Kommentar zum Rückzug der USA Wir kriegen die Krisen

Die USA ziehen sich zurück, wollen nicht mehr für alle Konflikte der Welt zuständig sein. Sollen wir Europäer uns jetzt mehr engagieren? Wer das fordert, gilt in Deutschland schnell als Kriegstreiber. Doch diese Sicht ist reichlich selbstgerecht.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Was bringt uns das konkret?
REUTERS

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Was bringt uns das konkret?

Von , Washington


Amerika will nicht mehr. Nicht mehr der "liberale Hegemon" sein wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, nicht mehr in sinnlose Kriege ziehen, um andere Nationen mit Waffengewalt zur Demokratie zu bekehren, nicht mehr den Weltpolizisten spielen. US-Präsident Barack Obama nennt sein Gegenprogramm "nation building at home", auf Deutsch: Wir ziehen uns zurück, jetzt seid ihr mal dran.

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Heft 26/2014
ISIS-Kommandeur Abu Bakr al-Baghdadi

Das könnte noch zum Problem für uns werden.

Der Reihe nach. Einerseits bedeutet diese US-Wende positiven Wandel: Schluss mit den Allmachtsfantasien. Nicht durch Zurückhaltung, sagt Obama, sondern "durch militärische Abenteuer" seien in der Vergangenheit die schlimmsten Fehler gemacht worden. Richtig. Der Schatten des George W. Bush wird noch lange über Amerika hängen. "Retrenchment" und "Restraint" - die Codewörter für Amerikas Rückzug - beherrschen die gegenwärtige Debatte von links bis rechts. Die Mehrheit der US-Bevölkerung unterstützt das. Dies ist eine gute Entwicklung.

So weit wie möglich heraushalten

Allerdings fasst Obama seine Zurückhaltung recht weit. Lange Zeit etwa erhielten die moderaten syrischen Kräfte kaum Unterstützung - jetzt spielen sie kaum mehr eine Rolle. Es werden weitere Konflikte kommen, bei denen sich Amerika - politisch, militärisch - so weit wie möglich heraushalten wird. "Lasst uns unsere eigene Demokratie stärken und uns abschirmen", schreibt der liberale Kolumnist Thomas Friedman. Obamas Wende hat durchaus Potenzial zur Zeitenwende.

Der Umkehrschluss: Die Europäer und also auch die Deutschen werden künftig stärker für ihren eigenen Schutz sorgen und noch mehr internationale Verantwortung übernehmen müssen: politisch und militärisch. Wenn sie das nicht tun, dürfen sie nicht damit rechnen, dass ihnen die USA in jedem Fall die Kastanien aus dem Feuer holen, wie etwa anno dazumal in Bosnien. Künftige US-Präsidenten werden sehr genau abwägen, was der nationalen Sicherheit ihres Landes dient und was nicht. Die Europäer sollten dies auch tun - mit der Prämisse, dass Diplomatie immer Vorrang hat.

Doch was läuft in Deutschland? Eine Debatte im Wolkenkuckucksheim. Weil Joachim Gauck meint, dass man nicht nur von internationaler Ordnung profitieren, sondern sie auch gemeinsam mit den anderen gewährleisten sollte, und dass man manchmal im Kampf für Menschenrechte "auch zu den Waffen greifen muss" - deshalb wird er nun von Demonstranten als "Kriegstreiber" geziehen. Die Uno übrigens nennt dieses Prinzip "Schutzverantwortung".

Reichlich selbstgerecht ist diese Diskussion. Nach dem Motto: Beim Nachbarn brennt's? Egal, ist ja nicht meine Hütte und im Übrigen finde ich Feuer prinzipiell doof. Mancher diskutiert ernsthaft, ob die Hilfe bei der Zerstörung syrischer Chemiewaffen durch die Bundeswehr mit dem eigenen Gewissen vereinbar ist. Oder Finanzhilfen für Griechenland: Warum denn wir, was bringt uns das denn überhaupt konkret? Flüchtlinge aus Syrien? Moment mal, da sind aber erst mal andere dran! Russland bedroht die Freiheit der Ukraine? Na und, dann geben die halt einfach ein Stückchen Land ab!

Man kann den Amerikanern wirklich viele Fehler vorhalten, aber sie waren immer wieder bereit, sich für andere einzusetzen. Nicht zuletzt für die Deutschen.

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Die USA ziehen sich Schritt für Schritt von ihrer Rolle als Weltpolizist zurück. Sollten die Europäer dann eben ohne die Amerikaner eingreifen, wenn Freiheit und Menschenrechte geschützt werden müssen?

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Sebastian Fischer ist Stellvertretender Ressortleiter im Politik-Ressort mit Sitz im Hauptstadt-Büro.

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arminku 24.06.2014
1. Sich um Probleme kümmern....
Davon haben wir selber genug. Bevor wir der Welt unsere Weltanschauung anbieten sollten wir unsere abdriftende Gesellschaft selber stabilisieren. Wir lügen wenn hier behauptet wird das Deutschland bzw. Europa ( womit wir wieder uns meinen, nicht Ungarn oder sogar ein nicht EU Mitglied) einer destabilisierten wirkliche Grundlagenhilfe geben kann.
dxaver 24.06.2014
2.
1. Wir machen die Krisen. Wir liefern die Waffen, zerstören die Sozialsysteme, fördern autoritäre Regime. 2. Seit wann sind die USA liberal ? Tea Party, NSA, gewerkschaftsfeindlich, ... Was bedeutet dem Autor "liberal".
DeeLaa 24.06.2014
3. schwachsinn
Warum werden die USA so gefeiert? Hört sich so an, als Rettet sie alles und jeden und ist immer da, wenn sich die Bösewichte wieder zanken. Dabei ist die USA doch dafür verantwortlich, dass es in einigen Ländern katastrophale zustände herrschen. Europa sollte sich dieser "ehrenvollen" Aufgabe nicht annehmen, das würde diese ganze Verbindung nur noch lächerlicher erscheinen lassen.
rainer_unsinn 24.06.2014
4.
Zitat von sysopREUTERSDie USA ziehen sich zurück, wollen nicht mehr für alle Konflikte der Welt zuständig sein. Sollen wir Europäer uns jetzt mehr engagieren? Wer das fordert, gilt in Deutschland schnell als Kriegstreiber. Doch diese Sicht ist reichlich selbstgerecht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/weltpolizei-europa-nach-rueckzug-der-usa-kommentar-a-976979.html
Wie wäre es denn mal mit einer ganz neuen Taktik. Wir lassen einfach die postkoloniale Weltordnung zu Teufel gehen und backen in Zukunft kleinere Brötchen. Was anderes wird uns sowieso nicht übrig bleiben. Niemand will ein Weltreich EU,weder innerhalb noch außerhalb Europas.
Bimö 24.06.2014
5. Die BRD
Zitat von sysopREUTERSDie USA ziehen sich zurück, wollen nicht mehr für alle Konflikte der Welt zuständig sein. Sollen wir Europäer uns jetzt mehr engagieren? Wer das fordert, gilt in Deutschland schnell als Kriegstreiber. Doch diese Sicht ist reichlich selbstgerecht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/weltpolizei-europa-nach-rueckzug-der-usa-kommentar-a-976979.html
war schon immer Hintergrund-Krisenmanager der USA. Wenn sich die USA zurückziehen, so wird es unvermeidlich, dass auch Deutschland seine "humanitäre" Politik ändert - die freilich nichts anderes war als eine Art legitimatorisches Trostpflästerchen für die bombardierten Länder.
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