Weltfinanzkrise Das Kreditvirus killt den Konsum

Dollar im Sinkflug, Handelsbilanz im roten Bereich, Rezession am Horizont: Der "American Way of Life" ist ernsthaft in Gefahr. Doch die Notenbankpräsidenten und Finanzminister der G-7-Staaten reden lieber nicht darüber - man kritisiert sich ja nicht gegenseitig.

Von Gabor Steingart


Alan Greenspan und Ben Bernanke haben mehr Ähnlichkeit mit den beiden Tigerdompteuren Siegfried und Roy, als uns allen recht sein kann.

US-Notenbanker Bernanke (2. v. l.), Kollegen beim Frühjahrstreffen von Weltbank und IWF in Washington: Entzauberte Meister
AFP

US-Notenbanker Bernanke (2. v. l.), Kollegen beim Frühjahrstreffen von Weltbank und IWF in Washington: Entzauberte Meister

Die Magier aus Las Vegas begeisterten jahrzehntelang mit ihren schneeweißen Raubkatzen, die sie scheinbar mühelos durch brennende Reifen schickten. Sie nannten sich "Masters of the Impossible", die Meister des Unmöglichen.

Der legendäre Notenbankpräsident und sein Nachfolger wussten ebenfalls zu faszinieren - mit einer Politik der wundersamen Geldvermehrung, die den USA eine der längsten Wachstumsperioden der Neuzeit bescherte. Sie galten vielen als "Masters of the Universe", als Meister des Universums. Fast schien es, als hätten die Notenbanker mit ihren dauernden Zinssenkungen den Raubkatzenkapitalismus gezähmt.

Siegfried und Roy wirkten zeitweise sogar wie mit ihren Katzen in Harmonie vereint - bis zu dem Tag, an dem alles außer Kontrolle geriet. Ein Tiger biss Roy mitten in der Show in den Hals, drohte ihn bei lebendigem Leibe zu zerfleischen.

Greenspan und Bernanke sind entzaubert

Auch Greenspan und Bernanke gelten mittlerweile als entzaubert, ihre Magie ist erloschen, ihr Image zerzaust - durch Immobilienkrise und Dollarverfall. Nur schadet das wilde Treiben an den Finanz- und Währungsmärkten nicht ihnen persönlich. Weitgehend wertlose Aktien, faule Hauskredite und der Dollar im Sinkflug schädigen Millionen von Anlegern und Kleinsparern.

Es ist, als wäre der Tiger ins Publikum gesprungen.

Dabei sollten wir weder dem Zirkustiger noch den Raubkatzen der Finanzmärkte ihren archaischen Charakter vorhalten. Ihre Grausamkeit liegt in der Natur der Sache. Ihre unmissverständliche Botschaft: Bis hierher und nicht weiter.

Im Falle der Immobilienkrise, die mit Zeitverzögerung die Banken erreicht hat und nun die Aktienmärkte insgesamt verunsichert, zeigen die Märkte sogar an, was Politiker und Notenbank-Gouverneure am vergangenen Wochenende erneut verschwiegen haben: Das Leben der Amerikaner muss sich ändern - oder es wird gewaltsam verändert.

Unter Schmerzen endet der "American Way of Life"

Der kreditfinanzierte Konsumrausch der vergangenen Jahre geht unter Schmerzen zu Ende. Der heutige American Way of Life hat keine Chance, die kommenden Jahre unbeschadet zu überstehen. Das Virus innerhalb des Finanzsystems wird so lange weiter wüten.

Die Immobilienkrise dürfte bald auch die ersten Kreditkarteninstitute erreichen, von dort springt er mutmaßlich über auf Autohersteller, Möbelproduzenten und alle anderen Unternehmen, die ihre Absatzsteigerungen einer wachsenden Kreditfinanzierung verdanken. "Das Virus infiziert sich durch", sagt das Vorstandsmitglied einer Großbank. (Im Gegenzug für die Schonungslosigkeit der Analyse bat er um Vertraulichkeit.)

