgt.

SPIEGEL ONLINE: Vor dem Haager Kriegstribunal sollen Sie als Zeuge im Prozess gegen den ehemaligen Generalstabschef der bosnischen Armee aussagen. Die Staatsanwaltschaft interessiert, ob die für ihre Grausamkeit bekannten Mudschahidin dem Kommando der Bosnier unterstanden.

Hamad: 1992 hatte es einen Massenzustrom von Mudschahidin Richtung Balkan gegeben. Unsere Route führte via Frankfurt nach Zagreb, Split und von dort aus über Mostar nach Bosnien. Sowohl Kroaten als auch Bosnier ließen uns frei passieren. Wer von uns später einen bosnischen Pass wollte, erhielt ihn auch – obwohl wir dafür meist falsche Namen benutzten. Bei der damaligen politischen wie militärischen Führung in Sarajewo genossen wir höchste Privilegien und gegenüber der Polizei Immunität.

SPIEGEL ONLINE: Es gab keine Proteste gegen ihre Kampfmethoden?

Hamad: Natürlich war unser Vorgehen grausam. Al-Qaida verlangte, den Feind zu foltern, ihn mit Motorsägen zu zerstückeln und die Opfer mit Messern zu massakrieren. Obwohl wir offiziell dem Kommando der bosnischen Armee unterstanden, wurden unsere Bedingungen akzeptiert: Kein bosnischer General durfte uns bei irgendwelchen Angriffen Befehle erteilen.

SPIEGEL ONLINE: Entgegen dem Dayton-Friedensabkommen blieben die ausländischen Krieger später im Land – als Schläfer für künftige Terroranschläge auf dem europäischen Kontinent?

Hamad: Bosniens Führung setzte sich dafür ein, dass wir nach dem Krieg bosnische Pässe erhielten, und man riet uns, bosnische Frauen zu heiraten – damit wir als Zivilisten im Lande bleiben konnten. Viele Qaida-Mitglieder traten in humanitäre Organisationen ein und kamen so an eine Aufenthaltsberechtigung. Was die künftige Terrorgefahr betrifft: Hätte der Terrorismus in Bosnien nicht während des Krieges auf dem Balkan Fuß gefasst, könnte er heute nicht so offen Europa drohen.

SPIEGEL ONLINE: Bosnien will Mitglied der EU werden. Muss al-Qaida da nicht eher fürchten, dass man verdächtige Mudschahidin der CIA aushändigt?

Hamad: In der jetzigen bosnischen Führung befinden sich Leute, die unsere Ankunft seinerzeit sehr begrüßten. Außerdem kämpften in unserer Einheit auch 400 einheimische, bosnische Mudschahidin, die die Terrormethoden der al-Qaida teilten. Heute zählen etwa 800 Bosnier zur sogenannten "Weißen Qaida" – Terroristen mit weißem Teint. Ihre Anwerbung wird durch die Wirtschaftskrise erleichtert. Sie sollen später helfen, das Qaida-Netzwerk in Europa auszuweiten.

Das Interview führte Renate Flottau

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