Weltbild des norwegischen Attentäters: Rechter Bruder der Dschihadisten

Ein Debattenbeitrag von Volker Weiß

Die Welt ist krank, sie braucht eine radikale Kur: Mit dieser Logik richtete Anders Breivik ein Blutbad an. Sein Manifest des Grauens spiegelt Positionen europäischer Rechter, die für eine "Konservative Revolution" trommeln. Ihre Argumente entsprechen denen von islamischen Dschihadisten.

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Explosion von Breiviks Bombe in Oslo: Zum Weltbild geronnene Ressentiments

Nein, Anders Behring Breivik ist kein Nazi. Alle Versuche, den Mörder von Oslo und Utøya in diese Form zu pressen, entspringen nur eingeübten Reflexen. Doch der Attentäter hat ein Manifest verfasst, das wichtige Hinweise gibt: Die Erklärung ist eine Mischung aus taktischem Handbuch und politischem Programm. Wiederholt positioniert sich der Autor als "Konservativer Revolutionär" - und damit reklamiert er ein bestimmbares Weltbild für sich.

Die "Konservative Revolution" war eine Abwehrbewegung gegen die gleichmachenden Tendenzen der Moderne. Die wichtigsten Vertreter dieser Strömung agierten zwischen den Weltkriegen. Oswald Spengler etwa, der von Breivik sogar zitiert wird. Die "Konservative Revolution" war militant antiwestlich, antiliberal und antimarxistisch. Ganz wie in Breiviks Manifest wurde der Zyklus von Kulturverfall und Erneuerung beschworen, als dessen Stationen Dekadenz, Krise, Kampf und Wiedergeburt galten.

Die "Konservative Revolution" wollte die "jungen Völker" Europas zur Blüte führen, mit den Mitteln moderner Technik, dem Recht des Stärkeren - und gegen den alt und schwach gewordenen Humanismus. "An Liberalismus gehen die Völker zugrunde", lautete die Diagnose Arthur Moeller van den Brucks, der 1923 ein Buch mit dem Titel "Das dritte Reich" schrieb.

Die Kur sollte so radikal sein wie die angenommene Krankheit.

Mit aller Gewalt galt es, die verlorenen Mythen zurückzuerobern. Letztlich war der romanisch-katholische Faschismus stets näher an diesem Weltgebäude als der deutsche Nationalsozialismus. "Konservativ" waren die gesellschaftlichen Vorstellungen, "revolutionär" die Radikalität der empfohlenen Mittel. Man verfolgte programmatisch, was im Manifest des norwegischen Attentäters ebenfalls gefordert wird: die Abstrafung der Verräter, Krieg gegen Marxisten, Liberale, Emanzipierte und "Invasoren".

Mit dem Mythenkanon des Faschismus

Die semantischen Ähnlichkeiten zu den Islamisten sind nicht zufällig, denn ihre Feindbestimmungen gleichen sich. Die historischen Ursprünge des politischen Konservatismus liegen in der Religion.

Es gibt heute eine europäische Rechte, die sich auf die Theoretiker der zwanziger Jahre bezieht. Sie hat den Mythenkanon des Faschismus, den Glauben an ein reinigendes Blutbad zur kulturellen Wiedergeburt, übernommen und an die Zeit angepasst. Der "Vor-Bürgerkrieg", ausgerufen von Carl Schmitt, einem weiteren ihrer geistigen Ahnen, hat in ihren Augen längst seinen Höhepunkt erreicht.

Die Rechte unserer Zeit fühlt sich bedrängt von einer Political Correctness, mit der "linke Gutmenschen" eine "Diktatur" errichtet hätten, bedroht von der europäischen Einigung, die meist als "EUSSR" verballhornt wird. Ihre Anhänger fordern ethnische und kulturelle Einheit, kämpfen gegen den Säkularismus, den Verlust der Mythen und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Sie leben in einem "Interregnum", einer führer- und orientierungslosen "Zwischenzeit", aus der sie glauben, Europa befreien zu müssen. Zur Not durch das heroische Opfer Einzelner. Sie sehen sich im "Widerstand", kämpfen im Geist der "Partisanen" Carl Schmitts und des "Waldgängers" Ernst Jünger.

Diese zum Weltbild geronnenen Ressentiments finden sich eben nicht nur in Breiviks Manifest, sondern auch in Publikationen wie der "Jungen Freiheit" oder der Zeitschrift "Sezession" des neurechten Instituts für Staatspolitik. In diesem Milieu gehört der von Breivik ausgiebig referierte Glaube, dass der Marxismus die Abwehrkräfte der Nationen gegen fremde Einflüsse geschwächt habe, zum Standard-Repertoire. Die grundlegende Aufarbeitung der deutschen Judenvernichtung wird von Breivik als " Holocaust-Religion" abgelehnt, die nur die nationalen Identitäten aufweiche.

