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Weltfinanzkrise: Obama führt die Welt ins postamerikanische Zeitalter

Ein Essay von Fareed Zakaria

Der neue US-Präsident Barack Obama hat sein Amt in der Zeitenwende angetreten: Mit der globalen Finanzkrise enden 25 Jahre des Wohlstands. Amerika hat die Sause mit Krediten finanziert - und steht nun in der Schuld, eine neue Architektur für Frieden, Freiheit und Wachstum zu errichten.

Jedes goldene Zeitalter geht einmal zu Ende. Und je glanzvoller es war, desto schlimmer fällt das Ende aus. Der Kollaps des Jahres 2008 ist der schlimmste Zusammenbruch des Weltfinanzsystems seit 1929 und kann durchaus zu den schlimmsten Wirtschaftsproblemen seit der Großen Depression führen.

Abbild der großen Panik in L.A.: Ausverkauf des amerikanischen Traums
AFP

Abbild der großen Panik in L.A.: Ausverkauf des amerikanischen Traums

Jedes Ereignis ist bislang beispiellos: die Verstaatlichung der größten US-Hypothekenfinanzierer; die Lehman-Brothers-Pleite, die größte, die es in der Geschichte je gab; der Beinahe-Zusammenbruch einst so altehrwürdiger Unternehmen wie Merrill Lynch und Washington Mutual; die Entscheidung der amerikanischen Zentralbank, Kreditrisiken von mehreren Billionen Dollar in ihre Bücher zu übernehmen; ein staatliches Rettungspaket, das 700 Milliarden Dollar umfasst, sowie ein Konjunkturprogramm im Wert von 850 Milliarden Dollar.

Verbindet man diese historisch einmaligen Ereignisse mit den nüchterneren, aber gleichwohl schmerzhaften Tatsachen auf der Ebene der Realwirtschaft - steigender Arbeitslosigkeit, Negativwachstum, abstürzenden Immobilienpreisen -, kommt eine Geschichte dabei heraus, die noch auf Generationen hinaus immer wieder erzählt werden wird.

Doch wichtiger noch als der Rückblick auf den Ablauf der Großen Panik des Jahres 2008 ist die Erinnerung daran, wie es dazu kam. Verursacht wurde sie weitgehend durch den Erfolg. Obwohl es immer wieder Hochs und Tiefs gab, war das letzte Vierteljahrhundert insgesamt durch ein ungewöhnlich hohes Wirtschaftswachstum gekennzeichnet. Der Umfang der weltweiten Wirtschaftsleistung verdoppelte sich rund alle zehn Jahre, von 31 Billionen Dollar im Jahr 1999 auf 62 Billionen Dollar im Jahr 2008, wobei die Inflation überraschenderweise dauerhaft niedrig blieb. Immer neue Weltgegenden wurden vom Wachstum erfasst.

Weltweiter Wettlauf um Wohlstand

Während die Familien im Westen in immer größere und komfortablere Häuser zogen, fanden Kleinbauern in Asien und Lateinamerika in den schnell wachsenden Städten Jobs. Rikscha-Fahrer arbeiteten nun in Software-Unternehmen. Afrikanische Geschäftsleute zapften den Weltmarkt an, um ihre Waren zu verkaufen. In den Jahren 2006 und 2007, als das gerade vergangene Golden Zeitalter seinen Höhepunkt erreicht hatte, wuchs die Wirtschaft in 124 Ländern - knapp zwei Dritteln aller Staaten auf dieser Welt - um mehr als 4 Prozent jährlich.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus blieb die freie Marktwirtschaft als einzig tragfähiges Wirtschaftsmodell übrig - ein enormer Anreiz für Regierungen in aller Welt, sich dem internationalen Wirtschaftssystem anzuschließen. Plötzlich konnte ein Sportgeschäft in Nebraska seine Waren aus China beziehen, sie nach Europa verkaufen und die Buchhaltung in Bangalore erledigen lassen.

Von Vietnam bis nach Kolumbien erkannten die Regierungsverantwortlichen, dass sie es sich nicht leisten konnten, bei diesem weltweiten Wettlauf um Wohlstand außen vor zu bleiben. Sie senkten ihren Schuldenstand, bauten wettbewerbsverzerrende Subventionen ab und übernahmen ähnlich vernünftige Strategien, nicht weil sie von den US-Finanzministern Bob Rubin oder Hank Paulson dazu gezwungen wurden, sondern weil die Vorteile eines Umschwungs in diese Richtung (und die Kosten, wenn sie es nicht taten) auf der Hand lagen. Diese Reformen lockten ausländische Investoren an und schufen neue Arbeitsplätze.

