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Welternährungsgipfel: 1200 Milliarden für Rüstung, keine 30 Milliarden gegen Hunger

Eindringlicher Appell zur Bekämpfung des Hungers: Nur 30 Milliarden Dollar im Jahr wären notwendig, um weltweit Hunger und Unterernährung auszurotten, sagte der Generaldirektor der FAO auf dem Ernährungsgipfel in Rom. Für Rüstung werde das 40-fache ausgegeben.

Rom - "Die Zeit des Redens ist vorbei, nun ist die Zeit zu handeln", sagte Jacques Diouf, Generaldirektor der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), vor den Staats- und Regierungschefs aus mehr als 40 Ländern zu Beginn des Ernährungsgipfels der Vereinten Nationen in Rom. "Nur 30 Milliarden Dollar" (20 Milliarden Euro) pro Jahr wären notwendig, um Hunger und Unterernährung auszurotten", sagte Diouf, dem stünden 1200 Milliarden Dollar im Jahr für Rüstungsausgaben gegenüber.

Waisenkind in Malawi: Warten auf eine Mahlzeit
REUTERS

Waisenkind in Malawi: Warten auf eine Mahlzeit

Nach FAO-Angaben leiden 862 Millionen Menschen weltweit an Hunger oder Unterernährung. Angesichts dieser Zahl forderte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon "kühne und entschlossene Maßnahmen", um den Hauptursachen der Ernährungskrise zu begegnen: "Wir wollen verbindliche Verpflichtungen für die Zukunft." Neben den drastischen Preiserhöhungen für Nahrungsmittel sind auch die Herausforderungen von Klimawandel und Bioenergie Thema der dreitägigen Konferenz.

Die verschärfte Krise um die explodierenden Lebensmittelpreise sei auch eine Chance, frühere Strategien zu überdenken, erklärte der Uno-Generalsekretär. Während gegen die hohen Preise sofort etwas getan werden müsse, sei es langfristig wichtig, die weltweite Lebensmittelsicherheit zu verbessern. "Nichts ist zerstörerischer als Hunger, vor allem wenn er von den Menschen gemacht wurde. Er nährt Wut, sozialen Zerfall, Krankheiten und wirtschaftlichen Niedergang", warnte Ban Ki Moon. "Nur wenn wir zusammen und als Partner handeln, können wir diese Krise bewältigen, heute und für die Zukunft." Hunderte von Millionen Menschen erwarteten dies.

Hungerkrise
Horand Knaup
SPIEGEL ONLINE hat in neun Ländern Mütter getroffen, die von ihrem Alltag erzählen. Vom Schlangestehen beim Bäcker, vom immer karger werdenden Speiseplan, von der täglichen Angst vor leeren Tellern.
Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) bezeichnete die derzeitige Nahrungsmittelkrise als "Skandal der Menschheitsgeschichte". Es sei nicht zu verantworten, dass zu Beginn des dritten Jahrtausends noch mehr als 850 Millionen Menschen an Unterernährung litten, während die Erde die wachsende Weltbevölkerung sehr wohl ernähren könne, sagte sie in Rom vor Journalisten. "Alle Akteure müssen an einer Lösung mitwirken, die das Menschenrecht auf Nahrung gewährleistet."

Deutschland werde durch eine Umstrukturierung der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit in diesem Jahr insgesamt 500 Millionen Euro in die Ernährungssicherheit investieren. Gleichzeitig kritisierte Wieczorek-Zeul, dass der aktuelle Preisanstieg durch den Terminhandel noch verstärkt werde. "Dazu sage ich: Wer auf eine Ausbreitung des Hungers in den Entwicklungsländern spekuliert, verletzt die Menschenrechte!"

Für Kritik und Proteste sorgte die Anwesenheit des umstrittenen Präsidenten von Simbabwe, Robert Mugabe. Dazu sagte Wieczorek-Zeul: "Ich finde es sehr zynisch, dass jemand, der sein Land in den Ruin und die Menschen in den Hunger getrieben hat, es wagt, bei einer solchen Konferenz aufzutauchen". Neben Mugabe, dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodriguez Zapatero nehmen auch der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sowie Ägyptens Staatschef Husni Mubarak an dem Gipfel teil.

Für Unmut sorgte der iranische Präsident Ahmadinedschad, der auch bei seinem ersten Besuch in einem EU-Land seit seiner Wahl 2005 mit Attacken gegen Israel fortfuhr. Vor der Presse griff er außerdem die Mächtigen der Welt scharf an und warf ihnen vor, die Schuld an den globalen Problemen zu haben. Im Übrigen litten die Palästinenser jetzt bereits seit 60 Jahren unter der israelischen Besatzung, führte Ahmadinedschad aus: "Ein Regime, das Frauen und Kinder in ihrer eigenen Heimat tötet, ist dem Untergang geweiht."

Mubarak forderte eine "universelle Partnerschaft" aller Uno-Mitgliedstaaten: Dringend notwendig sei ein internationaler Dialog zwischen den Lebensmittel- und Energie-Importeuren und den Exporteuren sowohl aus Entwicklungsländern als auch aus Industrieländern. Lula da Silva bezeichnete den Hunger in der Welt als eine "Beleidigung für die Menschheit". Dabei sei die derzeitige Krise vor allem eine der Lebensmittelverteilung: "Wir müssen mehr Nahrung produzieren und diese besser verteilen."

asc/dpa

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