Salonfähige Rechtsausleger

Bei der "Jungen Freiheit" konnte man diesen Begriff bereits auf der Titelseite lesen: zur Verteidigung der Piusbrüder. Selbst die Forderung im Manifest des Norwegers, den liberalen Protestantismus wieder durch einen glaubensstärkeren Katholizismus zu ersetzen, hat dort ihre Entsprechung. Denn die "Junge Freiheit" hat sich in den letzten Jahren zunehmend dem christlichen Fundamentalismus zugewandt. Sie schwingt sich zur letzten Verteidigerin der "ewigen Institution" der katholischen Kirche auf, berichtet aber auch begeistert über die Tea-Party-Bewegung in den USA. Auf Hass-Websites wie kreuz.net und Politically Incorrect ist die Zeitung eine beliebte Referenz.

Die Welt des Anders Breivik deckt sich sehr mit der Welt der "Jungen Freiheit" und ihrer Freunde. Trotzdem gilt die Zeitung als salonfähig. Nicht erst Sarrazins Statistiken verhalfen ihr zu neuen Lesern. Politiker gratulierten zum 25. Jubiläum, und führende Tageszeitungen drucken ihre Anzeigen. Stieß das auf Kritik, so wurden meist die gleichen Inhalte als "konservativ" verteidigt, die jetzt - nach Norwegen - selbstverständlich als "rechtsextrem" bezeichnet werden. Entsprechend sieht die "Junge Freiheit" nach den Massakern ihre Felle davonschwimmen. Ein Kommentar ist betitelt mit "Der Reichstagsbrand von Europa" und setzt sie bereits in die Rolle des eigentlichen Opfers.

Im Dunkel der Andeutung unausgesprochen bleibt dabei der Gedanke, es sei eine Verschwörung gewesen, die in Norwegen das Massaker herbeigeführt habe, um den Rechtspopulismus in Europa zu zerschlagen. Dabei kam jetzt nur heraus, wie ähnlich man dem Gegner ist.

Kreuzritter und Dschihadisten - feindliche Brüder

Die Krise der globalen Moderne gibt ihren reaktionären Gegenbewegungen Auftrieb. Der Drang nach Überschaubarkeit, Identität und der Sicherheit einer mythisch-religiösen Überwölbung der Welt kennzeichnet eben nicht nur die "rückständigen" Gesellschaften, er ist auch im Westen präsent. Die Welt soll wieder so werden, wie sie nie war.

Was in Norwegen stattgefunden hat, könnte man auch "die Talibanisierung der christlichen Rechten" nennen. Die Forderung in Breiviks Konvolut, die "Märtyrer der Konservativen Revolution" zu feiern, die bald im "himmlischen Königreich" versammelt werden, klingt vertraut nach Heiligem Krieg.

Die Ideologie des Islamismus zelebriert als offensiv gewordener Radikalkonservatismus die Abwehr der westlichen Moderne mit den Mitteln der Zeit - und wurde damit zur islamischen Entsprechung der europäischen "Konservativen Revolution". Geradezu spiegelbildlich haben sich die Verteidiger des "christlichen Abendlandes" dafür der Taktik des militanten Dschihad angeglichen.

Die "Konservative Revolution" von Kreuzfahrern und Dschihadisten, das ist die tödliche Umarmung zweier feindlicher Brüder.