Das ökonomische Risiko hatte sich anscheinend nahezu in nichts aufgelöst. Da Kredite billig waren, nutzten Finanziers und Hausbesitzer sie im Übermaß und gaben mehr aus, als sie sich leisten konnten. Die Banken und Investoren, die all das billige Geld zur Verfügung stellten, wurden darin durch gut gefüllte Unternehmenskassen - die Profite stiegen in achtzehn aufeinanderfolgenden Quartalen zwischen den Jahren 2002 und 2006 jeweils zweistellig - und deutlich niedrigere Insolvenzraten als üblich noch bestärkt. Die guten Zeiten schienen nie mehr aufzuhören.

Warren Buffett erklärte, der Kern des Problems bestehe in der stetig zunehmenden Kreditfinanzierung - an der Wall Street das Modewort für Schulden. "Die ganze Situation", sagte er, "erinnert an Aschenputtel auf dem Ball: Die Jungs sehen immer besser aus, die Musik klingt immer schöner, man hat immer mehr Spaß und denkt sich: 'Warum soll ich bloß um viertel vor zwölf gehen? Ich werde um zwei Minuten vor zwölf gehen.' Das Problem ist jedoch, dass nirgendwo Uhren an der Wand hängen. Und jeder glaubt, dass er um zwei Minuten vor zwölf gehen wird."

Und so sind wir, kurz gesagt, 2008 in die Katastrophe geraten.

13 Kreditkarten und eine 120.000-Dollar-Hypothek

Schulden stehen in mancherlei Hinsicht im Zentrum der ganzen Geschichte. Seit den frühen achtziger Jahren verbrauchten die Amerikaner mehr, als sie produzierten - und sie schlossen die Lücke, indem sie Kredite aufnahmen. Dies gilt für alle gesellschaftlichen Ebenen. Die Verschuldung der Haushalte stieg von 680 Milliarden Dollar im Jahr 1974 auf sagenhafte 14 Billionen im Jahr 2008 und verdoppelte sich allein in den letzten sieben Jahren. Der Durchschnittshaushalt verfügt heutzutage über 13 Kreditkarten und ist mit einer Hundertzwanzigtausend-Dollar-Hypothek belastet.

In mancherlei Hinsicht waren die Haushalte allerdings noch die Speerspitze der Sparsamkeit. Auf Staats- wie auf kommunaler Ebene begannen Politiker, Anleihen auf die Zukunft zu machen, weil sie ihren Wählern ein neues Basketballstadion oder zwölfspurige Autobahnen bescheren wollten, ohne dafür die Steuern zu erhöhen.

Sie gaben Anleihen aus, um ihre Lieblingsprojekte zu bezahlen, Wertpapiere, die durch künftige Steuereinnahmen oder Lotteriegewinne "gesichert" waren. Doch selbst diese Politiker wurden durch den wahren König der Schuldenmacher noch in den Schatten gestellt: die amerikanische Bundesregierung.

