Russland feiert Sieg über Nazi-Deutschland Angela Merkel auf der Anklagebank

Der traditionellen Militärparade zum Sieg über den Faschismus haftet stets ein Geist der Versöhnung an. In diesem Jahr ist alles anders. Die deutsche Kanzlerin sitzt nicht mehr auf der Ehrentribüne, sondern auf der Anklagebank.

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Yuri Afanasiev

Matthias Schepp, 49, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 23 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und den USA. In den vergangenen zwei Jahren hat er mit Michail Chodorkowski, den er seit den neunziger Jahren kennt, einen Briefwechsel geführt. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung Moskau" (2008) und, zusammen mit dem Fotografen Gerd George, "Von Peking nach Berlin" (2006).

Für mich als Deutschen in Moskau ist die Militärparade auf dem Roten Platz stets etwas Besonderes. Auf jeden Fall schaue ich sie mir im Fernsehen an, oft zusammen mit russischen Freunden und Kollegen. Niemals habe ich ein Wort der Anklage gehört, obwohl wir Deutschen die Sowjetunion mit einem einzigartigen Vernichtungsfeldzug überzogen haben. Deutsche zerstörten 1710 Städte, 70.000 Dörfer, 32.000 Fabriken, 2766 Kirchen und Klöster, 4000 Bibliotheken und 427 Museen. Die Sowjetunion beklagte 27 Millionen Tote.

Gerne nehme ich die Einladung auf die Journalistentribüne an, um das Spektakel mit eigenen Augen zu verfolgen und später dann mit den letzten überlebenden Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg zu plaudern. Jedesmal stehen sie mit ordensgeschmückter Brust in der Maisonne. Sonne und blauer Himmel sind stets garantiert, weil der Kreml schon viele Kilometer vor der Hauptstadt Wolken zum Abregnen bringen lässt. Dazu sprühen Flugzeuge Silberoxyd in die Wolken.

Garantiert ist auch die Freundlichkeit und Herzenswärme, mit der meine greisen Gesprächspartner auf meine Fragen antworten, obwohl die Generation meiner Großväter 6,8 Millionen Soldaten der Roten Armee den Tod gebracht hat.

Manchmal erzähle ich dann, dass mein Großvater väterlicherseits als Hitler-Gegner ein Konzentrationslager gerade so überlebt hat, mein Großvater mütterlicherseits aber in der SS war. Einmal hat mich ein spindeldürrer Veteran daraufhin in den Arm genommen.

Jedem 9. Mai, den ich als Korrespondent in den Neunzigerjahren oder später in der Putin-Ära erlebte, haftete der Geist der Versöhnung an. 2005 saß mit Gerhard Schröder und 2010 mit Angela Merkel der deutsche Bundeskanzler neben dem russischen Präsidenten auf der Ehrentribüne.

In diesem Jahr aber ist alles anders.

Angela Merkel und mit ihr das ganze deutsche Volk sitzen auf der Anklagebank. Gerade erschien das Kreml-nahe Boulevardblatt "Komsomolskaya Prawda", übersetzt "Die Wahrheit der Komsomolzen", mit einer fetten Überschrift, die die deutsche Regierungschefin in eine Linie mit Adolf Hitler stellte. "Frau Merkel! Für die Parade haben wir (Russen) unter euren (deutschen) Kugeln gelegen und jetzt liegen wir wieder darunter."

"In bester Tradition von Auschwitz"

Der Artikel empört sich über Merkels Kritik an Wladimir Putins geplantem Auftritt auf der Krim. "Ich finde es schade, wenn ein solcher Tag genutzt wird, um in einem solchen Spannungsfeld eine solche Parade abzuhalten", hatte die Bundeskanzlerin erklärt.

Merkel ignoriere das Leid der Menschen in den prorussischen Regionen, heißt es in dem Artikel. "Von Merkels Einwurf haben wir im belagerten Slowjansk gehört, dort wo nach Meinung derer, denen die Parade nicht gefällt, östliche Untermenschen leben", polemisieren die Autoren.

Weiter heißt es: "Die Krim soll also ein Spannungsfeld sein. Aber Odessa nicht, wo in der besten Tradition von Auschwitz die geistigen Nachfolger von Frau Merkels Landsleuten aus dem vergangenen Jahrhundert Menschen verbrannt haben. Oder Slowjansk, wo die Kiewer Bande mit dem Segen der EU und Deutschlands eine humanitäre Katastrophe vorbereitet." Slowjansk ist von prorussischen Separatisten besetzt, die Übergangsregierung in Kiew versucht, die Stadt mit militärischer Gewalt wieder unter ihre Kontrolle zu bringen.