Sein Argument: Wer Hauskredite an Menschen vergibt, die praktisch zahlungsunfähig sind, schaut auch bei den Möchtegernkäufern von Kühlschränken, Autos und Möbeln nicht so genau hin. Und in der Tat, erst kürzlich warb ein Möbelhaus in Miami mit folgendem Angebot: heute abholen, erste Rate in drei Jahren, keine Anzahlung nötig.

Der kreditfinanzierte Lebensstil ist typisch für die USA dieser Tage. Viele Menschen schließen die Lücke zwischen ihrem bisherigen Lebenstil und dem geschrumpften Gehalt durch Kredite. Das Leihgeld wirkt wie ein Betäubungsmittel gegen die Zumutungen der Globalisierung. Kein Wunder: Seit Jahren wächst der Schuldenberg der Privathaushalte pro Werktag um vier Milliarden Dollar.

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wolfnator 14.04.2008
1. Der Kaiser ist nackt
Ich kann dem Artikel eigene Beobachtungen hinzufuegen, die ich in den USA fast 20 Jahre gesammelt habe. Das Durchschnitts-Sparvermoegen eines 50 jaehrigen U.S.-Amerikaners fuer seine Rente betraegt nur 1000 $. Das heisst, es kommt eine riesige Armutswelle auf die Amerikaner zu, wenn viele zu spaet merken, dass sie keinerlei Ruecklagen haben. Denn von der Social Security-Rente alleine kann man nicht leben. Es arbeiten viel mehr aeltere oder alte Menschen in den USA. Man sieht sie ueberall im schlecht-bezahlten Service-Sektor. Medikamente, Zuzahlungen beim Arzt-Besuch oder Krankenhaus-Aufenthalt summieren sich schnell. Fast alle Offenbarungseide in den USA lassen sich auf unbezahlte Arztrechnungen rueckfuehren. ALLES wird in Amerika auf Pump finanziert. 75% aller Autos sind entweder ueber einen Bankkredit oder Leasing-Vetrag finanziert. Lebensmittel, Versicherungen, Steuernachzahlungen.....alles wird mit der Kreditkarte bezahlt. Im Durchschnitt hat der Amerikaner 5 bis 8 Kreditkarten, mit ca. 14 % Zins, der aber schnell auf 22 % hoch schnellen kann, wenn man sich nur einmal bei der Monatszahlung verspaetet hat. Anders wie bei uns, wo die volle Rechnung der Kreditkarte am Monatsende vom Konto abgebucht wird, gibt es in den USA den sogenannten "revolving credit", d.h. man macht nur eine monatliche Mindestzahlung und rollt den restlichen Betrag auf den naechsten Monat. Der kleine Schuldenberg wird schnell groesser und im Durschschnitt haben Amerikaner ca. 8000 $ Kreditkarten-Schulden. Es ist mitunter einfacher ein Haus zu kaufen, als eine Wohnung zu mieten! Beim Abschluss eines Mietvertrags braucht man normalerweise 3 Monatsraten, die anfallen: 1. Monat, letzter Monat, Kauktion. Das sind schnell 3000 bis 4000 $. Bei einem Hauskauf (bis vor kurzem) brauchte man keine Anzahlung zu leisten, und alle Maklergebuehren wurden in den monatlichen Raten der Hypothek mit eingerechnet. Wenn Sie in eine U.S. Autohaus gehen, werden Sie als erstes gefragt, wieviel Geld Sie monatlich fuer eine Autozahlung entbehren koennen. Moegliche Antwort: 320 $. Danach berechnen Ihnen dann die Sales Leute den Zinssatz, die Laufzeit und Hoehe des Kredits. Es ist unglaublich wie naiv und blind gerade junge Leute zum Autokauf animiert und gekoedert werden. Fazit: Nicht nur der Staat, die Kommunen, sondern die meisten Privatleute sind total verschuldet. Alle fahren neue Autos, tragen schicke Klamotten, wohnen in