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insgesamt 158 Beiträge
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1. Erstens...
Zappa_forever 27.07.2011
...fände ich es als Freund des deutschen Genitivs schön, wenn da anstatt "entsprechen denen von islamischen Dschihadisten" "entsprechen denen islamischer Dschihadisten" stünde. Zweitens finde ich die Analyse des Artikels zutreffend. Das sind tatsächlich Brüder im Geiste - beide Lager sind konservativ-reaktionär. Die Frage ist nur, warum bestimmte Gruppierungen und auch bestimmte Journalisten dann nicht ebenso ein Verbot - nennen wir es - "rechtspopulistischer islamischer" Blogs fordern, wie es hier im Forum in den letzten Tagen im Bezug auf "rechtspopulistisch-westliche" Blogs und Webseiten geschehen ist. Das wäre wenigstens konsequent.
2. ...
.Zerberus. 27.07.2011
Zitat von sysopDie Welt ist krank, sie braucht eine radikale Kur: Mit dieser Logik richtete Anders Breivik ein Blutbad an. Sein Manifest des Grauens spiegelt Positionen europäischer Rechter, die für eine "konservative Revolution" trommeln.*Ihre Argumente entsprechen denen*von islamischen Dschihadisten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776735,00.html
Während die erste Hälfte eine durchaus sachliche, wenn auch nicht schmeichelhafte, Analyse ist, wird es in der 2. Hälfte zunehmend polemisch. Die Behauptung die Konservative Revolution, sei das Gegenstück zu den Dschihadisten ist einfach nur beleidigend und zumindest bedarf eine solche These weiterer Ausführung.
3. Aepfel und Birnen.
Oskar ist der Beste 27.07.2011
Zitat von sysopDie Welt ist krank, sie braucht eine radikale Kur: Mit dieser Logik richtete Anders Breivik ein Blutbad an. Sein Manifest des Grauens spiegelt Positionen europäischer Rechter, die für eine "konservative Revolution" trommeln.*Ihre Argumente entsprechen denen*von islamischen Dschihadisten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776735,00.html
auch wenn Terroristen, egal welcher politischen Colour, aenliche Handlungsstrukturen aufweisen, so sollte man die alberne Gleichsetzung zwischen Rechts- und Linksterrorismus oder auch islamisch Motivierten unterlassen, da jede Form von Terrorismus anhand seiner Ursachen analysiert und begegnet werden muss. Von daher sollte im Falle sich einmal darauf konzentrieren, warum der Antiislamismus solche "Blueten" hat tragen koennen anstatt durch Relativierung zu verharmlosen. (aber natuerlich weisss das auch der SPON Schreiberling, die Relativierung und Gleichsetzung ist ein typisches Mittel der Rechten, die eigene Verantwortung abzuschuetteln...das weiss noch seit dem Historikerstreit in den achtziger Jahren und wird jetzt wieder versucht.)
4. Feinbilder züchten ...
Stefan Neudorfer 27.07.2011
Da gibt es einen Verrückten der Menschen umbringt und das ist für sich etwas sehr schlimmes. Warum nur wird diese Tat von allen möglichen missbraucht um das eine oder andere zu erklären. Nun liest man hier wieder eine Hetze gegen die Zeitschrift "Junge Freiheit". Ja es ist eine Hetze, denn die "Junge Freiheit" steht in keiner Form Breivik nahe und nur weil man ähnliche Begriffe verwendet bedeutet das nur das man aus einem ähnlichen Sprachraum kommt. Ich bin mir sicher das man auf Grund der Wortwahl auch dem Spiegel eine Nähe zu Breivik unterstellen kann. Ja, die "Junge Freiheit" ist rechts, aber das ist schon alles. Sie ist legal und hetzt übrigens weniger auf andere Publikationen als es manch andere Zeitschriften machen. Wer meint die Welt von Breivik zu kennen, der sollte mir mal erklären wie einer der wohl spielsüchtig ist - Ein Jahr Pause nur um Word of Warcraft zu spielen - zu den Worten des Artikels passt. Hätte man das Mainfest von Breivik bei Spiegel genauer gelesen würde man feststellen das er sich mit deutlichen Worten von der katholischen Kirche abgrenzt weil sich gerade der Papst für einen offenen Dialog mit den Muslimen ausspricht und die Christen viel zu friedfertig sind. Breivik steht seinen Worten zuletzt wohl dem Judentum nahe (Mangels Wissen, sonst würde ihm das wohl auch nicht passen), mit einem Hang zu einer fiktiven Word-Of-Warcraft-Religion. Und was man auch im Artiekl üerbsieht: Gerade sein Engagement bei den Freimaurern verträgt sich so wenig mit dem Christentum. Das wird in der Analyse total übersehen, die Freimaurer werden unterschlagen, die passen in kein Spiegel-Feindbild. Warum eigentlich? Weil Freimaurer meistens Anti-Christlich und Anti-Katholisch sind? Kann es sein das die Feindbilder vom Spiegel die Brille so weit verdunkelt haben das man überlesen hat was im Mainfest von Breivik steht? Aber zurück zum Artikel: Einen wesentlichen Fehler hat der Artikel noch. Er übersieht das es wohl einen "Kreuzfahrer" gibt, eventuell mit einem Fanclub von einen oder zwei weiteren. Dagegen stehen unzählige Islamisten. Alleine die Salafisten haben in der BRD eine Anhängerschaft von ca. 2000 Muslimen. Weltweit dürften es Millionen Muslime sein die man als Dschihadisten bezeichnen kann. Eine merkwürdig einseitig Umarmung ... um im Sprachgebrauch des Artikels zu bleiben.
5. Und sei es noch so abstrus ...
herc 27.07.2011
... aber irgendwie muss es doch möglich sein, einen Zusammenhang zwischen Breivik und dem Islam herzustellen. Bravo, Spon!!
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Volker Weiß ist promovierter Historiker und Publizist, er forscht zu Geschichte und Gegenwart der extremen Rechten in Deutschland. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Moderne Antimoderne. Arthur Moeller van den Bruck und der Wandel des Konservatismus".


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Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
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