Auch das Kreml-kritische Massenblatt "Moskowskij Komsomolez" kritisiert Merkels Äußerung - allerdings mit Argumenten und nicht ehrabschneidend. "Wir verstehen, dass Deutschland nicht das Dritte Reich ist", heißt es in dem Leitartikel, "Frau Merkel aber hätte besser geschwiegen. Sie ist die Vertreterin des Landes, das den Weltkrieg entfesselt hat. Das ist eben genau einer der Fälle, in dem weniger wichtig ist, was gesagt wurde, sondern wichtiger, wer es sagt."

Absurde, üble Propaganda

Die Regierungszeitung "Rossiskaja gaseta" druckt in prominenter Aufmachung und unter der Überschrift "Ist Ihnen Ihr Schweigen nicht peinlich?" einen an Merkel gerichteten Leserbrief. "Wo sind Ihre europäischen und amerikanischen Werte, wenn unter den Augen von Millionen von Fernsehzuschauern in Odessa und Kiew Massenmorde geschahen", die Neofaschisten des "Rechten Sektors" ausgeführt haben sollen.

An diesem Freitagmorgen rief mich ein ehemaliger Offizier einer russischen Eliteeinheit an, den ich bei einer Recherche kennengelernt hatte. "Wie kann denn Eure Bundeskanzlerin nur so etwas tun", fragte er immer wieder. "Die neue Junta in Kiew besteht doch aus Faschisten. Wieso helft Ihr denen? Erst zog Hitler über die Ukraine her und jetzt Merkel."

Ich hielt dagegen: Der gestürzte ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch sei einfach ein Dieb. Die neuen Machthaber in Kiew agierten zwar wenig umsichtig, aber Übergangspräsident Turtschinow und Übergangspremier Jazenuk seien keine Faschisten. Die gedankliche Linie zwischen Hitler und Merkel sei absurd und üble Propaganda.

Eine halbe Stunde stritten wir uns. Nur in einem stimmten wir am Ende überein: Wir sollten besser heute als morgen mit einer Abrüstung der Worte beginnen, wenn wir nicht wollen, dass sich der Kalte Krieg in Europa wiederholt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
wisdom 09.05.2014
1. Danke
für diesen Artikel, Herr Schepp. Und offensichtlich gibt es eine große Anzahl von deutschen Bürgern, die das genauso sehen wie ihre russischen Freunde und Kollegen. Ich distanziere mich als deutscher Staatsbürger und ehemaliger Angehöriger der Bundeswehr ausdrücklich von Frau Dr. Merkel und ihrer Politik!
sangerman 09.05.2014
2. wieviel Leid die ruhmreiche Sowjetarmee
über andere Länder gebracht hat, soll aber auch nicht unerwähnt bleiben: Polen, die Baltik-Staaten, Finnland, Mongolei, Kasachstan, Georgien ecc. und von den 27 Millionen sind hausgemacht?! 20?!
realpolitiker 09.05.2014
3. einseitige Parteinahme
Das ist die logische Konsequenz, wenn eine Regierungschefin sich alternativlos und einseitig vor den Karren einer Grossmacht spannen lässt. Im vorliegenden Fall in Gefolgschaft der US-Administration und der Nato sogar das akute Risiko eines neuen Kalten Krieges eingeht. Ich denke, die westliche Großmacht sollte sich lieber auf ihren eigenen Erdteil beschränken - dort hat sie genug Probleme hinterlassen. In Europa haben die "US-Falken" nichts zu suchen.
infrarot 09.05.2014
4. optional
Schlimm. Da wird dem Verfasser dieses Artikels einmal nicht dafür vergeben, dass Deutschland Russland mit einem Vernichtungskrieg überzogen hat und schon ist er beleidigt.
radostinsommerwald 09.05.2014
5. Als ginge es um die Parade
In der Tat ist die deutsche Politik was die ehem Sowjetunion anbetrifft ambivalent und überhaupt nicht konstruktiv. Merkel sitzt damit auf der Anklagebank - nicht nur in Russland, sondern hier ebenfalls. Der intrigante Griff nach der Ukraine, den Hitler militärisch versuchte, offenbart dass zwar die Methoden "zivilisierter" geworden sind, aber die geopolitischen Umtriebe noch nicht abgelegt worden sind. Dabei ist es so einfach mit den Siegern von 1945 auszukommen: Offenheit, Ehrlichkeit, Dialog, Handel. Mehr braucht es nicht. Wir haben keinen Erziehungsauftrag in Russland - niemand hat das. Die Russen massen sich das auch nicht an.
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