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Welthunger-Index: Dramatische Nöte in 33 Ländern

Immer mehr Menschen hungern. Die Zahl der akut Leidenden ist in den Jahren 2002 bis 2006 weltweit von 848 auf 923 Millionen Menschen angewachsen. Steigende Lebensmittelpreise haben die Krise verschärft.

Berlin - In 33 Ländern der Welt leiden die Menschen unter dramatischer Hungersnot. Für diese Nationen spricht der heute in Berlin veröffentlichte "Welthunger-Index" von einer "alarmierenden oder extrem alarmierenden Hungersituation". Insgesamt ist die Zahl der Hungernden weltweit von 848 auf 923 Millionen Menschen gestiegen.

Der elfjährige Cajeunes aus Cite Soleil auf Haiti: Die Lebensmittelkrise bedroht immer mehr Menschen
AP

Der elfjährige Cajeunes aus Cite Soleil auf Haiti: Die Lebensmittelkrise bedroht immer mehr Menschen

"Fast eine Milliarde Hungernde sind eine Schande für die Menschheit", erklärte die Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble, zu der von ihrer Organisation herausgegebenen Studie, die auf Zahlen der Uno basiert. "Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selbst schuld an ihrer Misere." Das allgemeine Umdenken über die Rolle des Staates im Zuge der Finanzkrise müsse sich auch auf die Hungerkrise erstrecken. "Die Welt braucht ein Rettungspaket gegen den Welthunger", verlangte die Ehefrau von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU).

In dem Bericht heißt es, seit 1990 gebe es in einigen Regionen der Erde durchaus langsame Fortschritte, vor allem in Süd- und Südostasien, im Nahen Osten und Nordafrika sowie in Lateinamerika und in der Karibik. Dennoch bleibe die Zahl der Hungernden in Südasien hoch. Im Afrika südlich der Sahara sei es ebenso schlimm, und dort gehe auch nichts voran. Am schlimmsten sei die Lage in der Demokratischen Republik Kongo, Eritrea, Burundi, Niger und Sierra Leone.

Hungerkrise
Horand Knaup
SPIEGEL ONLINE hat in neun Ländern Mütter getroffen, die von ihrem Alltag erzählen. Vom Schlangestehen beim Bäcker, vom immer karger werdenden Speiseplan, von der täglichen Angst vor leeren Tellern.
"Für hungernde und unterernährte Menschen in diesen Regionen stellen die steigenden Lebensmittelpreise eine ernste Bedrohung dar", heißt es in dem Bericht. "Menschen, die bereits zu wenig zu essen hatten, um sich gesund zu ernähren, stellen fest, dass sie sich nun noch weniger leisten können. Hunger ist eins der ernstesten Probleme, mit denen die Welt konfrontiert ist."

Die Autoren fordern deshalb mehr Anstrengungen. Nötig seien nicht nur mehr Nahrungsmittelhilfe, sondern auch viel höhere Investitionen in die Landwirtschaft und in soziale Sicherungsprogramme, ein faires Welthandelssystem, eine veränderte Haltung zu Biokraftstoffen und Maßnahmen zur Beruhigung des Lebensmittelmarkts.

asc/AP

Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind
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Neue Essgewohnheiten
In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.

Biokraftstoffe
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.

Spekulationen
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Schlechte Ernten
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.

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