grossen Haeusern, essen in Restaurants, aber letztendlich gehoert den Menschen ueberhaupt nichts, sondern sie fuettern nur die Banken. Eine gigantische Luftblase, in die bis vor kurzem noch die ganze Finanz-Welt geglaubt hatte. Solange die in die Zukunft projezierten Wachstumsraten stimmen, funktioniert diese Luftblasen-Economy. Aber wehe, die ganze Wirtschaft geraet ins Stolpern oder schrumpft sogar, dann holen einen die Schuldenberge schnell ein. Aber inzwischen begreifen nun die meisten, dass Amerika nur noch ein Kaiser ohne Kleider ist. Es fehlt nur noch der letzte Schritt und Gnadenstoss, dass "der kleine unbedarfte Junge" das Wort in den Mund nimmt und sagt wie es eben ist: Der Kaiser ist nackt! Dann kommt der Dollar-Crash. Nehmen Sie dem Amerikaner den "American Way of Life" und den American Dream, und sie haben ein politisches Klima, das ueberreif fuer eine Diktatur ist. Letztendlich sind ja nicht die Amerikaner an der Misere schuld, sondern es wird ein anderer Suendenbock gesucht (und garantiert gefunden).
peterworldwide 14.04.2008
2. Endlich!
ENDLICH jemand der offen ausspricht was unendlich viele schon lange denken. Mir war diese Entwicklung schon klar, als Greenspan die Zinsen auf 1 Prozent senkte und den Kreditwahn ins Unermessliche schuerte. Schlimm, dass die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, sondern unendliche viele Sparer, Steuerzahler und Anleger, deren Vermoegen durch diese Menschen gepluendert wurde und noch immer wird. Diese fehlende Rechenschaft - ja nicht mal Einsicht - schafft noch mehr Misstrauen hinsichtlich des US-Finanzsystemes - ENRON im grossen Stil?!!! Sonderbar, dass die gleichen Personen von den Vorstaenden der Unternehmen verlangen zurueckzutreten - so sie keine Freunde sind. Aber selbst nicht mal im Geringsten daran denken.
Gerd Schmitt, 14.04.2008
3. Sie werden's schon schaffen...
Dem ersten Teil von wolfnator ist zuzustimmen. Allerdings wird sein Fazit so nicht eintretten: - Der Dollar ist schon abgestürzt - Die restliche Welt kann es sich einfach nicht leisten weiter aus dem Dollar zu fliehen. - Unsere Manager entdecken zunehmend, dass es sich lohnt, in den USA zu produzieren (siehe BMW und andere). - Solange Amerikanische Produkte weltweit gefragt sind (Beispiel Filmindustrie) wird der Dollar nicht in Bodenlose stürzen. - Die Inflation entwertet auch die Staatsschulden Ich vermute deshalb, dass sie noch nicht auf der Suche nach einem Sündenbock sind :-o
Fensterladen 14.04.2008
4. Wir erleben jetzt, wohin es die "normalen Menschen" führt,
wenn verantwortungslose egomane geistig minderbemittelte Gierschlunde von Managern alles Geld/Wirtschaft und alle Macht in ihren Giergriffeln haben und auf ein tumbes kindlich-verblödetes Volk trifft. Vielleicht sind uns die USA auch hier nur wieder einen Schritt voraus.
cashcow 14.04.2008
5. Alles gewollt
Mit das Beste, was man zum Thema in den letzten Jahren sehen konnte: http://infokrieg.tv/zeitgeist_deutsch.html#part3 Wer sich fragt, warum HeliBen vorgibt, die Vergiftung durch weitere Giftdosen "heilen" zu wollen, finden Sie dort auch und einen Vorblick auf Kommendes. P.S.: Auch die ersten beiden Teile sind sehr sehenswert.
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