1990 betrug die nationale Verschuldung rund drei Billionen Dollar. Bis zum Jahresende 2008 kletterte sie in den elfstelligen Bereich und überschritt die 10-Billionen-Dollar-Grenze. Jetzt steht sie bereits bei 10,6 Billionen Dollar. Auf der berühmten Schuldenuhr in New York ist für all diese Ziffern gar nicht mehr genug Platz. Ihre Betreiber wollen in diesem Jahr eine neue aufhängen, die um einige Stellen erweitert ist. In anderen Worten: Aus den Vereinigten Staaten wurde eine Schuldnernation.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 94 Beiträge
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1. ...
M. Michaelis 02.03.2009
Ein Grundfehler der Krise ist Schulden aufzunehmen und diese mit erwartetem zukünftigem Wachstum bezahlen zu wollen. Bedenklich ist dass auch unser Rentensystem auf diese Weise finanziert ist.
2. Schlechte Analyse
monokultur 02.03.2009
Was in dem Essay komplett übersehen wird, ist die Tatsache, dass den riesigen Schuldenbergen auch unverschämt große Kapitalvermögen gegenüberstehen. Nur wenn diese permanente Umverteilung nach Oben gestoppt wird, geht es mit dem Kapitalismus friedlich weiter. Die momentan eingeleiteten Maßnahmen verfahren eher nach der Methode "weiter so". Völlig blauäugig und mit typisch neoliberalem Zynismus wird auch wieder die Mär vom sich ausbreitenden Wohlstand verbreitet. Ein paar Millionen Chinesen in der Mittelschicht stehen Milliarden von Tagelöhnern, Habenichtsen und menschlichen Wracks gegenüber. Obendrein verschärft die rücksichtslose Konsumlust die ökologischen Verhältnisse. Was nutzt ein gut ausgebautes Mumbayer Abwassernetz für ein bisschen Mittelschicht, wenn tausende von Klospülungen dem Umland das Trinkwasser abgraben? Was die Welt jetzt nicht braucht, sind halbseidene Erklärungen wie in diesem Essay. Der real existierende Kapitalismus Hayekscher und Friedmannscher Gangart ist gescheitert. Und ob Obama die Welt in irgendein neues Zeitalter führen wird, mag bezweifelt werden. Er wird sich bereits einen Bruch daran heben, die USA aus dem Straßengraben zu ziehen.
3. Nochmal von vorn
monokultur 02.03.2009
Zitat von M. MichaelisEin Grundfehler der Krise ist Schulden aufzunehmen und diese mit erwartetem zukünftigem Wachstum bezahlen zu wollen. Bedenklich ist dass auch unser Rentensystem auf diese Weise finanziert ist.
Wo bitte ist denn die umlagefinanzierte Rente schulden finanziert? Sie ist es ja gerade nicht. Oder meinen sie die windigen Pensionsfonds die gerade überall crashen?
4. Lösungen ?
pax, 02.03.2009
Zitat von sysopDer neue US-Präsident Barack Obama hat sein Amt in der Zeitenwende angetreten: Mit der globalen Finanzkrise enden 25 Jahre des Wohlstands. Amerika hat die Sause mit Krediten finanziert - und steht nun in der Schuld, eine neue Architektur für Frieden, Freiheit und Wachstum zu errichten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,610347,00.html
Die wirtschaftliche Lösung für die USA liegt nach dem Artikel ja völlig auf der Hand. Zuerst eine hohe Kreditaufnahme um den kapitalfluss wieder zu starten. Dann eine starke Abwertung des US-Dollars um die Abhängigkeit von ausländischen Kapital zu veringern und die Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen Industrie gleichzeitig zu stärken. Die ganze Sache jetzt mit einer neuen Weltordnung zu verknüpfen ist ein wenig zu visionär. Ich halte schon jetzt das "multipolare" rumgewusel, bei dem sich jeder Politiker mal mit einer schönen ausländischen Krise ablichten lassen kann, für eher schädlich als nützlich.
5. Auftragsarbeit?
zeitmax 02.03.2009
Das könnte man vermuten, schließlich ist diese Darstellung der größten Finanzkrise aller Zeiten von jeder Historie unbeleckt. Kein Wörtchen im Kontext einer von der brutalen Kolonialmacht England erstmals ausgehenden, gnadenlosen Resourcenplünderung, kein Wort davon, daß die verantwortlichen Geldeliten sich vom British Empire ausgehend die USA als neue Spielwiese ausgesucht hatten, dort wunderbar gedeckt von einem großen, bis heute leicht zu manipulierenden, ahnungs- und bildungslosen Meltingpot. Ist dem Autor wirklich nicht ein- bzw. aufgefallen, daß die Bezeichnung "Hausneger" bei Obama geradezu ins Schwarze trifft? Weiß er nicht, daß im Wahlkampf zuerst beide Parteien großzügig von den selben Drahtziehern unterstützt wurden, bis Obama dann vorne lag? Nur mit einer solchen Marionette ( getragen übrigens von der fast gleich gebliebenen Rep.-Verwaltung) kann man den bisher überaus nützlichen, weil jederzeit abrufbaren "Terror"-Feind klein, aber auch weiter parat halten... Ich hatte lange angenommen, daß dem Geldadel durch das Zinssystem die Geldmengen-Umverteilung über den Kopf gewachsen sei, ein Crash ihm zur weiteren Bereicherung durch Sachwert-Notverkäufe der Normalbevölkerung nur gelegen komme. Weit gefehlt ! Heute denke ich, dass es - viel schlimmer - nur ein weiterer Schritt zur NWO ist, in der eine Welt-Einheitswährung samt -Weltbank Rockefellers Wunsch entsprechend eine Weltregierung darstellen wird. Die Lissabon-Verfassung spricht hier ebenfalls Bände (die nur keiner liest).
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